Katastrophentourismus

Philip R. Stone

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Touristische Reisen an Stätten des Todes und an Schauplätze von Katastrophen entwickeln sich zu einem weitverbreiteten Phänomen. In der Tat hat sich im akademischen Bereich und in den Medien bereits der Begriff Katastrophentourismus etabliert, welcher die kommerzielle Ausbeutung tragischer Ereignisse in Form von Touristenattraktionen, als organisierte Touren oder Museumsausstellungen beschreibt. Selbstverständlich haben Orte des Sterbens die Menschen schon immer in ihren Bann gezogen, ganz gleich, ob dies beabsichtigt war oder nicht. So kann man die römischen Gladiatorenkämpfe mit ihrem blutigen Gemetzel als Vorläufer des Katastrophentourismus betrachten. Andere Beispiele sind die öffentlichen Hinrichtungen im mittelalterlichen Europa, die Führungen durch das Pariser Leichenschauhaus im 19. Jahrhundert und das Gruselkabinett der Madame Tussaud im viktorianischen London. Mittlerweile aber bewegt sich das Konzept in neuen Dimensionen und hat folglich neue Bedeutung und Relevanz für die heutige Gesellschaft erhalten. Es gibt ganz unterschiedliche aktuelle Beispiele: von Familienpicknicks auf ehemaligen Schlachtfeldern in Nordfrankreich oder Souvenirs von Ground Zero zum Besuch eines sibirischen Gulags oder einer „Atrocity Experience“ (Erlebnis des Grauens) in den ehemaligen Konzentrationslagern von Auschwitz oder Mauthausen. Gleichzeitig sind viele Aspekte des Katastrophentourismus noch ungeklärt. So erscheinen manche Ziele makaberer als andere. Auch ist die Motivation der Besucher noch nicht in ihrer vollen Reichweite erforscht. Letztlich werfen die Vermarktung tragischer Ereignisse, die dahinterstehenden politischen Beweggründe sowie Authentizität und Interpretation der Schauplätze ethische Fragen auf. Um sich einigen dieser Themen zu widmen, hat die University of Central Lancashire das Dark Tourism Forum (www.dark-tourism.org.uk) ins Leben gerufen.

Aus dem Englischen von Niels Haase



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