Immer in Bewegung bleiben

von Boris Kluge

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Selbst in der schnellsten Stadt der Welt bewegt sich nicht alles mit jener atemberaubenden Geschwindigkeit, die uns Europäer fasziniert und gleichzeitig beängstigt. Es waren noch eineinhalb Stunden bis zu unserem Rückflug nach Deutschland – und bei der Passkontrolle am Flughafen von Shanghai ging nichts mehr. Die Warteschlangen vor den Schaltern waren zu einem einzigen Menschenknäuel verschmolzen. Wie auch andere Teilnehmer unserer Forschungsreise in die chinesische Metropole bin ich im sozialistischen Deutschland aufgewachsen. Deshalb sind mir sowohl die Warterei in Schlangen als auch Weisungen von oben bekannt, die sich durch eine an Unverständlichkeit grenzende Weisheit auszeichnen. Wieso nur hatte man hier sowohl Inlands- als auch Auslandsreisende in eine einzige große Schlange gedrängt, sodass der Betrieb völlig erliegen musste? Na ja, sagten wir uns, die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben …

Dieser Spruch war zu einem Running Gag geworden während der Fachexkursion unserer Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft nach Shanghai im Sommer 2004. Natürlich ist der Vergleich zwischen der planwirtschaftlich organisierten DDR und der hypermodernen Boomtown zunächst merkwürdig. Tatsächlich fiel die Wahl unseres Reiseziels ja eben wegen der innovativen und spektakulären Infrastrukturprojekte auf Shanghai. Ein idealer Ort für eine Fachexkursion muss fachlich etwas Einzigartiges bieten, das man nicht in Lehrbüchern studieren kann. Dass Shanghai bei uns Verkehrswissenschaftlern geradezu als Mekka gilt, liegt in erster Linie natürlich an beispiellosen Prestigeprojekten wie dem Transrapid, dem neuen Flughafen oder den gigantischen Straßenbauten mitten in der Stadt. Für uns in Deutschland, wo um jeden Meter Autobahn zäh gerungen wird, ist es unglaublich, wie kompromisslos man in Shanghai die gigantische Infrastrukturplanung vorantreibt. Was uns daran fasziniert, ist auch die an Hybris grenzende Fortschrittgläubigkeit, die wir uns in Europa verbieten. Es ist völlig unklar, welche ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Konsequenzen solch eine rapide Entwicklung nach sich zieht.

Auf unseren Fachveranstaltungen werden natürlich Chancen und Risiken dieser Herangehensweise diskutiert. Doch um zu abschließenden Urteilen und neuen Einsichten zu kommen, muss man die Dinge vor Ort gesehen haben. Forschungsreisen ins Ausland finden bei uns nicht oft statt. Dementsprechend groß ist die Vorfreude bei den Teilnehmern, insbesondere, wenn es nach Shanghai geht. Alle sind enthusiastischer und lockerer als im Berufsalltag und wenn die erste Fahrt mit dem Transrapid ansteht, ist die Aufregung bei Verkehrswissenschaftlern fas schon kindlich. Natürlich betrachtet man alles mit den Augen des Experten. In Shanghai gab es unter uns den sportlichen Wettbewerb, wer als Erster die kleinen Schwachstellen der Infrastruktur entdeckt. Und tatsächlich erkennt man bei genauerem Hinsehen Planungsfehler, die die Vermutung bestätigen, in Shanghai werde die Nachhaltigkeit der schnellen Umsetzung geopfert.

Ziemlich gewöhnungsbedürftig für uns Europäer ist beispielsweise die Konzeption von U-Bahn-Stationen, an denen sich mehrere Linien kreuzen. Um von einer Bahn zur anderen zu gelangen, muss man teilweise 800 Meter zurücklegen, und das gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen. Verblüffend ist auch, dass es außer in der Umgebung von Hotels keine Taxi-Wartestände in der Innenstadt gibt. Die rund 30.000 Taxis im Großraum Shanghai stellen die hauptsächliche Bewegungsgrundlage für die Mittelschicht dar, auch weil der öffentliche Nahverkehr vergleichsweise schwach entwickelt ist.

Dennoch dürfen Taxis im Stadtkern nicht halten, um auf Fahrgäste zu warten. Die Taxen zirkulieren also permanent umher, was die Umweltverschmutzung, ohnehin eines der großen Probleme der Metropole, weiter verstärkt. Natürlich haben die Verkehrsplaner in Shanghai die Verantwortlichen auf diesen Missstand hingewiesen, dennoch hat man auf Taxi-Haltestellen verzichtet. Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben. Unverständlich ist auch der Versuch, das Fahrrad, ein traditionelles chinesisches Fortbewegungsmittel, aus der Innenstadt zu verdrängen. Nicht nur, dass Fahrräder in Shanghai versteuert werden müssen – will man sein Rad den Tag über in der Innenstadt abstellen, wird auch noch eine Mietgebühr fällig. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass man Mobilität in sozialistischer Manier zu steuern versucht. Wie gesagt, die Genossen … Sie wissen schon …

Protokolliert von Jörg Frommann



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