Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 1 von 8)

von Serhij Zhadan

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

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Illustration: Elisabeth Moch


Die Stadt war leer. Nicht einmal die Vögel waren noch da. Als hätte man sie vergiftet. Oder erschreckt. Aber was könnte einen Vogel in einer großen Stadt schon erschrecken? Vielleicht Massen von Menschen. Oder deren Abwesenheit. Absolute Abwesenheit. Wenn die Straße für den Menschen gefährlich ist, dann kann sich der Vogel dort natürlich auch nicht sicher fühlen. Heißt das, unsere Ängste übertragen sich auf die Vögel? Oder bloß unsere Neurosen?

Noch gestern Abend hatte ich nicht geplant, aus dem Haus zu gehen. In der Küche waren noch Reste von Vorräten, ich aß wenig und es hatte sich gezeigt, dass die Routine, morgens zu kochen, gar keine war – zu anstrengend und beschwerlich erschien mir das Zubereiten von Nahrung, sodass ich versuchte, die Küche eher selten zu betreten. Im letzten Winter hatte ich mir das Trinken abgewöhnt. Das Rauchen brauchte ich mir nicht abzugewöhnen – damit habe ich gar nicht erst angefangen. Das Fehlen schlechter Gewohnheiten lernt man vor allem dann schätzen, wenn man sie loswerden muss. Andererseits – welche unserer Gewohnheiten ist eigentlich nicht schädlich? Selbst das Leben ist schädlich und nimmt meist ein schlechtes Ende.

In den vergangenen Monaten war ich kaum draußen gewesen. Fast den ganzen Winter hatte ich allein verbracht, in der stillen leeren Wohnung, Filme geschaut oder einfach nur ausgeschlafen. Einmal in der Woche ging ich raus, vor allem um Essen zu besorgen. Aber vor einigen Tagen war das Trinkwasser, das ich in der Apotheke immer in mehreren Flaschen kaufte, fast aufgebraucht. Je weniger Wasser, desto schlechter meine Laune, denn es bedeutete, dass ich mich aufmachen musste, mich anziehen, in die Stadt gehen, in die Apotheke. Als die letzte Flasche leer war, versuchte ich noch eine Weile, die Umstände zu überlisten – trank langsam, als sei es Medizin, den Rest aus dem Wasserkocher, danach den letzten Saft aus dem Kühlschrank, fand dann im Rucksack noch eine Plastikflasche, die ich im vergangenen Jahr eingepackt hatte, im Sommer, als ich bei Hitze auf die Straße musste. Trotzdem ging das Wasser zur Neige. Leitungswasser trank ich nicht – dazu konnte ich mich nicht überwinden, wenn ich an seine Zusammensetzung und die Menge an Keimen darin dachte. Heute Morgen war ich vor Durst wach geworden. Unmöglich, dachte ich, das überschreitet die Grenzen des Zumutbaren. Los: Steh auf, zieh dich an, schnell in die Apotheke. Dann kannst du dich wieder vor den PC setzen. 

Von dieser Sauberkeit und Aufgeräumtheit wurde einem ganz ungemütlich

Die Straße war leer wie nach einer Silvesternacht. Aber etwas war anders, etwas stimmte nicht. Was eigentlich?, fragte ich mich. Sauber. Die Straße war sauber. Am ersten Januar, am späten Vormittag, wenn man sich nach langem, sinnlosem Feiern aufrafft und auf die Straße tritt, sieht man Berge von Müll – feiertäglichen, farbigen, unterschiedlichsten Müll. Überreste von Feuerwerk, buntes Papier, leere Weinflaschen. Jetzt war alles ganz anders – die Straße wirkte wie geleckt: gefegte Bürgersteige, gesäuberte Rabatten. Von dieser Sauberkeit und Aufgeräumtheit wurde einem ganz ungemütlich. Als hätte ein Todeskandidat, bevor er auf den elektrischen Stuhl stieg, zu guter Letzt noch seine Zelle aufgeräumt.

Vielleicht lieber umkehren?, fragte ich mich selbst.

Hör auf, dir was einzubilden, versuchte ich gleich mich wieder zu beruhigen, heute ist Sonntag, es schlafen noch alle.

Heute ist Montag, verbesserte ich mich. Montag! Zwei Uhr nachmittags! Du hast bis Mittag geschlafen. Hast alles verschlafen. Etwas ist passiert, während du weg warst. Lauf zur Apotheke, geh wieder heim und schau die Nachrichten.

Ich hörte auf mich, versuchte mich zu beruhigen und ging weiter.

Während ich so ging, wollte ich mich möglichst wenig umschauen, um meine Angst nicht zu zeigen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich jedoch – der Friseur im Nachbarhaus war geschlossen, innen war es dunkel. Die schwarzen Friseurkittel hingen am Ständer wie Banner an der Zufahrt zu einer Stadt, die an der Pest zugrunde gegangen ist. Die Bar daneben – ebenfalls zu. Es ist einfach noch zu früh, erinnerte ich mich, gegen Abend öffnen sie bestimmt. Doch ich beschleunigte den Schritt, als müsste ich jemanden abschütteln. Mir fiel auf, wie laut meine Schritte waren. Schon längst wollte ich doch keine Turnschuhe mehr tragen, die klatschen auf den Asphalt wie Taucherflossen. Nächstes Mal gehe ich bestimmt in normalen Schuhen raus.

Nächstes Mal bestimmt, wiederholte ich skeptisch. Nur, wann wird das sein, das nächste Mal?

Wenn du nächstes Mal Wasser holen gehst, antwortete ich mir selbst bissig.

Wo gibt es denn welches?, versuchte ich mich zur Räson zu bringen. Die Stadt ist leer!

Nichts ist leer, antwortete ich ruhig, aber voller Wut. Die Stadt ist wie immer.

Die Gerüche waren nicht verschwunden. Die Gerüche waren geblieben

Die Stadt war wie immer. Gegenüber die Musikschule. Ich schaue dort immer hin und lausche unbewusst auf die Klänge der Instrumente. Also lauschte ich auch jetzt. Nur dass ich nichts hörte. Als wäre ich heimgekommen, wollte mich auf den Stuhl setzen, der seit Jahren am Fenster steht, und der Stuhl ist weg! So waren auch die Musikinstrumente weg. Alles war weg. Stille. im Milchgeschäft etwas weiter – ebenfalls Stille. Obwohl es noch nach Milch roch. Die Gerüche waren nicht verschwunden. Die Gerüche waren geblieben. Vielleicht ist das überhaupt das Letzte, was ich im Sterben spüren werde – den Geruch des Lebens.

Ist nicht Feiertag?, fragte ich mich selbst. Was ist heute für ein Datum? Der 11.? Irgendein Feiertag. April, der 13. Natürlich, irgendein Feiertag.

Was denn für ein Feiertag?, antwortete ich mir selbst mit unverhohlener Angst. Es ist kein Feiertag. Kein freier Tag. Ein normaler, ein gewöhnlicher Montag. Auf der Straße müssten jetzt Menschen sein. Auf den Bäumen Vögel. Wo sind sie alle? Wohin verschwunden? Was ist passiert, während ich daheimgesessen habe?

Was war passiert? Und wie lange hatte ich daheimgesessen? Das letzte Mal war ich vor einer Woche draußen gewesen. Auch am Montag. Genau, am Montag. Das ist wie ein Reflex – am Montag den Zähler auf null stellen, für neue wichtige Angelegenheiten und unaufschiebbare Aufgaben. Wie den Gang zum Supermarkt. Das Wochenende verging langsam, das späte Hellwerden im Frühling draußen wurde schnell von einer raschen Abenddämmerung abgelöst, vor meinen Fenstern standen hohe Bäume, sodass ich außer dem scharfen winterkahlen Astwerk eigentlich nichts sah. Und auch nichts sehen wollte. Aber am Montagmorgen raffte ich mich doch auf. Zehn Minuten hin, zehn Minuten zurück. Zehn Minuten im Supermarkt. Wenn man sich von nichts aufhalten lässt, ist man in einer halben Stunde wieder zu Hause. Ich streifte das dunkle T-Shirt über, bequeme Straßenhosen, die schwarze Jacke. Putzte mir extra nicht die Zähne – um nicht in Versuchung zu geraten, unterwegs mit jemandem zu reden. Schnappte mir den Rucksack, trat aus dem Haus. Im Supermarkt gab es lange Schlangen vor den Kassen. Männer mit Einkaufswagen, Frauen mit Tüten. Ein Haufen Menschen, aber es herrschte Stille. Eine angespannte, lebendige Stille. Als ob alle nur deshalb nicht redeten, weil sie gerade schon so viel geredet hatten. Man beäugte sich, wie Verwandte auf der Totenfeier, bevor das Testament eröffnet wird – es tut einem leid um den Verstorbenen, aber den anderen traut man trotzdem nicht über den Weg. Was haben die sich genommen, weswegen sind sie hier? Und warum am Montagmorgen? Warum waren sie nicht bei der Arbeit, in der Universität, warum brachten sie die Kinder nicht in die Schule? Was war los, was hatte ich verpasst?

Angespannte Gesichter der Wachleute. Mit solchen Gesichtern bewacht man nicht Konserven im Supermarkt, sondern Serienmörder

Ich versuchte, mich zu erinnern. Aber an was kann man sich im Supermarkt schon erinnern? Regale. Ich glaubte, ein paar waren leer. Keine Kinder. Als habe man Angst, mit ihnen rauszugehen. Angespannte Gesichter der Wachleute. Mit solchen Gesichtern bewacht man nicht Konserven im Supermarkt, sondern Serienmörder. Komisch, dass mir all das vor einer Woche gar nicht aufgefallen war. Komisch, dass ich es nicht beachtet hatte. Gleich erreiche ich die Apotheke, kaufe Wasser, gehe heim und schaue mir unbedingt die Nachrichten an. Unbedingt. Heute sind die Nachrichten bestimmt interessant.  

Als ich zur Kreuzung kam, stoppte ich an der Ampel. Versuchte, bei Rot rüberzugehen, hielt mich dann aber zurück: Bleib stehen, befahl ich mir, keine Bewegung. Warte auf Grün. Leere Straßen, nackte Bäume. Endloses Rot, das schließlich auf Grün umsprang. Vorsichtig ging ich auf die andere Seite. Die Apotheke war nur eine Straße weiter. Nur noch ein Stückchen, tröstete ich mich, keine Sorge, nur noch ein Stückchen. Ach, die Laternen brennen, bemerkte ich. Andererseits – die Tage waren noch frühlingskurz, vielleicht hatten sie beschlossen, sie einfach nicht abzudrehen. Alles funktionierte, alles in Ordnung, angeschaltete Ampeln. Die Laternen brannten, die Straßen waren gefegt. Alles war in Ordnung, keine Panik. Du warst einfach lange nicht draußen, bist einfach das normale Straßenlicht nicht mehr gewohnt, von den Laternen, die am helllichten Tag brennen. Gleich gewöhnen sich deine Augen daran und alles ist in Ordnung. Keine Gefahr.

An der Ecke, fast schon abgebogen und bei der Apotheke angekommen, bemerkte ich die Mülltonnen. Etwas brachte mich dazu anzuhalten. Ich stand da und betrachtete die Blechcontainer, vollgepackt mit Abfalltüten, Papier, Folie, Pfandflaschen und Pappverpackungen. Schaute wie gebannt auf die Tonnen. Als hätte ich sie noch nie gesehen. Die lange Perspektive der frühlingshaften Straße, ein tiefer, verhangener Himmel über der Stadt. Keine Fußgänger. Keine Autos. Keine Vögel und Flugzeuge am Himmel über mir. Völlige Abwesenheit von irgendetwas Lebendigem. Ohne Fußgänger schien die Straße besonders lang, das war mir noch nie aufgefallen. Eine lange, breite, saubere Straße. Gefegte Bürgersteige, aufgeräumte Vorgärten, geleckter Asphalt. Und überquellende Mülltonnen! Warum wurden sie nicht geleert? Warum waren die Straßen sauber, aber die Mülltonnen übervoll? Wann wurden sie zuletzt geleert? 

Ich trat an die Mülltonnen. Begann, den Müll herauszufischen. Griff nach den Milchflaschen aus Plastik. Milch verdirbt am schnellsten. Was haben wir hier für ein Datum? Das Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Flaschen, Joghurtbechern und Fertigprodukten aus dem Supermarkt war lange abgelaufen. Das alles war vor langer Zeit gekauft und offensichtlich auch vor langer Zeit weggeworfen worden. Den verblichenen Flecken und dem scharfem Gestank nach zu urteilen lag das alles schon mindestens eine Woche hier. Mindestens eine Woche.

Tief in der Tonne, unter Pizzakartons, entdeckte ich ein Stück Zeitung. Ich zog sie zu mir und riss die Kartons mit heraus. Eine Fernsehwochenzeitung. Für die vergangene Woche. Also zwei Wochen alt. Man hat sie gekauft, um zu wissen, was in den folgenden sieben Tagen im Fernsehen kommt. Gewohnheitsmäßig schaute ich mir das Programm für den vergangenen Montag an. Nachrichten, Serie, Nachrichten, Serie, Nachrichten. Ich holte mein altes Handy heraus, schaute noch einmal auf die Uhrzeit. Zwei Uhr nachmittags. Zeit für die Nachrichten.

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

 

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