„Rebellion ist eine Kraft“

von Jenny Friedrich-Freksa

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Foto: Max Lautenschläger


2008 schrieb der türkische Schriftsteller Ahmet Altan einen Beitrag für unser Türkei-Heft. Das Land befinde sich in Ungewissheit, schrieb er, doch „es erscheint mit Blick auf die globale Lage und die Türkei sicher, dass die Demokratie als Siegerin hervorgehen wird“. Altan schrieb diese Sätze als freier Mann, er war damals Chefredakteur der Tageszeitung TARAF, die 2016 verboten wurde.

Jetzt hat Ahmet Altan wieder einen Essay für KULTURAUSTAUSCH geschrieben, diesmal aus dem Gefängnis. Wegen angeblicher Unterstützung einer Terrororganisation ist Altan zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er beschreibt in seinem Text, wie es auch im Gefängnis möglich ist, eine innere Haltung zu bewahren: „Dieser eigenartige Widerspruch zwischen der rohen Macht Ihrer Peiniger, die ausreicht, Sie einzusperren oder gar zu töten, und der intellektuellen Dürftigkeit, die es diesen Menschen unmöglich macht, Ihren Ideen mit eigenen Vorstellungen entgegenzutreten, verleiht Ihnen, also dem ›Opfer‹, eine großartige Widerstandskraft und ein ebensolches Gefühl der Überlegenheit.“

Im vergangenen Jahr haben unzählige Widerstandsbewegungen weltweit für Erschütterungen gesorgt, in Diktaturen und in Demokratien. In Hongkong demonstrieren die Menschen für die demokratische Grundordnung, in vielen europäischen Ländern hingegen wird sie von Rechtsextremen bedroht. Rebellion ist eine Kraft, die sich in viele Richtungen entfalten kann.

Wir schauen in dieser Ausgabe auf Proteste, auf den Widerstand einzelner Menschen und den von Gruppen – und auf den Wandel, der dem Aufbegehren folgt. Die Politologin Donatella della Porta beschreibt die internationale Renaissance des Straßenkampfs und fragt: Was verbindet diese so unterschiedlichen Proteste? Neu sind weltweit vernetzte Umweltbewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“. Über sie und über globale Krisen sprechen wir mit der kanadischen Autorin Naomi Klein. „Staatsfeinde“ wie der ukrainische Regisseur Oleg Senzow, der in einem russischen Gefängnis in Hungerstreik trat, oder Wu’er Kaixi, der das Tiananmen-Massaker überlebte, denken darüber nach, wie hoch der persönliche Preis für ihr politisches Engagement war.

Es ist kein Zufall, dass fast jedes Land der Erde einen eigenen Gedenktag hat, an dem Menschen geehrt werden, die die Geschicke ihres Landes veränderten. Offenbar gibt es überall auf der Welt das Bedürfnis, sich an jene zu erinnern, die den Mut fanden, zu handeln. Welche der heutigen Proteste eine historische Wirkung entfalten werden und wer die Helden von morgen sind, werden wir wahrscheinlich erst in zwanzig, dreißig Jahren wissen.               



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