Indiens Höhenflüge

von Tapas Kumar Chakraborty

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


„Auf der Suche nach dem Mond fiel mein Blick auf dein Gesicht – kannst du dich noch an dieses Lied erinnern?“, fragt der 27-jährige Aneek Basu, Manager in einer Softwarefirma in Kalkutta, seine Freundin Pooja im Internet-Chat. „Ja, du hast mir davon erzählt“, antwortet sie. „In Zukunft werde ich dein Gesicht nicht mehr mit dem Mond vergleichen“, meint Aneek dann. „Warum nicht?“ „Ich habe gerade auf Satellitenbildern in der Zeitung den echten Mond gesehen.”

Seit jeher haben indische Dichter ihre Angebetete mit dem Mond in Verbindung gebracht. Als aber die Geländekartierungskamera TMC am 15. November 2008 eine hochauflösende Karte des Himmelskörpers erstellte, konnten die aus dem Weltraum gelieferten neuen Fotos nicht mit dem romantischen Bild der Poeten mithalten. Nachdem verstärkt Aufnahmen des Mondes in einheimischen Zeitungen kursierten, trieb die Bewohner Indiens vor allem eine Frage um: Wie konnte es sein, dass der Mond so profan war wie die Erde?

Auf den Fotos erschien seine Oberfläche als karge, versumpfte Landschaft, bestehend aus zahllosen Schlaglöchern und grobem Matsch. Ein Bild der Trostlosigkeit. „Weltraumforschung hat nichts mit Dichtkunst zu tun“, bemerkte ein Wissenschaftler vor Journalisten. „Der Mond ist der Mond. Wir sind stolz darauf, dass wir erstmals solche Bilder haben.“

Am 22. Oktober 2008 war Indien nach den USA, der früheren Sowjetunion, Japan und der Europäischen Weltraumbehörde ESA als fünfte Nation zu einer Mondmission aufgebrochen. Die Raumsonde Chandrayaan-1 wurde vom indischen Weltraumbahnhof Satish Dhawan Space Centre auf der Insel Sriharikota in die vorgesehene elliptische Erdumlaufbahn gebracht. Seit dem 12. November 2008 umkreist sie den Mond in einer Höhe von 100 Kilometern. Chandrayaan-1 war die erste Mission der indischen Raumfahrtbehörde ISRO außerhalb der Erdumlaufbahn. Die Sonde namens MIP schlug nahe der Südpolregion des Mondes auf. Weltraumwissenschaftler betrachten das Ereignis als Beginn eines neuen Zeitalters.

„In den 1960er-Jahren wurde von vielen kurzsichtigen Menschen bezweifelt, dass für ein Land, das erst vor Kurzem seine Unabhängigkeit erlangt hatte und nur mit Mühe seine Bevölkerung ernähren kann, Weltraumaktivitäten von Belang sind“, sagt der frühere indische Staatspräsident Avul Abdul Kalam. „Wenn die Inder in der Völkergemeinschaft eine bedeutende Rolle übernehmen sollen, müssen sie alle anderen hinter sich lassen, wenn es darum geht, fortschrittliche Technologien für die Probleme des Lebens nutzbar zu machen.“ Damit bestätigt Kalam die Überzeugung Jawaharlal Nehrus, der Visionen für Indiens weltpolitische Rolle entwickelte und auf dessen Initiative in den 1960er-Jahren mit der Weltraumforschung begonnen wurde.

Kalam war auch in der indischen Weltraumbehörde tätig und erhielt 1997 für seine Arbeit die höchste zivile Auszeichnung des Landes: den Verdienstorden Bharat Ratna. Weil er an der technischen Entwicklung ballistischer Flugkörper und Weltraumraketen gearbeitet hatte, kennt man ihn als „Missile Man“.

Als eigentlicher Pionier der Weltraumforschung gilt jedoch Homi Bhabha, der auch eine wesentliche Rolle bei Indiens Fortschritten in der Kernenergie spielte. Nachdem er 1966 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war, trat Vikram Sarabhai in seine Fußstapfen, der zu kosmischen Strahlen forschte. Er entwickelte auch Trägerraketen, mit denen 1969 für die indische Raumfahrtbehörde ein neues Zeitalter begann. Ende der 1980er-Jahre kam die indische Weltraumforschung richtig in Fahrt.

Doch Wissenschaft löst keine gesellschaftlichen Widersprüche. Der Gegensatz zwischen dem armen Indien und einer topmodernen Weltraummaschinerie gehört zu den vielen miteinander kollidierenden Realitäten des Landes. Die breite Masse sieht in der Weltraumtechnologie nichts Heilbringendes. Alte Glaubenssysteme lassen keinen Platz für eine rationale Durchdringung der neuen Phänomene. Raumfahrttechnologie hat somit das Leben nicht grundlegend verändert. Indiens Marsch in Richtung Hightech-Weltraumforschung sollte dem Land ein neues Image verleihen als Motor der Weltwirtschaft. Es ist aber keine leichte Aufgabe, dieses Bild mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vereinbaren.

In industrialisierten Gesellschaften gehen wissenschaftliche Forschung, wirtschaftliche Entwicklung und kultureller Wandel Hand in Hand, schreibt Ronald Inglehart in seinem Buch „Value Change in Global Perspective“. Doch Indien blieb bis in die späten 1980er-Jahre hinein eine agrarische Volkswirtschaft. Vor allem zwei Phänomene sind dafür verantwortlich.

Das Ausbleiben eines gesellschaftlichen Wandels erklärt sich zum einen mit sozialen Problemen. Nach dem aktuellen Gesundheitsbericht, dem National Family Health Survey, erhalten 56 Prozent aller indischen Kinder keine Schutzimpfungen. 40 Prozent sind untergewichtig, 70 Prozent leiden aufgrund von Mangelernährung an Blutarmut.

Zum anderen wird das Leben der Inder weiterhin von Göttern und Göttinnen gesteuert. So bleibt der Mond für Millionen von einfachen Leuten eine Gottheit mit Namen Soma oder Chandra. Der hinduistischen Mythologie zufolge fährt Soma, ein kupferfarbener Mann, mit einem roten Wimpel in einem dreirädrigen, von einer Antilope oder von zehn weißen Pferden gezogenen Wagen. In drei seiner üblicherweise vier Hände trägt er eine Keule, Nektar sowie eine Lotusblüte mit der vierten Hand beschreibt er eine schützende Geste. Weil sich der Mond beim Aufgang aus dem Meer erhebt, soll er ein Sohn des Meeresgottes Varuna sein.

Aus diesem Glauben sind im Laufe der Zeit zahllose religiöse Traditionen entstanden. In Prabhas Kshetra in der Region Saurashtra an der Westküste des indischen Bundesstaates Gujarat befindet sich der Somnath-Tempel, einer der zwölf sogenannten Jyortirlingas und damit eine der heiligsten Stätten der Hindus. Hier soll Soma zusammen mit seiner Gattin Rohini auch die Tempelgottheit Sparsha Ling angebetet haben, um sich von dem Fluch seines Schwiegervaters Daksha Prajapati zu befreien. Die indische Stadt Khajuraho wiederum ist als Land des Mondgottes bekannt. Die dortigen Tempel aus dem 9. bis 12. Jahrhundert zeugen vom Schöpfergeist der Architekten in der Zeit der Chandella-Dynastie.

Zwar erfreuen sich heute Discos und Pizza Hut unter jungen Indern großer Beliebtheit. Doch selbst die junge Generation sucht Wege jenseits von Wissenschaft und Konsum. Bei persönlichen Problemen sucht man Hilfe bei tantrischen Heilern. Astrologiezentren, in denen die Zukunft vorausgesagt und Arzneimittel verschrieben werden, schießen wie Pilze aus dem Boden. So ist die Astrologie gut für glänzende Geschäfte. Mondsteine etwa stehen bei gebildeten Indern hoch im Kurs.

Für die indischen Muslime, nach den Hindus die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft im Land, verrät der Mond viel über die Gunst der Stunde. „Unsere glückverheißenden Momente berechnen wir im Ramadan – anhand des Tages, an dem der Mond gesichtet wird“, erklärt Khalid Rashid Phirangi Mahli, ein islamischer Gelehrter im nordindischen Lakhnau. „Bei einer Mondfinsternis beten wir um Erlösung von der Sünde, denn wir glauben, dass wir die Verschattung des Mondes verschuldet haben.“

Mahli stellt die Unerschütterlichkeit des Glaubens den ewig vorläufigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber. „Mögen die Forscher getrost zum Mond reisen. Die Ergebnisse der Wissenschaft heben sich gegenseitig auf. Was nach der ersten Erkundung als Wahrheit galt, wird durch die vierte Erkundung widerlegt, während es von der dritten Erkundung wiederum bestätigt wird. Konfusion ist die Folge. Die Grundprinzipien des Islam hingegen beruhen auf fundamentalen Wahrheiten“, beteuert der Gelehrte Mahli. „Sie sind unveränderlich.“

Trotz aller Diskrepanzen zwischen tradierten Werten und moderner Technik entwickelt sich die indische Raumfahrt weiter. Mittlerweile arbeiten die Wissenschaftler an einer bemannten Mondmission, die bis zum Jahr 2020 starten soll. Madhavan Nair, der Chef der indischen Raumfahrtbehörde, ließ die Medien jüngst wissen, dass Indien seinen eigenen Neil Armstrong zum Mond fliegen wolle. „Gegenwärtig arbeiten wir an der Entwicklung einer Raumkapsel, mit der Menschen in den Weltraum gebracht werden können“, sagte Nair. „Im Jahr 2015 sollen sich zwei Astronauten etwa eine Woche lang in der Erdumlaufbahn aufhalten, und fünf oder sechs Jahre später soll ein Mensch auf den Mond geschickt werden.“

Die indische Weltraumbehörde steht inzwischen kurz vor dem Start eines bahnbrechenden Fernerkundungssatelliten, der selbst nachts und durch Wolken hindurch Bilder von der Erde macht. Auch für den Startschuss zur Sonnenmission sind alle Voraussetzungen gegeben. Gegenwärtig arbeiten die indischen Weltraumtechniker an einem Raumfahrzeug namens Aditya, das die äußerste Region der Sonnenatmosphäre, die sogenannte Korona, erforschen soll. Mit Aditya würde erstmals der Versuch unternommen, Geheimnisse um die Erwärmung der Sonnenatmosphäre oder das Weltraumwetter zu lüften. Auch dieses Projekt steht im Widerspruch zur hinduistischen Mythologie.

Ebenso wie der Mond wird auch die Sonne als Gottheit verehrt – ihr Name ist Surya. In Indien sind die Götter und die Wissenschaft somit zur Koexistenz verurteilt. Das Land ist ein großes Kaleidoskop, in dem sich Glaube und Ratio zu einem grandiosen Durcheinander mischen. Oder wie es der in Neu Delhi lebende Sozialwissenschaftler Nirmal Chunder beschreibt: „Man schüttelt das Althergebrachte kräftig durch, vermengt es mit dem Neuen und stellt dann mit frischem Blick fest, dass es eine vollkommen andere Gestalt angenommen hat.“

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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