Die Rezepte der Vorfahren

von Marina Yuszczuk

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Was hat ein grüner Plastikapfel mit der Geschichte eines argentinischen Atlantikhafens zu tun? Im Museo del Puerto in Ingeniero White stehen die Obstattrappen in Schalen auf gedeckten Tischen – ein Stillleben, das an ein typisch argentinisches Wohnzimmer erinnert. Äpfel essen sei gut fürs Gedächtnis, erzählt man in dem südamerikanischen Land den Kindern. „Für uns“, erklärt Aldo Montecinos, „stellen die Äpfel deshalb das Bindeglied zwischen der Erinnerung, also der Geschichte, und ihrer ‚Verinnerlichung‘ dar.“ Und damit beschreibt der Museumsmitarbeiter auch schon eines der didaktischen Konzepte: Geschichte geht im Museo del Puerto buchstäblich durch den Magen. Sei es Sonntags, wenn die Nachbarn und Freunde des Museums in der „Küchen-Aula“ – wie der große Saal genannt wird – Speisen für Besucher zubereiten, oder unter der Woche, wenn in Workshops für Kinder besondere „Tisch-Tafeln“ zum Einsatz kommen, auf denen der historische Wandel des Hafens anhand der umgeschlagenen Waren aufgezeichnet wird und an denen danach zusammen gegessen wird.

So eng wie mit der Küche ist das Museum auch mit der Nachbarschaft verbunden: Undenkbar wäre das Museum ohne die Partizipation der Anwohner. In Archiv des Hafenmuseums liegen mehr als 1.000 Interviews mit Eisenbahnern und Dockarbeitern, Köchinnen und Friseuren. Diese „oral history“ bietet den Ausgangsstoff für die Arbeit mit der Lokalgeschichte und Inspiration für die Workshops. Doch die Nachbarn und ihre Geschichten sind nicht nur Gegenstand des Museums, sondern auch seine Mitgestalter: Das Museum, erklärt Aldo Montecinos, sei als „lebendiger Raum“ angelegt. Es lebt von den Aktivitäten der Nachbarn und Freunde des Museums. Dass die Küche der wichtigste Ort des Museums ist, wie Montecinos hervorhebt, sei kein Zufall: Dort begegnen sich die Nachbarn und mit ihnen Alltag und Geschichte in Form der Rezepte, die von ihren eingewanderten Vorfahren stammen. Eines der Gerichte, das die Besucher im Museum probieren können, sind Teigbällchen, die „kurumbieres“ heißen. Sie sind mit einem griechischen Einwanderer namens Stefanos nach Ingeniero White gekommen. In den sich verändernden Zubereitungsarten dieser „kurumbieres“ von Generation zu Generation kann man die Verwandlung der Einwanderer in Nachbarn ablesen.

Gegründet wurde das Museum 1987 in einer ehemaligen Zollstation, die 1907 von einer englischen Eisenbahngesellschaft errichtet worden war – in einer Zeit, als von Ingeniero White vor allem Getreide verschifft wurde. In den 1990er-Jahren wandelte sich die Funktion des Hafens: Mehrere internationale Konzerne errichteten Erdgasraffinerien und Speiseölfabriken. Aus dem beschaulichen Ort wurde ein multinationaler Hafen. Schilder am Straßenrand zeugen von dieser neuen Realität, in der es täglich zu Gasunfällen kommen kann: „Wenn die Sirenen ertönen, begeben Sie sich an einen geschlossenen Ort“ liest man da. „Wir haben uns an die Gefahr gewöhnt“, sagt Elcira Pecoraio, eine Nachbarin, die sich ehrenamtlich als Kassenwärtin des Vereins „Freunde des Museo del Puerto“ engagiert. Ihr Vater war ein Einwanderer von der italienischen Insel Ponza. Später hatte er in Argentinien seinen eigenen Kutter und fischte vor der Küste. Elcira -Pecoraios Mann arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Maschinist bei der Eisenbahn. Auch die Geschichte dieser Familie kann man im Audioarchiv des Museums anhören.

Heute ist das Wasser in Küstennähe derart verschmutzt, dass nicht mehr gefischt werden kann. Elcira Pecoraio steht in der Küche des Museums und blickt durch ein Fenster: Auf der Wiese vor dem Museum steht die Aguila Blanca, ein Kutter, der dem Boot ihres Vaters sehr ähnlich sieht – und einlädt, über die Geschichte des Hafenorts und seiner Bewohner nachzudenken.

Aus dem Spanischen von Timo Berger

Mehr Information unter: museodelpuerto.blogspot.com



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