Ein Stück vom Glück

von Paula Telo Alves

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


In den Regalen der Supermärkte liegen Hunderte portugiesischer Spezialitäten. Während internationaler Fußballturniere sind ganze Straßenzüge Rot-Grün beflaggt. Doch wir sind nicht an den Ufern des Tejo, wir sind in Luxemburg, dem Land mit dem höchsten Anteil portugiesischstämmiger Bevölkerung außerhalb der iberischen Halbinsel.

Als Jeffrey Lodermeier, Presseattaché der US-Botschaft, vor zwei Jahren ins Großherzogtum kam, sprach er keine der drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Letzeburgisch. Doch eine andere Fremdsprache sollte ihm weiterhelfen: Der Diplomat hatte zuvor im US-Konsulat in Mosambik gedient, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie. „Ich komme hier mit Portugiesisch durch“, erzählt Lodermeier. „Meinen täglichen Bedarf decke ich in den kleinen portugiesischen Läden und ich lese die portugiesischsprachige Zeitung“, so der US-Amerikaner.

Luxemburg ist heute nicht nur das Land der Banken, es ist auch die neue Heimat vieler Portugiesen. Das kleinste der Beneluxländer hat einen Ausländeranteil von 43 Prozent. Die rund 90.000 Portugiesen stellen ein Fünftel der Bevölkerung und ihre Spuren finden sich überall.

Im Krämerladen „Mélita“ in der Luxemburger Hauptstadt prangen auf den meisten Waren portugiesische Etikette. Weine, Kaffees, Öle und Reispackungen, aber auch Hygieneprodukte und Reinigungsmittel werden aus Portugal importiert. Auch Luxemburger kaufen im „Mélita“ ein. Der Bürgermeister der Stadt, Paul Helminger, wohne in der Nachbarschaft, erzählt Amélia Gomes, die Besitzerin. „Er kommt oft, schnappt sich einen Korb und ist ein Kunde wie jeder andere.“

Die ersten Portugiesen kamen in den 1960er-Jahren an die Mosel. Damals suchte Luxemburg händeringend nach Arbeitskräften für das Baugewerbe. Die Regierung schloss ein Abkommen mit Portugal. 40 Jahre nach der Ankunft der ersten Migranten kommen noch immer 5.000 Portugiesen pro Jahr ins Land – Tendenz steigend. Doch die portugiesische Präsenz stößt nicht auf die ungeteilte Freude der Luxemburger.

Esch-sur-Alzette, die zweitgrößte Stadt Luxemburgs, sie ist gleichzeitig einer der Orte, in denen die meisten Portugiesen leben. Ein Drittel der 30.000 Einwohner stammen aus dem südwesteuropäischen Land. In der Rue du Canal sind sogar mehr als zwei Drittel der Anwohner Portugiesen. Adelino und Arminda Marques machen dort ihre Einkäufe. „Als wir hierher kamen, gab es nur einen einzigen portugiesischen Laden, es war sehr schwierig, Lebensmittel aus unserer Heimat zu bekommen. Jetzt findet man sie in jedem Supermarkt. Allerdings gibt es heute – anders als damals – kaum Arbeit mehr“, erklärt Arminda. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch das Großherzogtum erfasst.

Arminda arbeitet in der Brotfabrik „Panelux“, eine der Luxemburger Ketten, die portugiesisches Gebäck in dem Beneluxland herstellen. Ihr Ehemann Adelino verdingt sich als Bauarbeiter: „Das ist unsere Branche“, resümiert er und beide müssen lachen. „Trotz unserer Leistungen werden wir in Luxemburg nicht geliebt“, fügt er mit wehmütigem Unterton an. „Aber“, fragt er, „wenn es uns nicht gegeben hätte, wer hätte dann dieses Land aufgebaut?“

Bis heute arbeitet die Mehrheit der Portugiesen auf Luxemburger Baustellen und obwohl man in der Öffentlichkeit nicht an ihnen vorbei- kommt, haben es wenige in verantwortungsvolle Positionen geschafft. Nur ein Portugiesischstämmiger sitzt heute im Luxemburger Parlament: Félix Braz. Und nur zehn Prozent seiner Landsleute dürfen überhaupt wählen. In den Schulen erhöht der dreisprachige Unterricht in Deutsch, Französisch und Letzeburgisch, mit der starken Gewichtung des Deutschen, die Schwierigkeiten der romanischen Einwanderer, sich zu integrieren.

„Man sieht die Portugiesen hier ein wenig wie die Türken in Deutschland“, klagt José Coimbra de Matos, Präsident der Vereinigung der Portugiesischen Gemeinschaft in Luxemburg (CCPL). Vor zwei Jahren drängte seine Organisation auf die Gründung einer portugiesischen Privatschule. Im Großherzogtum gibt es mehrere internationale Schulen: französische, US-amerikanische, selbst ein niederländisches College. Doch die Initiative für eine portugiesische Schule schreckte die Luxemburger Behörden auf, erzählt José Pessanha Viegas. „Die zuständigen Stellen waren nicht offen genug für den Vorschlag, am Ende beschieden sie der Initiative eine Abfuhr.“ Die Größe der portugiesischen Gemeinschaft habe sie eingeschüchtert, ist der Botschafter Portugals in Luxemburg überzeugt. „Der Großherzog selbst sprach mich auf die Initiative für eine portugiesische Schule an, als ich ihm meinen Antrittsbesuch abstattete“, so Pessanha Viegas, „die Angelegenheit hat also die höchsten Kreise beschäftigt.“

Das große Problem sei der hohe Anteil der Portugiesen an der Bevölkerung, bekräftigt der Präsident der CCPL, das löse bei vielen Alteinsässigen Widerstand aus. „Die meisten Portugiesen sind Arbeiter oder Reinigungskräfte, und allem Anschein nach hat das Land Angst davor, dass diese Gemeinschaft in anderen wirtschaftlichen Sektoren Fuß fasst“, sagt Coimbra de Matos. An einer portugiesischen Privatschule wäre zwar nach einem ähnlichen Lehrplan wie an den Luxemburger Gymnasien gelehrt worden. Sie hätte aber dennoch gezeigt, ist er überzeugt, dass die portugiesischstämmigen Schüler größere Leistungen erzielen können als derzeit an Luxemburger Schulen. „Durch eine portugiesische Schule wären die Fehler in der Luxemburger Bildungspolitik offensichtlich geworden.“ Coimbra de Matos ist nicht der Einzige, der das Luxemburger Schulwesen kritisiert.

Eine Studie der Universität Luxemburg kommt zu dem Schluss, es sei „ineffizient und ungerecht“. In den vergangenen 40 Jahren habe die Luxemburger Gesellschaft radikale Veränderungen erfahren, im Bildungswesen sei jedoch alles beim Alten geblieben. „Die Schule ist zugeschnitten auf eine Bevölkerung, die es so nicht mehr gibt“, erklärt Professor Romain Martin, einer der beiden Autoren der Studie. „Wenn in der Grundschule 40 Prozent der Kinder ausländischer Herkunft sind, mehrheitlich Portugiesen, dann führt die Privilegierung des Hochdeutschen dazu, dass Letztere Nachteile haben“, so Martin. „Ein Schüler aus einer portugiesischen Familie, der zu Hause seine Muttersprache spricht, wird das Deutsche nie so gut beherrschen wie ein Kind aus einer Luxemburger Familie“, erklärt er.

Das drücke sich in einer hohen Abbrecherquote aus, mehr als ein Fünftel der Schüler mit portugiesischem Hintergrund schließe die Schule nicht ab. Und obwohl sie mit 21 Prozent die größte ausländische Gemeinschaft im Bildungswesen darstellten, erreicht nur eine Minderheit von 6,3 Prozent die Hochschulreife. „Das System funktioniert nicht mehr“, kritisiert Martin, „doch das Land sträubt sich dagegen, es zu ändern und die Bedeutung der Ausländer anzuerkennen“.

Dass Luxemburger Veränderungen skeptisch gegenüberstehen, drückt sich schon in ihrem Wahlspruch aus: „Mir wëlle bleiwen wat mir Sinn“ (Wir wollen bleiben, was wir sind). Der Satz steht auf dem Rathaus von Esch-sur-Alzette, in dem der Abgeordnete Félix Braz sein zweites Amt als stellvertretender Bürgermeister ausübt. Vor einem Jahr, als über ein Gesetz zur doppelten Staatsbürgerschaft debattiert wurde, beklagte der Politiker, dass das Land sich seinen fast 43 Prozent Ausländern verschließe, und forderte eine größere Öffnung. Der Gesetzesvorschlag wurde schließlich angenommen.

Für Félix Braz hat sich der Wahlspruch, der sich ursprünglich gegen eine Einverleibung Luxemburgs durch die Deutschen richtete, mittlerweile gegen die Immigranten gewendet, die vielfach als „neue Invasoren“ bezeichnet werden. „Wir sollten nicht mehr an ,Mir wëlle bleiwe wat mir sinn‘ denken, sondern an ,Mir wëlle ginn wat mir sinn‘ (Wir wollen das teilen, was wir sind)“, sagt Braz. Auch der Präsident der portugiesischen Vereinigung, Coimbra de Matos, ist dieser Ansicht: „Die Bevölkerung ist mittlerweile so heterogen, dass es unmöglich ist, nichts zu ändern, solange man nicht vorhat, die Ausländer auszusondern. Die hier lebenden Portugiesen sind nicht nur billige Arbeitskräfte, sie haben auch eine Identität, und es ist wichtig, diese anzuerkennen“, mahnt der Präsident der CCPL.

Ein Feld, auf dem diese abweichende Identität sichtbar wird, ist der Fußball: Bei der letzten Weltmeisterschaft 2006 hissten die Portugiesen ihre Flagge, um das Team von Cristiano Ronaldo zu unterstützen. Eigentlich ist dies in Luxemburg erlaubt, aber die Masse an portugiesischen Fahnen provozierte einen Skandal. Die größte französischsprachige Tageszeitung bezichtigte die Einwanderer in zwei Leitartikeln der Verschandelung der Häuserfassaden durch ihre Fahnen. Diese würden dadurch zu Symbolen der fehlenden Integration. Das schwarze Schaf waren eindeutig die Portugiesen: Deutsche, Italiener oder Franzosen, die ebenfalls in Luxemburg leben und ihre Fahnen aus dem Fenster hängten, wurden nicht angegriffen. Es war die schiere Anzahl portugiesischer Nationalflaggen, welche die Kommentatoren alarmierte.

„Die Portugiesen, die hier leben, sind zwar Luxemburger, aber sie sind immer noch Portugiesen. Wenn die Portugiesen mit ihrer Fahne auf die Straßen gehen, um die Mannschaft ihrer alten Heimat zu feiern, ist das für manche schon eine Straftat, weil sie hier nicht zu Hause sind“, beklagt Coimba de Matos. Aber ihnen das verbieten zu wollen, bedeute, sie nach den luxemburgischen Vorstellungen zurechtzustutzen, ihnen ihre Identität zu verwehren. „Wir müssen aufhören“, fordert Coimbra de Matos, „die Unterschiede zwischen uns zu betonen, sondern sollten die Gemeinsamkeiten suchen.“

Aus dem Portugiesischen von Timo Berger



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