Die Einheimischen sind friedlich

Rery Maldonado

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Wir Bolivianer brauchen kein Visum, um in die Europäische Gemeinschaft einzureisen. Das steht jedenfalls auf dem Papier. Doch die Mehrheit der Einwanderungsbehörden der Mitgliedstaaten lässt sich selten davon überzeugen, dass eine Latina, dazu noch jung, nur als Touristin kommt. Wenn man aber dennoch fest entschlossen ist, sich Museen und Denkmäler anzusehen, für Fotos vor alten Häusern zu posieren und ein, zwei Mitbringsel zu kaufen, dann empfiehlt es sich, die Erlaubnis einer Botschaft einzuholen. Es ist nicht wichtig von welcher. Deutschland und Holland sind auf jeden Fall bedenkenswerte Optionen. Auch wenn man sich dadurch auf eine Reihe nervenaufreibender bürokratischer Schritte einlässt, die viel Zeit in Anspruch nehmen. 


 Holland und Deutschland sind ruhige Länder, in denen die Menschen gerne im Voraus planen und man Latinos oft als Exoten wahrnimmt. Auf jeden Fall sollten Sie als Latino die sehr strengen Kontrollen an den Flughäfen nicht persönlich nehmen. Ihr gesamter Körper wird untersucht. Fühlen Sie sich nicht gedemütigt, wenn Sie sich vor Fremden nackt ausziehen müssen! 


 Um nach Europa zu reisen, braucht man keine speziellen Impfungen, keine Malariatabletten und keinen Mückenschutz. Aber ein paar Yoga-Stunden schaden auf keinen Fall. Eine gewisse buddhistische Einstellung zum Leben hilft, einen angenehmen Aufenthalt auf dem alten Kontinent zu haben. Bedenken Sie: Bolivien wird unmittelbar mit Kokain assoziiert, außerdem mit Evo Morales. Beides hilft für gewöhnlich nicht, die Sicherheitskontrollen freundlicher zu gestalten. Wundern Sie sich auch nicht über Hautausschlag, falls Sie sich in den kühleren Monaten in Mitteleuropa aufhalten. Das ist normal bei Menschen, die sonst mehr Sonne an ihre Haut lassen. Ebenso kann die trockene Heizungsluft zu Dauerschnupfen führen.


 In Europa reisen Sie am besten mit dem Zug, auch wenn es sich dabei nicht um das billigste Unterfangen handelt. Im Waggon haben Sie genug Zeit, die Bewohner Europas aus der Nähe zu betrachten. Eine Fahrt von Berlin nach Paris etwa verläuft ruhig und dauert ungefähr zwölf Stunden. Niemand spricht. Ideal, um zu lesen oder sich auszuruhen. Dann kommt man praktisch im Zentrum von Paris an und kann dort eine Pension oder Jugendherberge suchen – oder, besser noch, einen Freund anrufen. Denn die Stadt ist schrecklich teuer. Passen Sie auf, wo Sie einen Kaffee trinken gehen. Es kann schnell passieren, dass Sie für einen Kaffee so viel zahlen müssen wie für ein ganzes Mittagessen. Lassen Sie sich auch nicht beirren, wenn man von Ihnen ein Vermögen verlangt, um eine der heruntergekommenen Toiletten zu benutzen. 


 Von der Gare du Nord bringt Sie ein Nachtzug zur spanischen Grenze. Wenn Sie schlafen wollen, dann sollten Sie sich ein Abteil suchen, das sich weit entfernt vom Speisewagen befindet, denn dort werden ausschweifende Feste gefeiert. Die Nachteulen des gesamten Zuges treffen sich in der Cafeteria und mehr als ein alter Bauer hat reichlich Pastis in seinen Taschen, den er großzügig ausschenkt. Auch wenn es immer mehr gemeinsame Regeln und Gesetze innerhalb der Europäischen Gemeinschaft gibt, werden Sie schnell merken, dass das, was in Deutschland ein Gesetz ist, in Frankreich eine Norm und in der Weise, wie man sich der spanischen Grenze nähert, immer mehr zu einer vagen Referenz wird. In den spanischen Zügen schläft nie jemand. 


 Richtung Irun im Baskenland und von dort aus weiter nach Madrid. Eine verrückte Stadt. In Privatwohnungen eröffnen Pensionen. Das Nachtleben ist vom Feinsten. Auf den Plätzen des Zentrums versammeln sich jeden Abend viele Menschen und trinken zusammen, obwohl sie sich nicht kennen. Als Reisende können Sie sich ihnen anschließen und das Antlitz der Stadt aus der Nähe kennenlernen. Einige Chinesen, die in Madrid leben, haben Kooperativen von fliegenden Händlern gegründet und versorgen die Leute auf den Plätzen mit Bier und Zigaretten und jeder nur erdenklichen Art von Essen. Bei ihnen kann man eine Coca-Cola oder eine Peking-Ente und die traditionellen Sandwichs mit Serrano-Schinken, Tomate und Olivenöl bestellen. Wenn Sie aber eine Reise antreten, um den Charme des Paris der 70er Jahre zu finden, jenes freizügige Europa mit seinen Jazz-Kellern, kleinen Autorenkinos und den Helden des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar, sollten Sie der portugiesischen Hauptstadt Lissabon einen Besuch abstatten. 


 Kurz: Europa ist halb so wild, wie man sich es in der Ferne vorstellt, und sehr bunt. Die Einheimischen sind meist friedlich, obwohl es nicht immer einfach ist, mit ihnen zu kommunizieren. Es lohnt sich auf jeden Fall, alles Ersparte auszugeben, um den alten Kontinent kennenzulernen. Und machen Sie sich keine Sorgen: Alle Gesundheitsprobleme wie Schuppenflechten sind vorübergehend.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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