Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 5 von 8)

von Patricia Grace

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

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Illustration: Elisabeth Moch


»Elsa.« Die Stimme klang unbekannt. Elsa wollte sich gerade umdrehen und wegrennen, als eine Frau, ungefähr in ihrem Alter, mit hellbraunem Haar und hellen Augen, aus der Hütte trat. 

»Komm rein, iss mit uns«, sagte sie. Aber Elsa wusste genau, dass mit Fremden zusammen zu essen oder sonst etwas zu tun, verboten war und gefährlich sein konnte. Nun traten weitere Unbekannte ins Freie und lächelten – eine mollige Frau mit schwarzen Haaren, ein alter Mann mit weißem, schulterlangem Haar und eine große, magere Frau mit einer Orange in der Hand.

»Wir haben auf dich gewartet«, sagte die helläugige Frau.

»Ich kenne Sie nicht«, sagte Elsa. Die vier wären jederzeit in der Lage, sie zu überwältigen und in einen Rettungswagen zu schieben, wurde ihr klar. Und dann. Was dann kam, wusste sie nicht.

»Du kennst uns vielleicht nicht, aber wir kennen dich schon seit einiger Zeit«, sagte die rundliche Frau. »Du arbeitest in der Bibliothek, richtig?«

»Ja, das stimmt, aber ...«

»Und du bist diejenige, die auf das Tagebuch von Lew Smidowytsch gestoßen ist.«

»Ich habe mit niemandem darüber gesprochen.«

»Aber ist es nicht so, dass Leute wie du, die in der Handschriftenabteilung arbeiten, überwacht werden?« 

»Die ›Wächter‹ sind integre Personen, die aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und Loyalität für die Aufgabe ausgewählt worden sind.« 

»Ärger hoch zwei, was?«, sagte der Mann, und die anderen lachten. 

»Damit will er sagen, dass wir ein paar Vertraute unter den ›Wächtern‹ haben, in verschiedenen Städten und verschiedenen Ländern.« 

»Und wir wissen, dass du im Herzen auch eine von uns bist«, sagte die Frau mit der Orange in der Hand. »Eine Verbündete, auch wenn du selbst vielleicht nichts davon ahnst. Auf jeden Fall wollen wir dir keine Angst einjagen. Du willst doch zurück zu deinem Buch, richtig? Du würdest nichts lieber tun, als zwischen den Bäumen zu sitzen und zu lesen?« 

»Ich kenne Sie nicht«, wiederholte Elsa und überlegte verzweifelt, wie sie am besten aus dieser Situation herauskam. Mach einfach mit, sagte sie sich. Mach mit. 

»Bitte hab keine Angst, wir sind auf deiner Seite«, sagte der Mann. »Oder, anders gesagt: Du bist auf unserer Seite.« 

»Ich bin auf gar keiner Seite.« 

»Das glaubst du. Das glaubst du. So lebst du in Sicherheit, und damit hast du Recht. Aber ganz, ganz tief in deinem Herzen ...« 

»Ich will jetzt gehen.« 

»Alles zu seiner Zeit. Alles zu seiner Zeit«, sagte er. »Wie ich schon sagte, tief in deinem Innern weißt du Bescheid, du verstehst. Du hast gezögert, als du mit dem Scannen fertig warst, und kurz überlegt, ob du den Ordner vielleicht aus dem Fenster werfen sollst. Hab keine Angst.« 

»Ich habe nur meine Aufgabe erfüllt, und die besteht darin, digitale Kopien von alten, empfindlichen Handschriften anzufertigen. Dieses spezielle Manuskript hatte so brüchiges Papier, dass ich beschlossen habe, es nicht jemand anderem zum Einscannen zu überlassen, sondern es selbst zu machen.« 

»Ja, natürlich, empfindlich. Aber ich glaube, du hast es auch deswegen selbst gemacht, weil du weißt, was für verheerende Folgen es haben könnte, wenn das Tagebuch in die falschen Hände fallen würde.« 

Elsa wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. »Ich kann es nicht für Sie besorgen. Und ... ich weiß auch nicht, wer Sie sind.« 

»Wir wollen gar nicht, dass du es für uns besorgst«, sagte die Frau mit der Orange. »Natürlich nicht. Dein Leben ist wichtiger als so etwas, und wir brauchen dich. Du bist sehr wertvoll für uns.« 

»Jetzt kommen wir zu dem, was wir mit dir besprechen möchten«, sagte die Frau mit den hellen Augen. »Wir haben eine Frage an dich. Ein derart empfindliches Manuskript würdest du ja sicher von Hand einscannen, eine Seite nach der anderen. Richtig?« 

»Das ist korrekt.« Elsa zwang sich, ruhig zu bleiben. Was sollte die Frage? 

»Und du würdest jede Seite ansehen, nachdem du sie eingescannt hast?« 

»Ja.« 

»Und beim Ansehen würdest du sie auch durchlesen?« 

»Ich ...« 

»Du bist eine Leserin, eine erfahrene Leserin, eine Schnellleserin. Eine Bibliothekarin. Das gedruckte Wort ist deine Welt. Mit deiner Erfahrung kannst du eine Seite überfliegen und weißt hinterher, was drinsteht, richtig?« 

Elsa trat von einem Fuß auf den anderen und sah zu Boden. »Nicht Wort für Wort.« 

Die Leute, die sie ins Verhör genommen hatten, stießen erleichterte Seufzer aus. Erfreut forderten sie Elsa auf, mit in die Hütte zu kommen. Bisher hatten in den modrigen Zimmern mit den Graffitis an den Wänden nur Spinnen, Insekten und Mäuse gehaust, nistende Vögel, wilde Katzen und Hunde. Jetzt war alles aufgeräumt, mehr oder weniger sauber und bewohnbar. Im größten Raum stand eine Arbeitsfläche, darauf ein großer Wasserkanister, daneben Essen, Teller, Lappen, Besteck und ein Gaskocher, auf dem ein Topf mit Suppe köchelte. Die vier forderten Elsa auf, an einem kleinen Tisch Platz zu nehmen, und setzten ihr Suppe und Brot vor, mit der Versicherung, sie könne beides gefahrlos essen. Mitmachen, dachte sie, mitmachen. Auf dem Regal, das sonst leer gewesen war, standen Bücher und stapelweise Schreibpapier. 

Während sie aß, erzählten ihr die anderen, sie seien Mitglieder einer Gruppierung, die die Ultras bekämpften, etwas, das sehr lange dauern würde. Sie hatten Tausende von Mitgliedern, aber was noch fehlte, war eine breite, öffentliche Bewegung – Unterstützung für die, die wussten, dass Verbrechen begangen worden waren, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Was sie brauchten, war ein Held, eine Inspirationsquelle, Geschichten. Der Name Lew Smidowytsch war ein Name, der ihnen von den Vorfahren überliefert worden war, aber nach Smidowytschs Tod waren alle Hinweise auf ihn vernichtet worden – mit Ausnahme seines Tagebuchs. Vermutlich hatte ein »Wächter« getan, was richtig war, das Manuskript vielleicht ein paar Jahre lang versteckt und dann in der Zentralbibliothek deponiert. Wenn die richtige Zeit kam, musste die Welt Lews Geschichte hören. 

»Wir wollen vier Kopien anfertigen«, sagte die helläugige Frau. »Geräte haben wir nicht, aber wie du sehen kannst, haben wir Papier, Kugelschreiber, Bleistifte. Hilfst du uns?« 

Mitmachen. 

»Ja, es war ein Tagebuch«, sagte Elsa, während die anderen zu schreiben begannen. »Aber es war auch eine Autobiografie, Lew Smidowytschs Lebensgeschichte. Lew wurde in eine Familie geboren, die zwar einfach lebte, aber Geld geerbt hatte. Seine Eltern waren Musiker, die verschiedene Saiteninstrumente spielten und durch die Welt tourten, manchmal mit einem Quartett auftraten, manchmal mit einem ganzen Orchester. Auf jeden Fall, bis Lew relativ spät in ihrer Ehe geboren wurde. Dann gab erst seine Mutter die Konzertreisen auf und dann auch sein Vater. Ihre größte Freude war es, ihrem Sohn kleine Melodien vorzuspielen, und als er groß genug war, brachten sie ihm das Geigenspiel bei. Doch beide starben bald, und Lew war allein. 

An dem Tag, an dem Lew in den Nachrichten sah, dass ein Virus sich auf der ganzen Welt ausbreitete, schloss er die Jalousien, verriegelte die Türen und beschloss, sich von der Außenwelt fernzuhalten. Den Sommer und fast den ganzen Winter verbrachte er allein in seiner stillen, leeren Wohnung. Nur einmal in der Woche ging er hinaus, um sich Essen zu besorgen. Wasser kaufte er immer in mehreren Flaschen in der Apotheke, denn Leitungswasser trank er nicht.« 

Elsa beschrieb die leeren Straßen in allen Einzelheiten, wie Lew auf die Suche nach Trinkwasser gegangen war, wie er magisch angezogen wurde vom Fenster der Apotheke und was er dort mit ansah – die Zukunftsvision, die sich ihm offenbart hatte. Auf dem Heimweg wurde ihm klar, dass die leeren Straßen ebenfalls Teil der Vision gewesen waren, denn nun kamen Menschen aus den Häusern, gingen hinein, Geschäfte standen offen, die Zeitungsverkäufer waren auf der Straße, ein Rettungswagen fuhr vorbei. Er kaufte Wasser und ging nach Hause. 

Der Name Lew Smidowytsch war ein Name, der ihnen von den Vorfahren überliefert worden war, aber nach Smidowytschs Tod waren alle Hinweise auf ihn vernichtet worden – mit Ausnahme seines Tagebuchs

Er legte sich ins Bett und fragte sich: Warum lebe ich? Warum ist mir diese Vision gezeigt worden? Wofür ist mein Leben vorgesehen? Was soll ich jetzt tun? 

Er gab sich selbst die Antwort: Ich muss das Haus verlassen und die Armen der Welt warnen, was die Mächtigen mit ›unwertem Leben‹ vorhaben. Ich werde zu den Bettlern gehen, den Ausgestoßenen, den Waisen, den Obdachlosen, den Unbehausten, den Unterernährten, den Besitzlosen, den Krüppeln, den Buckligen, den Blinden, den Weissagern und Hexen. Ich werde die Wissenden und die Seherinnen finden, alle, die bereit sind, sich den Ultras in den Weg zu stellen, damit sie nicht die totale Macht an sich reißen können. Ich werde Geige spielen, wir werden uns versammeln, und ich werde ihnen sagen, was ich gesehen habe – die Vision, in der die ›Unwerten‹ in Rettungswagen geladen, weggebracht und getötet oder in Massengräbern lebendig begraben werden und man nie wieder von ihnen hört.« 

Am nächsten Morgen verließ er seine Wohnung. Er packte einen Mantel, Verpflegung und Münzen ein, nahm seine Geige und machte sich auf die Reise. 

»Das reicht erst mal für heute«, sagte die Frau mit den hellen Augen. »Morgen hat die Bibliothek geschlossen. Du musst heute Nacht bei uns bleiben. Morgen früh machen wir weiter.«

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

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