Die Einsamkeit Berlins

von Shaheen Dill-Riaz

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

Dhaka -

Bangladeschs Hauptstadt Dhaka in den 1960er Jahren. Foto: Getty Images


Bis zu meinem neunten Lebensjahr wuchs ich in einem Dorf südlich von Dhaka auf. Aus der Grundschulzeit erinnere ich mich an die Lehrer, die uns Kinder mit einem Stock auf die Hand schlugen, wenn wir nicht aufmerksam waren oder ungehorsam. Später zogen wir in die Altstadt von Dhaka. Dort eröffnete sich für mich eine andere Welt, nicht nur, weil wir dort viel enger und mit mehr Menschen lebten, sondern auch, weil ich dort die Feste der Hindus kennenlernte und ihre farbenfrohen Götterfiguren aus Holz und Stroh, die auf den Straßen zu sehen waren. Besonders beeindruckte mich die Tatsache, dass die Beziehung zwischen Menschen und Göttern so real sein konnte, etwa, dass ein Gott hinab auf die Erde stieg und sich verliebte. Meine Eltern sind Muslime, im Islam ist Gott weder konkret noch nah.

Mit zwölf Jahren wurde ich auf die Kadettenschule geschickt, ein Militärinternat, so weit entfernt, dass ich nur in den Ferien nach Hause fahren konnte. Die Zeit dort hat meine Jugend stark geprägt. Es war der Wunsch meines Vaters, dass ich diese Schule besuchte. Meine Mutter hatte nichts zu sagen. Man musste eine Aufnahmeprüfung absolvieren und sich für eine zukünftige soldatische Laufbahn verpflichten. Ich war voller romantischer Vorstellungen, doch die Ernüchterung trat schnell ein. Die Schule war neu und wurde von drei Offizieren sehr effizient geleitet. Wir trugen Uniformen und folgten einem reglementierten Tagesablauf: Frühstück, Unterricht, Sport, Hausaufgabenbetreuung. Die Disziplin fiel mir schwer, aber ich gewöhnte mich daran, auch an die Hierarchie, die unter den Klassenstufen galt. In den letzten zwei Schuljahren hörte ich mehr auf meine eigenen Wünsche. Ich wählte Fächer wie Literatur und beschäftigte mich mit dem Kino. Ich las eine Wochenzeitschrift, in der ich das parallel zum Mainstream-Kino existierende »other cinema« entdeckte.

Nach der Schule suchte ich Kontakt zu Filmaktivisten und Dichtern. Ein Dichter wurde wie ein Bruder für mich. Er war zehn Jahre älter und ich konnte bei ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit aufschlagen. Zum Frühstück las er mir dann sein neuestes Gedicht vor. Ich ging zu abendlichen Filmclubs in die ausländischen Kulturinstitute in Dhaka, wie das Goethe-Institut und die Alliance Française. 1987 schrieb ich mich für Philosophie an der Universität ein. Parallel lernte ich Russisch und Französisch. Der Russischunterricht war zwar kostenlos, aber dafür schlecht, und der Französischunterricht sehr teuer. Schließlich sagte mir jemand: Geh doch zu den Deutschen, die sind billiger und netter. Ich erhielt ein Sprachstipendium in Berlin. Am 1. Januar 1992 landete ich in Tegel. Es war trist, menschenleer und grau. Schnell lernte ich die Einsamkeit kennen und eine Individualität, die es in Bangladesch nicht gibt. Dort hat man eher das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. So machte mir die soziale Kälte hier anfangs zu schaffen, aber ich wollte bleiben.

Ich begann ein Informatikstudium, aber das ging nicht gut. Dann studierte ich Kunstgeschichte, bis ich mich schließlich an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg einschrieb, um Kameraarbeit zu lernen. Dort interessierte man sich eher für den amerikanischen Film als den deutschen, den ich interessant fand, Filme von Kluge, Wenders und Fassbinder. Damals hatte ich oft Angst, dass ich aufgeben würde, aber dann lernte ich das Abenteuer kennen, in einem Team einen Film zu drehen und zu schneiden. »Sand und Wasser« war mein Abschlussfilm, danach machte ich einen Film für das ZDF, er hieß »Die glücklichsten Menschen der Welt«.

Wenn ich überlege, wo die Menschen glücklicher sind, dann denke ich, dass das Leben in Bangladesch spürbarer ist, näher an der Natur. Die Bangladescher stehen mit den Füßen noch auf der Erde. In Berlin ist nur Asphalt, in den USA wird nicht einmal mehr das Fenster für frische Luft geöffnet. In Bangladesch kämpfen die Menschen mit den Widerständen der Natur, und im Chaos spürst du mehr von dir. Allerdings hast du dort mit anderen Problemen zu kämpfen, wie einer hierarchischen Gesellschaft und Geschlechterungerechtigkeiten.

Protokolliert von Stephanie von Hayek



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