Ich bin dafür, dass wir eine Weile auf „Aida“ verzichten

ein Kommentar von Krystian Lada

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Der Opernregisseur und -librettist Krystian Lada. Foto: Camille Cooken


Bitte klappen Sie Ihren Laptop auf und rufen Sie die Webseite des nächstgelegenen Opernhauses auf. Klicken Sie auf "Spielplan" und beantworten Sie die folgenden drei Fragen: Wie viele Werke lebender Komponisten stehen in dieser Spielzeit in Ihrem nächstgelegenen Opernhaus auf dem Programm? Wie viele Opern werden von Personen dirigiert, die weder weiß noch männlich sind? Bei wie vielen Produktionen führt eine Frau Regie? Höchstwahrscheinlich lautet die Antwort auf alle drei Fragen gleich: "keine". Auf heutigen Opernbühnen dominiert das klassische Repertoire oder, genau genommen, ein Bruchteil der Operngeschichte, ein Katalog von ungefähr 15 Werken, die immer wieder aufgeführt werden. Dieses "Repertoire" konserviert wie in einem Archiv den Zeitgeist und die Werte vergangener Zeiten, erhebt aber den Anspruch, allgemeingültig zu sein.

Es ist mit Sicherheit ein wertvoller Bestand an Geschichten, in denen sich die ›condition humaine‹ unserer Zivilisation widerspiegelt, aber zugleich befördert es ausgesprochen beunruhigende Irrmeinungen: Imperialismus, Frauenfeindlichkeit und Rassismus. Man denke an den dunkelhäutigen Sklaven Monostatos, der vergnügt "... weil ein Schwarzer hässlich ist" singt, als er in Mozarts "Zauberflöte" Pamina zu vergewaltigen versucht. Oder an die Schlussszenen in Puccinis Opern, in denen die Heldinnen sich umbringen oder ermordet werden, während das Orchester uns so verführerisch aufspielt, dass wir gemeinsam mit den männlichen Protagonisten auf der Bühne genüsslich zuschauen. Das muss empfindsamen Menschen im 21. Jahrhundert verstörend und hoffnungslos anachronistisch vorkommen. Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass in den Opern Chancengleichheit für Frauen und Künstler ethnischer Minderheiten nach wie vor ein Fremdwort ist, stellen sich ein paar Fragen, die dringend beantwortet werden müssen. Wie können wir im postmigrantischen Europa hinnehmen, dass Oper zum subventionierten Privileg wird – zu einem Konsumgut, das eine kleine, ethnisch und finanziell klar definierte Gruppe für sich gepachtet hat?

Eine kleine Gruppe toter weißer Männer okkupiert die Opernbühnen

Ich frage mich, ob wir weitere "Aida"- oder "Madame Butterfly"-Inszenierungen auf die Bühne bringen sollten. Ich weiß auch nicht, ob wir noch mehr kritiklose Inszenierungen von Mozart- oder Wagner-Opern brauchen. Wir müssen den klassischen Opernkanon mit einem sensiblen Bewusstsein auf den Prüfstand stellen. Nur so können wir dem Kulturimperialismus und den patriarchalischen Tendenzen ein Ende bereiten, die sich in der Oper über Jahrzehnte hinweg wie Fossile erhalten haben. Andernfalls könnte man den Eindruck bekommen, dass wir die Leitbilder vergangener Jahrhunderte allen Ernstes als Vorschläge dafür sehen, wie man in der heutigen Gesellschaft miteinander umgehen soll — oder dass wir sie zumindest nachvollziehbar finden und mit Hinweis auf ihren historischen Kontext und unsere nostalgische Sehnsucht nach der "glorreichen europäischen Vergangenheit" verteidigen.

Wir brauchen in den Spielplänen der Opernhäuser mehr Opernkreationen, die das Feld für neue Geschichten öffnen. Wir müssen den Stimmen zuhören, die wir bisher überhört haben: von Komponistinnen und Dirigentinnen, Librettistinnen und Librettisten of Color, Regisseurinnen und Regisseuren mit Migrationshintergrund — all den lebenden Künstlerinnen und Künstlern, die es nicht auf die großen Opernbühnen schaffen, solange wir diese Bühnen mit einer kleinen Gruppe toter weißer Männer okkupieren. Wir müssen die Grundsätze, auf denen der heutige Opernbetrieb aufbaut, und auch unsere Entscheidungsprozesse hinterfragen, damit wir erkennen, wie sie in ihrer bisherigen Form Barrieren errichten und ganze Bereiche ausgrenzen.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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