Mut ist ansteckend

von Wu'er Kaixi

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Wu'er Kaixi (Mitte) überquert mit einer Studentin am 19. Mai 1989 den Tiananmen-Platz in Peking. Foto: Catherine Henriette/Getty Images


Im Jahr 1989 war ich die Nummer zwei auf der Liste der meistgesuchten Studentenführer in China. Ich war 21 Jahre alt und studierte an der Universität von Peking. Damals waren alle chinesischen Studenten auf irgendeine Weise politisch. Wir kämpften für die Demokratie, obwohl wir nur in der Theorie wussten, was das ist – schließlich lebten wir nicht in einer. Aber was wir ganz genau verstanden, das war die Unfreiheit.

Demokratie ist ein kompliziertes Wort, aber Freiheit ist es nicht. Freiheit ist ein grundlegender menschlicher Instinkt. In einem unfreien Land zu leben fühlt sich an, als bekomme man nicht genug Luft. Es ist erstickend. Wir wollten die Fensterscheiben zerschlagen, damit frische Luft hereinkommt. 

In einem unfreien Land zu leben fühlt sich an, als bekomme man nicht genug Luft

Die chinesische Kulturrevolution endete 1976 – und 1979 begann die Reform- und Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping. Die Tiananmen-Studentenbewegung war von 1979 bis 1989 aktiv. Innerhalb dieser zehn Jahre gab es jedes Jahr Proteste. Wir nannten sie »Studenten-Gezeiten«, denn sie kamen und gingen wie Wellen. Keiner dieser Proteste dauerte länger als zwei Wochen. 1989 erreichten die Proteste jedoch eine ganz neue Dimension. 

Es war zu dieser Zeit durchaus möglich, sich politisch zu äußern. Man konnte in einer Studentenorganisation oder in einer Fachschaft aktiv sein. Wenn man nur ein bisschen den Mund aufmachte, war das in Ordnung. Aber wenn man politische Fragen ansprach, stieß man schnell auf Widerstände. Natürlich kontrollierte die kommunistische Partei alles.

Die Studentenproteste von 1989, die im Tiananmen-Massaker enden sollten, entstanden ziemlich spontan. Sie begannen mit dem Tod von Hu Yao-Bang, dem ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Er war immer als vergleichsweise aufgeschlossener Politiker aufgetreten und unterstützte liberale Ideen. Weil er mit früheren Protesten sympathisiert hatte, wurde er seines Amtes enthoben. Am 15. April 1989 starb er, und auf dem gesamten Campus brodelte es. Fast alle Studenten aus Peking sowie aus 200 weiteren Städten nahmen an den Protesten teil, auch Nicht-Studenten beteiligten sich. Schätzungen zufolge waren wir um die zehn Millionen Menschen.

Es gibt Momente, in denen man sich zwischen der Konvention und seinem eigenen Gewissen entscheiden muss

Wenn man in China geboren und aufgewachsen ist, steht man unter enormem Druck, sich ruhig zu verhalten. Aber es gibt Momente, in denen man sich zwischen der Konvention und seinem eigenen Gewissen entscheiden muss. Jeder einzelne dieser zehn Millionen Menschen hatte so einen Moment erlebt. Mein Moment kam am 17. April 1989.

Morgens sah ich ein anonymes Plakat in meinem Wohnheim, das uns dazu aufrief, uns um neun Uhr zu versammeln. Ich musste im Computer­labor arbeiten und konnte erst um zehn Uhr dreißig zu der Versammlung dazu stoßen. Zwischen ein- und zweitausend Studenten hatten sich bereits am Treffpunkt eingefunden, aber niemand sprach. Alle schienen auf etwas zu warten. Ich fragte mich: Warum ergreift keiner das Wort? Und in diesem Augenblick war mir klar: Ich muss es tun. So fing alles an.

Ich stand inmitten der Menschenmasse und fühlte mich ein wenig so, wie sich Moses gefühlt haben muss, denn die Menge teilte sich vor mir. Ich bestieg das Rednerpodest, ohne zu wissen, was ich sagen sollte, aber ab diesem Moment veränderte sich mein ganzes Leben. Zehn Tage später war ich der Hauptorganisator der autonomen Studentenbewegung. Ein fünfzigtägiger Protest, fünf Großdemonstrationen und ein Hungerstreik folgten.

Als ich in jenem Moment das Podest bestieg, konnte ich nicht ahnen, was mich in den nächsten Tagen erwarten würde, ganz zu schweigen von den Ereignissen fünfzig Tage später, als die chinesische Regierung die Armee mobilisierte und mit scharfer Munition und Panzern in ihre eigene Hauptstadt einmarschierte, auf ihre eigene Jugend schoss. Wenn ich heute an die Nacht des 4. Juni 1989 zurückdenke, erinnere ich mich hauptsächlich an die Geräusche – den Lärm der Maschinengewehre, das Dröhnen der Panzer. 

Dreißig Jahre sind seither vergangen, und einige Bilder von damals sind verblasst

Nur dank einiger mutiger Menschen aus Hongkong konnte ich 1989 nach dem Tiananmen-Massaker aus China fliehen. Sie organisierten die sogenannte »Operation Yellowbird«, um mich und andere Aktivisten zu retten. Seitdem fühle ich mich Hongkong eng verbunden. Dreißig Jahre sind seither vergangen, und einige Bilder von damals sind verblasst. Aber wenn ich den Fernseher anschalte und die Bilder der heutigen Proteste in Hongkong sehe, erinnern sie mich stark an das, was damals geschah. Ich unterstütze die Proteste in Hongkong gegen China auch aus weiteren Gründen: als Taiwaner, denn seit vielen Jahren lebe ich im Exil in Taipeh; als chinesischer Aktivist für Demokratie, denn das bin ich noch immer, und als Uigure. 

Ich bereue nicht, was ich vor dreißig Jahren getan habe, weil ich nicht der Ansicht bin, dass es falsch war. Ich bin stolz auf mein Engagement. Aber wenn es eine Zeitmaschine gäbe, mit der ich dorthin zurückreisen könnte, würde ich zögern. Ich würde mir sehr genau überlegen, ob es möglich wäre, zu verhindern, dass Menschen ihr Leben verlieren, und ob ich persönlich bereit wäre, den Preis zu zahlen.

Heute wünsche ich mir sehr, meine Eltern wiederzusehen. Sie werden nicht jünger oder gesünder. Und weil sie Uiguren sind und in Xinjang leben, werden sie sehr stark überwacht. In den letzten Jahren wurde es immer schwieriger, mit ihnen zu kommunizieren. Telefongespräche brechen ab, es ist sehr frustrierend. Einmal erhielt ich einen Anruf von einem Fremden, der mir sagte, ich solle sie nicht mehr anrufen. 

Ich bin jetzt der am wenigsten Gewollte unter den Meistgesuchten

2009 versuchte ich zum ersten Mal, mich den chinesischen Behörden zu stellen. Ich dachte, wenn sie mich ins Gefängnis stecken, könnte ich immerhin meine Eltern wiedersehen, außerdem wollte ich den Dialog fortführen. Damals auf dem Tiananmen-Platz war »Dialog« der wichtigste Slogan der Studentenbewegung. Gemeint war ein Dialog zwischen den Studenten und der Regierung. Ein chinesischer Gerichtssaal wäre zwar nicht ideal, aber dennoch eine Art Plattform. Aber es scheint, als sei die Bezeichnung »meistgesuchter chinesischer Dissident« in meinem Fall doppeldeutig, denn ich bin jetzt der am wenigsten Gewollte unter den Meistgesuchten. Die Behörden sagten: »Wir müssen erst nachsehen, ob wir Sie immer noch wollen oder nicht.« Es stellte sich heraus: Sie wollen mich nicht. 

Jeder macht die Kommunistische Partei für die Probleme des heutigen China verantwortlich. Ich aber sehe die westliche Welt in der Verantwortung. Sie sollten verhindern, dass es so etwas gibt wie die Konzentrationslager für Uiguren in Xinjiang. Millionen von Uiguren mussten zu Opfern werden, damit die Welt aufwacht: Das heutige China ist eine konkrete Bedrohung für die gesamte zivilisierte Welt. Was China wirklich will, ist, dass sich alle an seine Spielregeln halten. Sie sagen: »Wenn wir anfangen, die Studenten in Hongkong zu töten, werdet ihr einfach nur zusehen. Ihr werdet unsere Taten verurteilen, aber ihr werdet nichts dagegen unternehmen. Wir verstehen eure Schwäche als demokratische Länder, aber wir haben eure Wirtschaft und eure Regierungen in der Hand.«

Mut ist ansteckend. Leider verhält es sich mit der Feigheit genauso

Ich erinnere mich oft an ein Phänomen, das ich 1989 am Tiananmen-Platz beobachtet habe: Mut ist ansteckend. Er überträgt sich von einem Menschen auf den anderen. Leider verhält es sich mit der Feigheit genauso. In den vergangenen dreißig Jahren gab es Tausende von Volksaufständen in China, aber fast niemand hat davon erfahren. Es gab keine weiteren Vorfälle wie den auf dem Tiananmen-Platz, weil ein riesiger Polizeiapparat jede Bewegung im Keim erstickt. Das heutige China ist ein Land, das mit eiserner Faust regiert wird. Mit der Hilfe der übrigen Welt ist es der chinesischen Regierung gelungen, einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung zu erzeugen, alle Nachrichten und Debatten zu zensieren und nationalistische Ideen in die Köpfe der jungen Leute zu pflanzen. 

Ich habe eine Botschaft an meine Kinder und an die Welt: Unterschätzt nie die Macht der Furchtlosigkeit. Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es keinen Grund für die Welt, sich vor China zu fürchten. Ich rate der Welt dringend, entsprechend zu handeln. 

Protokolliert von Gundula Haage im Rahmen einer Recherchereise von journalists.network nach Taiwan im November 2019 

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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