Begegnung mit Walfängern

von Marko Martin

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Zeitgenössische Illustration: Franz Boas begegnet den Inuit. Bild: AKG


Als Franz Boas’ Fotografie im Jahr 1936 auf dem Cover der Zeitschrift »Time« erschien, gratulierte sogar US-Präsident Theodore Roosevelt. In Deutschland hingegen, wo Boas 1858 in Minden geboren wurde – seine deutsch-jüdische Familie war seit dem 17. Jahrhundert in Westfalen ansässig –, waren die Bücher des berühmten Forschers bereits 1933 verboten und verbrannt worden.

Und doch teilt dieser wirkungsmächtige (wiewohl zwischenzeitlich fast vergessene) Anthropologe nicht die Flüchtlingsbiografien jener, die nach Hitlers Machtergreifung Deutschland unter Lebensgefahr verlassen mussten. Schon 1886 war Boas in die USA übergesiedelt, was ihn später in die Lage versetzte, zahlreichen Emigranten beizustehen, logistisch, finanziell und moralisch. Charles Kings Buch »Schule der Rebellen«, das vom Wirken des Forscherkreises um Franz Boas erzählt, hat jedoch nichts von einem goetheschen »Amerika, du hast es besser«. Die Erfahrung, im Ersten Weltkrieg und trotz amerikanischer Staatsbürgerschaft und wissenschaftlicher Meriten plötzlich zum »feindlichen Ausländer« geworden zu sein, hatte Boas nämlich tief geprägt und von der Relativität vermeintlicher Sicherheiten überzeugt.

Vor allem aber war es das ungebrochene Selbstbild der USA, das ihn schon früh hatte zweifeln lassen: Wie war es um das Land, das sich spätestens nach dem Kriegseintritt 1917 anschickte, Frankreich und Großbritannien als westliche Führungsmacht abzulösen, denn wirklich bestellt, wo doch nicht nur in den Südstaaten, sondern auch im industrialisierten Norden Afroamerikaner noch immer diskriminiert wurden? Mehr noch: Auf welche Weise wurde Kulturgeschichte geschrieben, um den Anspruch zu rechtfertigen, die westliche Zivilisation sei als angeblicher Gipfel der Menschheitsentwicklung der Maßstab für jegliche Bewertung? Franz Boas, der bereits vor seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten ausgedehnte Reisen in die kanadische Arktis und nach British Columbia unternommen hatte, um sich mit der Lebensweise der Inuit vertraut zu machen, stellte die damaligen Selbstgewissheiten infrage. Freilich tat er das nicht im Ton einer moralistischen Anklage, sondern mit der geradezu fröhlichen Ernsthaftigkeit eines Forschers, der davon überzeugt war, dass Empirie noch immer jegliche Ideologie schlägt. Und er hatte engagierte Mitstreiter, vor allem jedoch: Mitstreiterinnen.

Boas stellte damalige Gewissheiten infrage

Charles King bringt sie uns wieder ins Gedächtnis: »Margaret Mead, die Feldforscherin, die kein Blatt vor den Mund nahm und eine der bedeutendsten und bekanntesten Wissenschaftlerinnen Amerikas werden sollte; Ruth Benedict, Boas’ wichtigste Assistentin und Meads große Liebe, deren Forschung für die US-Regierung dazu beitrug, die Zukunft Japans nach dem Zweiten Weltkrieg zu prägen; Ella Cara Deloria, die die kulturellen Überlieferungen der Prärie-Indianer bewahrte; Zora Neale Hurston, die herausragende Querdenkerin der Harlem-Renaissance-Bewegung afroamerikanischer Künstler, deren ethnografische Studien unter Boas direkt in ihren heute als Klassiker geltenden Roman ›Vor ihren Augen sahen sie Gott‹ einflossen.«

Der Untertitel von Kings Buch – »Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand« – beschreibt sehr genau das Thema dieser ungemein spannend und detailreich erzählten Gruppenbiografie: Männer und Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in damals völlig atypischer Weise gleichberechtigt forschten, zu Feldstudien in den pazifischen Raum aufbrachen und von dort eine Erkenntnis mitbrachten, die bis dato gängige Wahrnehmungsmuster revolutionierte: Nein, es gibt keine »höherwertigen« Rassen, und geistige Fähigkeiten und kulturelle Strukturen sind weder erblich noch »natürlich«, sondern Resultate der Umweltanpassung. Und schon gar nicht sind die biologistisch begründeten Herabstufungen von Frauen und dunkelhäutigen Menschen oder die vermeintlich »gegebenen« heteronormativen Sexualstrukturen wissenschaftlich haltbar. Bereits 1911 hatte Boas entdeckt, was jeglichem rassistischen Essenzialismus die Begründung entzog: »Die Lebensbedingungen, von der Ernährung bis zur Umwelt, hatten einen schnellen und messbaren Einfluss sogar auf die Kopfformen, die zuvor als fixiert, erblich und als Indikator für den Menschentyp angesehen worden waren.« So waren es dann auch von Franz Boas geprägte Wissenschaftler, deren Untersuchungen dazu führten, dass Ende der 1980er-Jahre Homosexualität von der Liste diagnostizierbarer Krankheiten gestrichen wurde.

Leider thematisiert Charles King in seinem Buch nicht, auf welche Weise der »Kulturrelativismus«, als deren Erfinder Franz Boas gilt, inzwischen gekapert wurde. Das noble Konzept des Respekts gegenüber Andersartigkeit hat in Gestalt des sogenannten »Ethnopluralismus« eine neorechte Travestie à la »Afrika den Afrikanern, Europa und die USA den Weißen« erfahren. Aber es gibt auch fragwürdige Ausläufer linker »Identitätspolitik«, die – mit dem Verweis auf ebenjenen »Respekt« – mitunter sogar Repression, Homophobie und Frauenunterdrückung in anderen Teilen der Welt schönreden. Der Antirassist Franz Boas »fand es jedoch vollkommen miteinander vereinbar, an den Kulturrelativismus wie auch an die Demokratie und eine repräsentative Regierung zu glauben«. So schien es geradezu schicksalhaft, dass Boas noch am Abend seines Todes am 21. Dezember 1942 in New York über Daten diskutiert hatte, die ein weiteres Mal die wissenschaftliche Unhaltbarkeit rassistischer Theorien bewiesen: »Wir dürfen niemals aufhören zu wiederholen, dass der Rassismus ein monströser Irrtum und eine dreiste Lüge ist.« Höchste Zeit also, den Kreis um diesen ebenso klugen wie tapferen Menschen wieder- oder neu zu entdecken.

Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand. Von Charles King. Hanser, München, 2020.



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