Mutig im Büro

von Parwiz Kawa

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Die Journalistin Farahnaz Forotan trifft Schülerinnen. Foto: privat


Ende Januar 2020 schlug in der westafghanischen Provinz Herat ein Straßentransparent hohe Wellen in den sozialen Medien. Es rief dazu auf, Frauen die Berufstätigkeit zu verbieten und warf afghanischen Männern, die ihre Ehefrauen einem Beruf nachgehen lassen, "mangelndes Ehrgefühl" vor. Ein lokaler religiöser Führer hatte das Transparent anbringen lassen.

Viele machten ihrem aufgestauten Ärger Luft, weil die Behörden die religiösen Extremisten nicht daran hinderten, die Errungenschaften der vergangenen 19 Jahre– mehr Berufsangebote, bessere Bildungsmöglichkeiten und mehr politische Ämter für Frauen – zunichtezumachen. Mit einer Online-Petition forderten sie die Regierung auf, dem religiösen Führer Einhalt zu gebieten.

Kurz vorher hatte die Entwicklungsorganisation Asia Foundation die Ergebnisse einer Umfrage von 2019 veröffentlicht, nach der 76 Prozent der afghanischen Bevölkerung die Berufstätigkeit von Frauen befürworten – sechs Prozent mehr als noch 2018. Dennoch werden als größte Probleme nach wie vor fehlende Bildungsmöglichkeiten und Teilhabe sowie Gewalt gegen Frauen genannt.

Im vergangenen Jahr rief die Journalistin Farahnaz Forotan die zivilgesellschaftliche Kampagne #MyRedLine ins Leben. Sie ist eine der prominentesten gesellschaftlichen Plattformen, die Afghaninnen und Afghanen ermutigen sollen, sich für eine nachhaltige Friedenslösung zwischen der Regierung und den Taliban starkzumachen. Forotan bereist verschiedene Landesteile, um dort Initiativen auf die Beine zu stellen und über ihr Anliegen zu sprechen. Auch sie hatte als erwerbstätige Frau immer wieder mit Problemen zu kämpfen, ließ sich aber nie von ihrem Weg abbringen. "Nach über zehn Jahren Arbeit weiß ich schon gar nicht mehr, wie sich ein Leben ohne Probleme anfühlt", sagt sie. "Davon lasse ich mich aber nicht in meinem Elan bremsen. Im Gegenteil: Das hält meine Motivation wach."

Forotan bereist ganz Afghanistan, um Frauen und Mädchen zu treffen

Forotans Kampagne, bei der sie Mädchen und jungen Frauen in ganz Afghanistan begegnet, ist eine der wenigen Plattformen, auf denen Frauen und Männer sich darüber austauschen können, welche Werte für sie bei den Friedensverhandlungen nicht verhandelbar sind. Sie formulieren in den Bereichen Bildung, Frauenrechte, Gleichstellung der Geschlechter und Pressefreiheit zentrale rote Linien, die die Regierung beim Aushandeln eines Friedensabkommens nicht überschreiten soll. Forotan hat als erfolgreiche Journalistin eine Vorbildfunktion für andere Frauen im Land, weiß aber auch, dass sich in Afghanistan noch viel ändern muss. "Obwohl ich jeden Tag hart arbeite, habe ich das Gefühl, nicht genug zu tun", sagt sie. "Jeder Tag, der zu Ende geht, ist für mich wie eine abgeschlossene Mission. Und wenn ich am nächsten Morgen aufwache, weiß ich: Heute gibt es wieder eine neue Herausforderung zu bewältigen, und ich werde sie bewältigen, genau wie alle bisherigen Aufgaben auch."

Auch die Aktivistin Marjan Nahid engagiert sich in der Provinz Herat für die Rechte von Frauen. Sie weiß um den langen und steinigen Weg, den sie seit 2001 zurückgelegt haben, nachdem die Taliban ihnen neben vielen Grundrechten auch das Recht auf Erwerbsarbeit genommen hatten. Noch heute stehen die Afghaninnen vor etlichen Herausforderungen. "Seit ich es geschafft habe, aus dem Hausfrauenleben auszubrechen und im Büro und anderswo meine Ziele zu verwirklichen, fühle ich mich beflügelt", sagt sie. Doch auch wenn berufstätige Frauen gesellschaftlich und beruflich heute mehr Freiheiten haben, sieht Nahid seit einigen Jahren das Erreichte durch den Vormarsch extremistischer Religionsvertreter in Gefahr.

Inzwischen arbeiten Frauen in Afghanistan in unterschiedlichen Bereichen, der größte Arbeitgeber für Frauen aber ist der Staat. Frauenförderung ist hier zu einer politischen Strategie geworden. Nach den neuesten Zahlen sind von den fast 200.000 Lehrkräften in Afghanistan mehr als die Hälfte Frauen. Viele engagieren sich in zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, und trotz des anhaltenden Kriegs gegen den Terrorismus gibt es auch Frauen bei Militär und Polizei.

Frauen, die sich im öffentlichen Dienst bewerben, profitieren von der strategischen Förderung. Von den maximal hundert Punkten, die bei der Einstellungsprüfung für Jobs im Staatsdienst vergeben werden, schenkt die Regierung Interessentinnen fünf Punkte. Auf diese Weise will der Staat mehr Frauen motivieren, sich zu bewerben. Außerdem bietet die Mehrzahl der staatlichen Stellen Kinderbetreuungsmöglichkeiten an. Die meisten internationalen NGOs und die Einrichtungen der Vereinten Nationen offerieren ebenfalls gezielt Stellen für Frauen.

Immer häufiger trifft man Frauen in Cafés und Restaurants

In der neuen Verfassung von 2004 werden Frauen uneingeschränkt dieselben Rechte wie Männern eingeräumt, sie legt zudem fest, dass 25 Prozent der Parlamentssitze mit Frauen besetzt werden müssen. Eine der weiblichen Abgeordneten im afghanischen Parlament ist Nahid Fareed, die ebenfalls aus der Provinz Herat stammt. Sie treibt die Sorge um, die Fortschritte der afghanischen Frauen könnten sich als allzu zartes Pflänzchen erweisen. Darum appelliert sie an die einflussreichen Frauen in Afghanistan, sich zur Wehr zu setzen, um ihre Errungenschaften zu verteidigen. "Als Frau fühle ich mich besonders verantwortlich, als Wegbereiterin für andere Frauen in unserer Gesellschaft zu wirken", sagt sie. "Als meinen größten Erfolg würde ich es empfinden, wenn junge afghanische Frauen in Zukunft den Weg, den ich gehe, viel energischer beschreiten als ich." Die meisten afghanischen Frauen beschreiben ihren Berufsalltag als "herausfordernd". Die Gesellschaft ist noch nicht so strukturiert, dass die Teilhabe von Frauen gewährleistet ist. Immerhin hat sich durch den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre das Rollenbild der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung sichtlich zum Positiven gewandelt. Immer häufiger sieht man Frauen in Cafés und Restaurants, in Geschäften, aber auch auf Theaterbühnen, als Künstlerinnen.

Dennoch ist die Aktivistin Nargis Nehan, wie viele andere Afghaninnen, auch überzeugt, dass Erwerbstätigkeit für Frauen noch alles andere als problemlos ist. Sie bekleidete in den vergangenen zwanzig Jahren verschiedene Positionen, war bis Oktober 2019 Ministerin für Bergbau und Erdöl. "Das Image berufstätiger Frauen hat sich deutlich verbessert, aber nach wie vor nimmt die Gesellschaft Frauen als schwach und gefährdet wahr und ist der Meinung, dass sie zu Hause am besten aufgehoben sind", stellt Nehan fest. "Das Patriarchat ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Die vergangenen vierzig Jahre waren stark von Konflikten geprägt, sie haben die patriarchalischen Strukturen weiter verfestigt und unser Volk noch konservativer werden lassen."

Bei allen stärkenden Gesetzen und Vorschriften sind die Traditionen, die im ländlichen Raum eine wichtigere Rolle spielen als in den Städten, ein großes Hindernis für Frauen, die erwerbstätig sein wollen. Viele Männer reagieren empfindlich, wenn weibliche Familienmitglieder etwa in einem Büro arbeiten möchten. Arbeit auf dem eigenen Bauernhof ist mit den dörflichen Traditionen jedoch vereinbar. In den Städten sind Frauen auch deswegen freier, weil sie sich leichter rechtlichen Beistand besorgen können und zum Beispiel besser über ihre Scheidungsrechte informiert sind. Nach einem Bericht von 2018 werden achtzig Prozent aller Scheidungen von Frauen eingereicht. Nargis Nehan freut sich, dass ihr Beispiel anderen jungen Frauen in der Gesellschaft Mut macht, aus dem Hausfrauendasein auszubrechen. "Berufstätig zu sein, ist für mich ein großes Glück und ein gutes Gefühl."

Das Straßentransparent in Herat wurde mittlerweile abgenommen, die Online-Petition war erfolgreich: Die Regierung hat versprochen, radikale Gruppen daran zu hindern, weiter Stimmung gegen Frauen zu machen.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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