Wollmützen im Friedenscamp

Subcomandante Marcos

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Seit zwölf Jahren reisen Menschenrechtsbeobachter aus aller Welt ins mexikanische Chiapas. Sie dokumentieren Menschenrechtsverletzungen durch Militärs und Paramilitärs in Gemeinden, die mit den Zapatisten sympathisieren, einer indigenen Guerilla, die für Autonomie und Gleichberechtigung der Nachfahren der Maya kämpft. Die Freiwilligen leben in zivilen Friedenscamps mit engem Kontakt zur Bevölkerung und den Guerilleros. Der literarisch ambitionierte Sprecher der Zapatisten, Subcomandante Marcos, hat den internationalen Helfern in einem Roman ein eigenes Kapitel gewidmet. Aus der Perspektive eines philippinischen Automechanikers aus Barcelona erzählt er von den meist jungen Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven ins Land der Zapatisten reisen.
 
 
 Ich war manchmal der Torwart für die Mannschaft der campamenteros, wie sie hier im Dorf sagen, oder der campamentistas, wie wir campamenteros uns selbst nennen. Das heißt, wir Männer und Frauen aus aller Herren Länder, die wir gerade im Friedenscamp sind, tun uns zu einer Fußballmannschaft zusammen und treten gegen die Teams der zapatistischen Dörfer an.


 Wenn ich mitgespielt habe, haben wir meistens verloren. Aber glaubt bloß nicht, dass das daran liegt, dass sich die Zapatisten beim Spielen geschickter anstellen, nein, nein. Es lag eher an einem Kommunikationsproblem. Wir – unser Team war stets gemischt, es bestand aus Männern und Frauen – riefen uns gegenseitig Anweisungen auf Französisch, Euskerra, Italienisch, Englisch, Deutsch, Türkisch, Dänisch, Schwedisch und Aymara zu. Niemand verstand auch nur ein Wort, und es war, wie die Leute hier sagen, eine Mordsschau, aber der Ball flog eben immer dahin, wo er gerade nicht hin sollte.(...)


 Ich komme von den Philippinen und heiße Juli@, mein Nachname lautet Isileko. (...) Im Dorf nennen die Leute mich „Julio“.


 Hier eine genauere Personenbeschreibung: Ich rasiere mein Kopfhaar und habe einige Tätowierungen am Körper. Auf dem Rücken, zwischen den Schulterblättern, habe ich mir in gotischer Schrift ein Schild mit der Aufschrift „diese Seite nach hinten“ eingravieren lassen, auf der Brust eines, das besagt „diese Seite nach vorn“. Für den Fall, dass ich gevierteilt werde. Ein weiteres Tattoo trage ich unterhalb des Bauchnabels, es lautet „Vorsicht, zerbrechlich!“ und weist mit einem Pfeil auf mein Geschlecht. Noch eines befindet sich auf meinem Gesäß, welches verkündet: „Umtausch ausgeschlossen“. Ich bin auch beringt oder gepierct, wie man in Spanien sagt, aber nicht allzu stark: Ein Ring in der linken Augenbraue, zwei im rechten Ohr, drei im linken Ohr, einer in der Nase, einer in jeder Brustwarze, und das war’s.


 Ich bin hierher ins zapatistische Gebiet gekommen, weil ich es satt hatte, Kommuniqués zu lesen. Ich hatte durch die Lektüre eines Buchs von Manuel Vázquez Montalbán angefangen, mich für die zapatistische Bewegung zu intere-ssieren. Nicht, dass ich den Schriftsteller etwa persönlich gekannt hätte, aber eines Tages fand ich beim Reparieren eines Autos das Buch auf dem Rücksitz. Nachdem ich es gelesen hatte, fragte ich einen Arbeitskollegen, ob er etwas über die Zapatisten in Chiapas wüsste. Er verneinte, sagte aber, in der Nähe seiner Wohnung gäbe es einen Ort, an dem sich junge Leute versammelten, so ähnlich Beringte wie ich, die diese Zapatisten unterstützen wollten. Da ging ich hin. Ich besorgte mir weitere Bücher und ein paar Internetadressen, wo man die Kommuniqués nachlesen kann. Ich habe sie alle gelesen, das heißt, alle bis zu dem Zeitpunkt, als ich nach Chiapas aufbrach. Irgendwann hatte ich das Lesen satt, weil ich spürte, dass in den Texten nur Bruchstücke einer Geschichte sichtbar wurden, die eigentlich viel größer war, ganz so, als würden die Schriften mir nur ein paar Teile eines Puzzles in die Hand geben und mir die anderen, die wichtigsten, vorenthalten. Ja, ich war wütend auf den Sub, ohne ihn überhaupt zu kennen. Ich begann zu hinterfragen, warum von manchen Dingen gesprochen wurde, von anderen aber nicht. Mit welchem Recht zeigt mir dieser Wollmützenheini ein paar Dinge und verbirgt wiederum andere vor mir? Ich muss dorthin, dachte ich. Ich beschloss, nicht mehr zu den Fußballspielen der Profiliga zu gehen. Der FC Barcelona war sowieso gerade nicht sonderlich auf der Höhe. So konnte ich ein bisschen Geld sparen und kam hierher. Ich hatte gleichzeitig recht und unrecht gehabt. Inzwischen habe ich gelernt, dass es zutrifft, dass die zapatistischen Botschaften manche Dinge sichtbar machen und andere verbergen, die größten, die schrecklichsten, die wunderbarsten. Aber ich habe auch verstanden, dass sie nicht die Absicht verfolgen, uns zu betrügen, sondern uns einzuladen.(...)


 In den Friedenscamps habe ich Leute aus allen möglichen Ländern kennengelernt, wenn auch nicht viele aus Mexiko. Einige bleiben nur kurz, andere jahrelang. Natürlich sind manche auch mit Unterbrechungen da, wie der Juanita Dot Com, von dem ich weder weiß, aus welchem Land er kommt, noch ob er wirklich so heißt, wie er sagt, dass er heißt, aber auf jeden Fall hat er eine eigene Website. Jedes Mal, wenn er kommt, bringt er einen Haufen Zeitschriften und Zeitungen mit, und wenn er wieder geht, trägt er nichts weiter als ein Lächeln auf den Lippen. Jedenfalls, auch wenn wir aus verschiedenen Ländern kommen und verschiedene Sprachen sprechen und obwohl wir in unseren Ansichten über die Zapatisten meist nicht einer Meinung sind, knüpfen wir campamentistas normalerweise mehr oder weniger feste Freundschaftsbande. In La Realidad hatte ich eine enge und brüderliche Beziehung mit drei anderen campamenteros. Mit ihnen zusammen haben wir die Gruppe aufgezogen, die wir „Klub des kaputten Kalenders“ getauft haben. (...)


 Im „Klub des kaputten Kalenders“ gibt es eine Deutsche. Sie hat ein Jahr lang mit dem Mofa Pizzas ausgefahren, um das Geld für die Reise hierher zusammenzubekommen. Es tut nicht Not, hier besonders hervorzuheben, dass sie lesbisch ist (...) aber dafür werde ich euch sagen, dass sie Dana Mai heißt und ihr Nachname Bi Mat lautet – ein vietnamesischer Nachname, der „klandestin“ bedeutet. Dana Mai spielt in unserem Fußballteam in der Abwehr und ist mit ihrer Freundin zu einer Art Hochzeitsreise ins zapatistische Gebiet gekommen. Die Freundin ist Doktorin der Mathematik, und sie ist jetzt gerade nicht hier, weil sie nämlich nach Berlin zurückgereist ist, um Geld zu besorgen und ihren Aufenthalt in Chiapas verlängern zu können. Dana Mai wird im Dorf einfach nur Mayo genannt, Mai.


 Dann haben wir da eine Französin, eine Lehrerin aus Toulouse, die Juin Hélène heißt und den serbokroatischen Nachnamen Protuzakonitost trägt, der „illegal“ bedeutet. Juin Hélène liebt Jazz, sie sagt, das Leben sei wie ein Stück von Miles Davis, und sie ist nach eigenen Worten gekommen, um zu lernen, wie das mit der Autonomie funktioniert, weil sie bei ihrer Rückkehr nach Frankreich gemeinsam mit ihren SchülerInnen eine autonome Gemeinde im Widerstand gründen will, die den Namen „Charlie Parker“ tragen soll. Juin spielt in unserer Mannschaft vor allem, um den Gegner zu verwirren – wegen der Tritte, die sie austeilt, nicht gegen den Ball, sondern gegen die Schienbeine der gegnerischen Mannschaft – und im Dorf nennen sie sie „die Blonde“ oder die Franzmännin.


 Das vierte Mitglied ist ein Italiener, von Beruf Koch, der Vittorio Francesco Augusto Luigi Nidalote heißt, sein Nachname bedeutet auf Albanisch „verboten“. Er glaubt fest an die Existenz von Außerirdischen, und wie er uns während der langen Nächte im chiapanekischen Urwald gebeichtet hat, ist er der Überzeugung, dass es gute und böse Außerirdische gibt. Die Bösen, sagt er, sind bereits vor einiger Zeit in Washington, London, Rom, Madrid, Moskau und Mexiko-Stadt gelandet, haben die Macht an sich gerissen und die Fastfood-Masche eingeführt. Und die Guten – na ja, die Guten sind noch nicht gelandet, aber wenn sie das an irgendeinem Ort dieser Welt tun werden, dann wird es im zapatistischen Gebiet sein. Und sie werden nicht kommen, um uns zu erobern oder uns ihre Hochtechnologie beizubringen, sondern um zu lernen, wie man die Bösen besiegen kann. Vittorio Francesco Augusto Luigi nimmt an, dass die guten Außerirdischen einen Koch benötigen werden, und deshalb ist er hier. Vittorio Francesco Augusto Luigi spielt in unserer Mannschaft den Linksaußen – weil er der Ansicht ist, man müsse seiner politischen Position sogar im Spiel treu bleiben – und im Dorf wird er Panchito genannt, wofür sowohl er selbst als auch wir anderen alle recht dankbar sind. (...)


 Teufel auch. Campamenteros sollten keine metaphysischen Überlegungen anstellen. Campamentistas sollen Panzer und Soldaten zählen, sie sollen das Essen nicht vertragen, sie sollen sich untereinander über Lappalien streiten, sie sollen Fußball spielen und gegen die zapatistischen Mannschaften verlieren, sie sollen bei Finanzanträgen helfen, sie sollen Radio Insurgente hören, sie sollen den Sub kritisieren, weil er nicht so ist, wie sie möchten, und nicht das tut, was sie möchten, sie sollen Pläne schmieden, wie man den Zapatismus in ihre jeweiligen Länder exportieren kann, sie sollen sich die meiste Zeit über langweilen. All das und noch viel mehr, aber sie sollen definitiv keine metaphysischen Überlegungen anstellen. (...) 


 Ihr seht also, wir sind eine gewissermaßen originelle Gruppe, und wenn wir unsere Namen in zapatistischer Manier umkrempeln würden, würden klandestiner Mai, illegaler Juni, geheimer Juli und verbotener August dabei herauskommen.
 

Die abgedruckten Auszüge sind dem vierhändigen Roman von Subcomandante Marcos und Paco Ignacio Taibo II: „Unbequeme Tote“ (deutsche Übersetzung von Miriam Lang, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2005) entnommen. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



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