Regenwaldvernichter

von Timo Berger

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Gelbe Körner rieseln durch zwei Hände. Rodney Villalba, Spross einer paraguayischen Unternehmerfamilie, die seit Jahren in das boomende Sojageschäft investiert, begutachtet vor einem Getreidesilo eine Stichprobe des heute angelieferten Sojas. Ein paar der Bohnen sind schwarz, andere vertrocknet. Das Soja habe dieses Jahr eine mindere Qualität, sagt Villalba, und die Ernte falle geringer aus – eine Folge der Dürre, die Paraguay diesen Sommer über fest im Griff hält.

Wir sind in Puerto Antequera, im Departamento San Pedro, am Getreidehafen der Grupo Severo Villalba, von der Hauptstadt Asunción aus 300 Kilometer oder vier Stunden Autofahrt über die neue asphaltierte Überlandstraße nach Norden. Eine trockene Hitze liegt in der Luft. Eigentlich wäre jetzt, Ende April, die Zeit, in der es in dem südamerikanischen Binnenland am meisten regnen müsste. Der Hafen in Antequera wurde 2006 eingeweiht. Vergangenes Jahr wurden hier 60.000 Tonnen Getreide, 40 Prozent der Gesamtproduktion des Departamentos, in die flachen Frachtschiffe verladen, die es den Río Paraguay hinunter zu argentinischen Häfen transportieren, von wo aus es hauptsächlich nach Europa exportiert wird. Rodney Villalba schätzt, dass in Antequera dieses Jahr 15 Prozent weniger Soja verschifft werde. Dennoch, wenn es nach dem Sojaunternehmer geht, soll das Departamento San Pedro in den nächsten Jahren zu einem der Spitzenproduzenten der Hülsenfrucht aufrücken. Die diesjährige Dürre, davon ist Villalba überzeugt, sei ein normales Phänomen: „Alle fünf bis sechs Jahre bleibt hier der Regen aus.“

Ganz anders sieht das Oscar Meza. Der Agraringenieur, der das staatliche Programm für landwirtschaftliche Entwicklung leitet, sitzt in einem verdunkelten Büro in Asunción. Obwohl es noch früh am Morgen ist, läuft der Ventilator schon auf Hochtouren. Für Mesa steht die Dürre mit dem Sojaanbau in Zusammenhang. Die Abholzung großer Landesteile für die Ausweitung der Plantagen und Viehweiden habe zu ungewöhnlichen Klimaveränderungen geführt. Insgesamt sei eine Steigerung der Wetterextreme zu beobachten.

In der Tat hat Paraguay sein Antlitz in den vergangenen Dekaden stark verändert. Noch 1945 standen im fruchtbaren Ostteil des Landes acht Millionen Hektar Wald. 2008 sind nur noch etwas weniger als eine Million Hektar davon übrig. Paraguay, ein Land so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, ist in derselben Zeit zum sechstgrößten Sojaproduzenten weltweit aufgestiegen. Bei den Ausfuhren ist das Land nach den USA, Brasilien und Argentinien sogar auf den vierten Platz vorgerückt. Die Sojabohne ist nicht nur das bedeutendste Exportprodukt, sie ist mit knapp 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion auch der zentrale Pfeiler der paraguayischen Wirtschaft. Die steigende Nachfrage nach Tierfutter und Agrartreibstoffen lässt die Preise für die Hülsenfrucht auf dem Weltmarkt steigen. Die eiweiß- und ölhaltige Bohne wird ausgepresst, das Sojaöl als Nahrungsmittel und Treibstoff verkauft. Was übrig bleibt, dient als Futtermittel in der Tiermast der großen europäischen Fleischfabriken.

Ende der 1960er-Jahre begann der extensive Sojaanbau. Oscar Meza erzählt, dass die Regierung des deutschstämmigen Diktators Alfredo Stroessner von 1966 bis 1968 eine „grüne Revolution“ angestoßen habe, die Mechanisierung der bis dahin kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft. Oberste Priorität habe die Ausweitung des Weizenanbaus gehabt, weil das Land bis dahin auf Importe angewiesen war. Doch da das Getreide im subtropischen Klima Paraguays nur im Winter wachse, habe man nach einem Anbau für den Sommer gesucht und mit Soja die geeignete Pflanze gefunden.

In den vergangenen Jahren ist mit den steigenden Preisen für Soja auf dem Weltmarkt das Geschäft immer lukrativer geworden. Multinationale Konzerne wie Cargill und Monsanto, Dreyfuss und die Archer Daniels Midland Company engagieren sich in Paraguay. 95 Prozent des angebauten Sojas, schätzt Rodney Villalba, sei genetisch verändert. Saatguthersteller wie Monsanto lieferten zum transgenen Samen gleich passend darauf abgestimmte Pflanzenschutzmittel. Denn die riesigen Sojamonokulturen sind sehr anfällig für Schädlinge.

Die Schattenseiten des Sojaanbaus werden in Paraguay zunehmend sichtbar: Agraringenieur Meza beklagt, dass im Zuge des Booms auch Wälder in Gebieten gerodet worden seien, deren Böden nicht für den Ackerbau geeignet wären. Riesige Flächen mit sandigen Böden würden so der Erosion ausgesetzt. Der Niederschlag wasche die Böden aus, transportiere Sediment in Bäche und Flüsse. Viele Gewässer seien inzwischen versandet.

Soja ist ein Devisenbringer für die klamme paraguayische Staatskasse. Die paraguayische Zentralbank schätzt, dass trotz Dürre und des aufgrund der Finanzkrise gesunkenen Weltmarktpreises dieses Jahr die Sojaexporte einem Wert von 963 Millionen US-Dollar entsprächen. Zwar wären das 36 Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch mehr als 2007.

Warum vom Sojageschäft dennoch nur wenige Menschen in Paraguay profitieren, erklärt Ricardo Rodríguez Silvera, ein Wirtschaftswissenschaftler und international tätiger Berater: Soja sei ein „exkludierendes und konzentriertes Produkt“, das die Bevölkerung nicht integrierte. Die zum Teil mehrere Hundert Hektar großen Plantagen erforderten nur wenige Arbeitskräfte: Ein, zwei Männer könnten mit den entsprechenden Maschinen 500 Hektar bewirtschaften. Außerdem erhebe der paraguayische Staat sehr geringe Steuern auf die Produktion und – anders als die Nachbarländer – keinerlei Abgaben auf die Ausfuhr.

Rodríguez Silvera rechnet vor, dass die Armut in Paraguay in den vergangenen Jahren – trotz des landwirtschaftlichen Booms – zugenommen habe. „Mehr als eine Million Menschen leben in extremer Armut, weitere anderthalb Millionen unter der Armutsgrenze.“ 2,5 Millionen Arme von 6,5 Millionen Einwohnern insgesamt sei definitiv zu viel, findet der Wirtschaftswissenschaftler: „Das ist das erbärmlichste Anzeichen dafür, dass unsere Gesellschaft gescheitert ist und es dem Staat nicht gelungen ist, ein Modell zu installieren, das diese Bevölkerungsteile integriert.“

Es verwundert nicht, dass sich auch in der Bauernschaft mittlerweile Widerstand gegen die Sojamonokulturen regt. Paraguay ist bis heute eine stark agrarisch geprägte Nation. Fast 40 Prozent der Einwohner leben noch auf dem Land – eine Ausnahme im zunehmend verstädternden südamerikanischen Subkontinent. Doch auch in Paraguay nimmt die Landflucht zu. Die Bauernvereinigungen geben die Schuld den großen Sojaplantagen, die die ursprüngliche bäuerliche Kultur und Subsistenzwirtschaft verdrängen.

Vertreter von Bauernvereinigungen und Basisbewegungen aus dem ganzen Land treffen sich Ende April ein Wochenende lang in Guayabí, einer Stadt im Departamento San Pedro, und diskutieren über die Lage der Kleinbauern. Vergangenes Jahr wählten viele von ihnen den Mitte-Links-Kandidaten Fernando Lugo zum neuen Präsidenten Paraguays. „Eine Stimme für den Wandel“, versprach die Kampagne des ehemaligen Bischofs. Doch heute, fast zehn Monate nach seinem Machtantritt, ist man skeptisch. Viel bewegt, so die einhellige Meinung, habe der neue Präsident nicht. In die Schlagzeilen kam das Land nur wegen der unehelichen Kinder, die Präsident Lugo noch als Geistlicher in die Welt gesetzt hat.

Die Bauern in Guayabí fordern, dass der Präsident sein Wahlversprechen einer Landreform endlich einlöse. Auch der massive Pestizideinsatz auf den großen Plantagen, der in den umliegenden Dörfern zu Krankheiten und Missbildungen führt, ist ein Thema. Für eine kleinbäuerliche Gemeinschaft, so der Bauernaktivist Miguel Ángel Insfrán, sei es eine große Bedrohung, wenn Ländereien ungenutzt in ihrer Nähe lägen. „Das Land kann jeder Zeit in eine Sojaplantage verwandelt werden. Und dann weht die Chemie herüber.“ Deshalb kommt es immer wieder zu Landbesetzungen. Zwischen Guayabí und Requena haben sich 100 Familien an der Straße Hütten gebaut und besetzen die Zufahrt zu einer Länderei. „Seit sieben Jahren kämpfen wir hier schon“, erzählt ein Mann in einem Mischmasch von Guraní und Spanisch. Noch steht Wald hinter ihm, Eukalyptus. Als die Familien das Land besetzten, hieß es, der Besitzer wolle es in eine Sojaplantage verwandeln.

Nur noch 12 Prozent des ursprünglichen Waldes sind in San Pedro übrig geblieben. Manuel Barrera, ein 53-jähriger Bauer aus Santani, einer Stadt zehn Kilometer südwestlich von Guayabí, kann sich noch an viel Wald, kristallklare Bäche mit Fischen, Wildtiere, die man jagen konnte, und Wildfrüchte erinnern. Neben dem Wald ist auch das Land, das die Campesinos selbst heute besitzen, knapp geworden. Von den ursprünglich 20 Hektar Land, das die Siedler in der Vergangenheit einmal vom Staat zugeteilt bekamen, ist aufgrund der Erbteilung nicht mehr viel übrig. Fünf bis sechs Familien, so Barrera, lebten jetzt auf derselben Fläche. Die Böden seien ausgelaugt und brächten kaum noch Ertrag.

Die Kleinbauern und Landlosen fordern deshalb neues Ackerland von der Regierung. Doch die Regierung habe das staatliche Land verkauft an die großen Soja- und Viehbarone, sagt Miguel Ángel Insfrán. Und bislang habe sie auch keine Initiative gezeigt, altes Land wieder urbar zu machen oder unproduktive Flächen in Privathand zu enteignen. Auch wenn Präsident Lugo immer wieder bekräftigt – wie zuletzt Ende Mai gegenüber der argentinischen Zeitung Clarín –, dass eine umfassende Landreform ein „unverzichtbarer Teil“ seiner Regierungsagenda sei. 85 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen, rechnete das Staatsoberhaupt zur Begründung seiner Pläne vor, seien im Besitz von nur 2,5 Prozent der Bevölkerung. Eine „Ungleichheit“, die man langsam korrigieren müsse. Ob die Kleinbauern jedoch noch viel Zeit haben zu warten, ist fraglich. Immer mehr von ihnen fliehen vor Armut und Umweltgiften in die großen Städte, wo sich die meisten von ihnen in den schnell wachsenden Slums der Außenbezirke wiederfinden.



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