Verlorene Tochter

Barbara Morrison-Rodriguez

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Wenn ein Kind erfährt, dass es adoptiert ist, kommt der Tag, an dem es herausfinden will, wo es herkommt. Ich bin nicht adoptiert. Ich stamme von Sklaven ab. Diese, wie ich es empfinde, Entführung meiner Vorfahren hat es für mich wichtig gemacht, meine Wurzeln zu finden. Heute weiß ich, dass meine Vorfahren aus Sierra Leone in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. 


 Für mich macht es einen großen Unterschied, lediglich ungenau sagen zu müssen, ich stamme von Sklaven ab, oder aber sagen zu können: meine Vorfahren gehörten zu den Stämmen der Mende und Temne in Sierra Leone. 


 Zu Beginn meiner Suche hatte ich praktisch keine Hinweise auf meine Vorfahren. Der einzige Anhaltspunkt war die Tatsache, dass, rein statistisch gesehen, die meisten Sklaven aus Westafrika kamen. Wenn das der einzige Hinweis geblieben wäre, hätte ich eine Nadel im Heuhaufen leichter gefunden. 


 Es gibt drei Möglichkeiten herauszufinden, woher die eigene Familie stammt. Einerseits kann man Aufzeichnungen über Sklaven zu Rate ziehen: zum Beispiel, in welchen Häfen sie angekommen sind. Mit etwas Glück findet man auch in der eigenen Familie den einen oder anderen Anhaltspunkt. Vielleicht gibt es noch einen überlieferten Brauch, oder es wird heute noch ein bestimmtes Lied gesungen, das über die Herkunft der Vorfahren Auskunft geben kann. Allerdings gab es solche Ansätze in meiner Familie nicht, und wie zuverlässig solche Ansätze sind, das mag dahingestellt bleiben.


 Aus dem Grund wurde für mich meine DNA zum Kompass auf meiner Reise zu den Wurzeln, schließlich ist unser Körper unsere beste „Datenbank“. In den USA gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Firmen, die einem mittels DNA-Analyse bei der Suche behilflich sind. Für mich als schwarze US-Bürgerin war African Ancestry die beste Adresse. Ich habe der Firma eine Speichelprobe geschickt, mit der sie meine mitochondriale DNA untersucht haben. Dieses DNA-Molekül wird von der Mutter auf die Tochter weitergegeben und kann über Hunderte von Generationen zurückverfolgt werden. Der Test analysiert die genetische Sequenz und gleicht sie mit einer Datenbank ab, in der Abstammungslinien von mehr als 160 ethnischen Gruppen aus 30 afrikanischen Ländern vorliegen. Die rund 22.000 Proben werden einerseits aus diversen wissenschaftlichen Quellen und Publikationen zusammengestellt und stammen andererseits auch von Freiwilligen. Bei Männern wird entsprechend das Y-Chromosom analysiert, das unverändert vom Vater auf den Sohn übertragen wird.


 Da mein DNA-Material mit den Proben aus der Datenbank übereinstimmte, habe ich erfahren, dass meine Vorfahren aus Sierra Leone kamen und meine Mutter von der Gruppe der Mende und mein Vater von den Temne abstammt. Natürlich gibt es viele Leute, die die Methode anzweifeln und glauben, dass das alles zu vage sei. Aber ich hab keinen Moment daran gezweifelt, ich hab sehr viel darüber gelesen und bin fest davon überzeugt, dass die Erkenntnisse wissenschaftlich fundiert sind. Viele Leute wundern sich, weshalb es mir so wichtig ist, herauszufinden, wo meine Vorfahren herkamen. Ich habe den Eindruck, dass es in erster Linie denjenigen Menschen seltsam erscheint, die wissen, wo ihre Wurzeln sind. Wenn man genau weiß, man ist Deutsche oder Italienerin, dann ist das alles keine große Sache. Für jemanden wie mich, der das aber nicht weiß, ist es sehr wohl ein wichtiger Punkt im Leben. 


 Aus dem Grund war es auch von dem Augenblick, als ich den Brief mit dem Testergebnis in der Hand hielt, klar, dass ich nach Sierra Leone reisen wollte. Und ohne Übertreibung kann ich sagen, dass diese Reise mein Leben verändert hat. Die Herzlichkeit der Menschen hat mich tief bewegt. Ich wurde in einer Hängematte getragen, wie es sonst nur den Stammesältesten zusteht. Die Dorfbewohner haben mir zu Ehren gesungen und getanzt, nach einer halben Stunde habe ich mich heimisch gefühlt. Sie sagten mir, obwohl wir uns vorher nie gesehen hatten, meine Ankunft war für sie wie die Rückkehr eines Kindes. Besonders stolz bin ich darauf, dass sie mir einen einheimischen Namen gegeben haben. Für die Dorfbewohner bin ich seitdem „die Frau, die Trost spendet“. 


 Neben diesem unvergesslichen Empfang war mein dreitägiger Aufenthalt auch überaus aufschlussreich für mich. Ich konnte den Menschen direkt in die Augen schauen, habe erfahren, wie sie heute leben. Das war eine sehr berührende Erfahrung für mich. Wäre die Geschichte anders verlaufen, hätte ich vielleicht einen Gast aus den USA, einen „DNA-Sierra Leoner“, empfangen können. Seit meinem Besuch habe ich ein vollkommen neues Verständnis von mir selbst. Ich hätte nicht gedacht, dass eine einzelne Reise das Leben eines Menschen so tief prägen und verändern kann. 

Protokolliert von Falk Hartig



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