Bilderverbot

von Constantin Schreiber

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Das gleißende Sonnenlicht spiegelt sich in der Glasfassade der Media City, doch schon ab vier Uhr nachmittags wird es dunkel um den Gebäudekomplex. Dann verschwindet die Sonne bereits hinter einer Front von Hochhäusern, die die Media City um gut 40 Stockwerke überragen. Als das Medienzentrum Dubais 2001 gegründet wurde, war in weitem Umkreis nur menschenleere Weite, die Wüste der Arabischen Halbinsel. Jetzt ist, so weit das Auge reicht, alles zubetoniert, ein künstlicher Yachthafen befindet sich in unmittelbarer Umgebung. Dubai wuchs über Jahre im Zeitraffertempo mit jährlich 12 Prozent Bevölkerungsanstieg und 15 Prozent Wirtschaftssteigerung. Doch das Wunder in der Wüste beginnt zu flimmern. Die Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate bricht genauso ein wie an anderen Orten der Welt. Wegen des hohen Anteils an Expats allerdings mit besonders dramatischen Auswirkungen. Allein für 2009 und 2010 rechnen Forschungsinstitute mit einem Bevölkerungsrückgang in Dubai von etwa 10 Prozent. Baustellen stehen still, Projekte werden abgesagt. Nur berichten sollte man darüber besser nicht.

Maßgeblich beteiligt am Aufstieg zur Golfmetropole waren die Medien. Von Anfang an sollten sie das Bild des glitzernden Dubai in die Welt transportieren. Der Startschuss für das PR-Projekt Dubai fiel im Jahr 2000 mit der Eröffnung des Hotels Burj al-Arab. Rund um die futuristische Konstruktion, die ein Segel nachahmt, sollte das Bild eines aufstrebenden, liberalen, zukunftsgewandten Emirats entworfen werden, in das zu investieren sich lohne. „Dubai“, so Ghanem Nuseibeh, Analyst von „Political Capital“, einem ungarischen Think Tank mit Golf-Fokus, „ist im Grunde eine Erfindung der Medien, geschaffen und geformt durch Werbung und Marketing.“

Die meisten großen internationalen TV- und Nachrichtenstationen haben sich inzwischen in der Dubai Media City niedergelassen, von CNN und BBC über Thomson-Reuters bis hin zu al-Arabiya und Deutsche-Welle-TV. Der Plan, Dubai nicht nur zu einer Handels- und Finanzdrehscheibe aufzubauen, sondern auch zu einem „media hub“, scheint aufgegangen.

Diesen Erfolg wollen andere in der Region nachmachen. Dubais größter Gegenspieler im Kampf um Medienpräsenz ist Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Misstrauisch beäugten die Herrscher dort von Anfang an Dubais Transformation in ein „Disneyland am Golf“ – so der häufige Vorwurf. Abu Dhabi will sich als stilvoller Gegenentwurf auf der Arabischen Halbinsel etablieren. 2008 wurde der Startschuss für das Projekt „2Four54“ gelegt – so soll dort die neue Medienstadt heißen, benannt nach dem Längen- und Breitengrad, auf dem sich die Hauptstadt befindet. Die Journalistin Rym Ghazal von der Zeitung The National in Abu Dhabi urteilt, man habe die Macht der Medienmaschinerie lange Zeit wohl unterschätzt. „Jetzt“, so Ghazal, „will Abu Dhabi, das ölreichste der Emirate, mit einem beachtlichen Budget die Dubai Media City überflügeln.“

Dabei ist es um die Pressefreiheit in den Emiraten nicht sehr gut bestellt. Die Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht ein jährliches Ranking aller Länder nach dem Grad der Pressefreiheit. Die Vereinigten Arabischen Emirate belegen in diesem Ranking nur Platz 69 von 173. Besonders die inländischen Medien sind dabei die Hauptadressaten der Beschränkungen: Eine umfangreiche Internetzensur blockiert zahlreiche Webseiten, darunter Nachrichtenseiten. Auch wenn eigentlich nur als zu freizügig empfundene bildliche Darstellungen im Visier der Zensoren stehen sollen, werden häufig im Zuge der Tilgung von zu viel bloßer Haut auch nachrichten- und informationsrelevante Internetseiten unzugänglich gemacht. Dies geschieht zum Beispiel häufiger mit der Internetseite der Bild-Zeitung. Nicht nur die Bilder kaum bekleideter Frauen, sondern ganze Artikel erscheinen als weiße leere Flächen.

Abgesehen von der direkten Informationssperre durch die Zensur sind darüber hinaus der freie Informationszugang und die Bereitstellung von Informationen in vielen Fällen strafrechtlich sanktioniert. Negative oder kritische Äußerungen über die herrschenden Familien der verschiedenen Emirate werden in der Regel mit Ausweisung bestraft. Im Frühjahr 2009 machte der Fall eines Mitglieds der Herrscherfamilie von Abu Dhabi Schlagzeilen, der in der Wüste einen Afghanen foltern ließ. Videoaufnahmen kursierten auf Youtube. In einheimischen Medien tauchte das Thema nicht auf – die Journalisten hätten sich strafbar gemacht.

Seit dem Frühjahr 2009 bestehen zudem neue Tendenzen, die Arbeit von Journalisten vor Ort zu erschweren: Der Strafrechtskatalog, der bestimmte Tätigkeiten der Arbeit von Journalisten unter Strafe stellt, wird zurzeit kräftig ausgeweitet. Schuld daran ist die Finanzkrise und ihre negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate.

In Zeiten der Krise setzen die Herrscher am Golf auf eine stärkere inhaltliche Kontrolle, wie Ghanem Nuseibeh beobachtet: „Neue Gesetzesentwürfe sehen hohe Geldstrafen vor für Berichterstattung, die den politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegenläuft. Das kann so ziemlich alles sein, je nachdem, wie die Berichte von der jeweiligen Aufsicht ausgelegt werden. Der rechtliche Rahmen droht zu einer willkürlichen Strafverfolgung von Journalisten zu führen.“ 500.000 Dollar sollen künftig als Strafe gegen Medienunternehmen verhängt werden können, sollte etwas Kritisches in der Berichterstattung gefunden werden – in jedem einzelnen Fall.

Die Rolle, die Medien in einem westlichen Politik- und Gesellschaftsgeschehen spielen, nämlich hoheitliches Handeln medial zu kontrollieren und Diskussionen in der Öffentlichkeit zu verbreiten, soll in den Vereinigten Arabischen Emiraten gerade verhindert werden. Zudem trifft die westliche Vorstellung von Journalismus auf eine Umwelt, in der traditionell Dissens hinter verschlossenen Türen im Kreise des Stammes gelöst wird und nicht in öffentlichen Debatten. Für Fernseharbeit kommt erschwerend das Bilderverbot des Islam hinzu, das am Golf, mehr noch als in anderen Teilen der islamischen Welt, von vielen Menschen besonders stark verinnerlicht wird und sich auch auf die Arbeitsebene auswirkt.

Dass die neue Medienstrategie den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzen wird, bezweifeln viele, zum Beispiel auch Christian Koch vom Gulf Research Center, einem regierungsunabhängigen Think Tank in Dubai: „Die Vorgehensweise fördert Gerüchte, weil alle denken, dass man etwas zu verbergen hat, dass man nicht offen und ehrlich ist, sondern die Lage schönredet. Es wäre viel nützlicher, zuzugeben, dass es auch Probleme gibt.“

Darüber hinaus gibt es in jüngster Zeit auch Tendenzen, ausländischer Medien stärker zu kontrollieren und gegebenenfalls zu sanktionieren. Exemplarisch für eine befürchtete härtere Gangart gegenüber ausländischen Journalisten stehen die in diesem Frühjahr gesammelten Erfahrungen der BBC. In ihrem TV-Magazin Panorama berichtete der britische Nachrichtensender über die Lebensbedingungen in Dubais Arbeitslagern, den Trabantensiedlungen, in denen Hunderttausende Gastarbeiter aus Süd- und Südostasien leben, die auf den Baustellen der Golfmetropole arbeiten. Die strahlende Fassade Dubais bekam Kratzer. Der BBC drohte für ihren Standort in der Media City von Dubai die Sendelizenz entzogen zu werden. Für die Emirate geht es um viel. Sie verdanken den Medien ihren Aufstieg zu einem globalen Erfolgsmodell und internationalen Vorbild. Mit ihrer neuen Medienstrategie setzen sie dieses Konzept aufs Spiel – im Inland wie im Ausland.



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