Sprachvermögen

von Aya Bach

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Wenn Saure Sabirowna die Fingerpuppen aus dem Kasten holt, schaut sie in leuchtende Kinderaugen. Rundum staunende „Ahs“ und „Ohs“, fast wie in einer Zaubervorstellung. Aber wir sind im Deutschunterricht der zweiten Klasse am Lyzeum Nr. 62 in Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Die meisten Schüler sind mit Anzug und Krawatte ausstaffiert. Die Mädchen lieben weißen Tüllschmuck im Haar, manche sehen aus wie in Bonbonpapier verpackt. Spielen wollen sie alle, Deutsch lernen sie nebenher: „Ich bin Nastja. Und wer bist du?“ Fürs nächste Zauberkunststück schaltet Sabirovna Computer und Beamer an: ein Multimedia-Spiel, bei dem es um Farben geht da sind so komische Wörter wie „grün“ und „schwarz“ schon nicht mehr schwer.

Die Lehrerin sorgt dafür, dass ihre Schüler nicht nur Grammatik pauken, sondern Spaß am Sprechen haben. Das ist in Kasachstan eher ungewöhnlich. Seit 1991 unabhängig, will das Land die Sowjet-Ära hinter sich lassen, doch es ist noch viel übrig vom alten System. Auch deshalb war es immer mühsam für Sabirowna, Material für kreativeren Unterricht, geschweige denn so etwas wie Filme zu bekommen: „Manchmal habe ich Freunde in Deutschland gebeten, mir etwas zu schicken“, erzählt sie. Das ist nicht mehr nötig, seit ihre Schule vor gut einem Jahr Partnerin des Goethe-Instituts wurde. Jetzt bekommt sie Lehrmittel und Computer zur Verfügung gestellt.

Hinter der Kooperation steckt das Projekt „Schulen – Partner der Zukunft“, kurz „PASCH“ genannt, das der frühere Außenminister Steinmeier 2008 initiiert hatte. Beteiligt sind das Goethe-Institut und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und der Pädagogische Austauschdienst (PAD). Seitdem sind 99 Millionen Euro in PASCH geflossen. Das Ziel von 1.000 Partnerschaften wurde früher erreicht als erwartet, nun werden es noch mehr. Doch es geht auch um Konsolidierung. Während die ZfA neue Schulabschlüsse einführt und das Netz derjenigen Schulen erweitert, die das Deutsche Sprachdiplom anbieten, baut der PAD die Lehrerfortbildung aus.

Und der DAAD hat die Stipendien für ein Studium in Deutschland auf 120 verdoppelt. Das Goethe-Insitut betreut bisher 410 Partnerschulen, 500 sollen es werden. So wie in Astana geht es um Förderung des Deutschunterrichts mit Ausstattung und Material, mit Lehrerfortbildungen – und mit dreiwöchigen Sommerkursen für fortgeschrittene Schüler in Deutschland. Daran haben bisher schon fast 2.000 Jugendliche aus aller Welt teilgenommen. Welche Schule die PASCH-Plakette erhält, entscheiden Fachkräfte vor Ort. Sie kennen die konkrete Situation in Schule und Land. Deshalb wird ihnen zugetraut, einschätzen zu können, wo Förderung sich lohnt.

An der Schule Nr. 62 in Astana könnte PASCH eine Zukunftsinvestition sein: Wenn ihre Schüler die Chance haben, in Deutschland zu studieren, können sie mit guter Qualifikation zurückkommen. Es wäre nötig: Kasachstan leidet unter akutem Fachkräftemangel, sogar in der Hauptstadt. Dort wurde eine frappierende Architekturkulisse aus dem Steppenboden gestampft. Doch hinter Glitzerfassaden verbergen sich oft eklatante Baumängel. Die Schüler am Lyzeum Nr. 62 sind dennoch stolz auf ihre Stadt, sie wollen den Aufbau ihres jungen Landes voranbringen. So wie Xenia, die bald Abitur macht und im Sommer mit PASCH in Thüringen war. „Das war Shopping, Shopping, Shopping“, ulkt sie, aber sie hat dort vor allem ihr Deutsch verbessert. Nun möchte sie in Deutschland studieren und dann nach Kasachstan zurückkommen – als Deutschlehrerin. Amir hat einen anderen Traum: Er will Fußballprofi bei Bayern München werden. Was er dann noch für sein Land tun kann? Da zögert er nur kurz: „Ich werde den Ruhm Kasachstans in der Welt vermehren!“



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