Eine andere Idee von Heimat

von Kadhem Khanjar

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Der Lyriker und Performer Kadhem Khanjar. Foto: privat


Am 25. Oktober 2019 riefen junge Irakerinnen und Iraker zur Revolution auf. Seitdem stellen sie sich gegen eine Regierung, die durch eine demokratische Wahl an die Macht gelangt ist. Sie wollen das religiöse Proporzsystem, bei dem politische Ämter nach Konfessionszugehörigkeit vergeben werden, nicht länger mittragen.

Eine Generation, die in sozialen Netzwerken und mit Computerspielen groß wurde, die arbeitslos ihre Zeit in Cafés verschwendete, hat entschieden, die Gesellschaft fundamental zu verändern. Sie lehnt die Religion als Herrschaftsinstrument ab und vollzieht damit einen radikalen Bruch mit den älteren Generationen. 

Die immer noch andauernde Revolution vom Oktober 2019 wirkt wie ein erster Schritt hin zu einem neuen Verständnis des Begriffs »Widerstand«. Die protestierenden Irakerinnen und Iraker, die ihre Tage nun auf der Straße verbringen, wurden während der letzten vierzig zerrütteten Jahre geboren. Zuerst kam der achtjährige Krieg gegen den Iran ab 1980, an den sich die Invasion von Kuwait und der zweite Golfkrieg im Jahr 1990 anschlossen. Darauf folgten 13 Jahre Wirtschaftsembargo, die amerikanische Invasion im Jahr 2003, ein fünfjähriger konfessioneller Krieg zwischen Sunniten und Schiiten sowie die Entstehung des sogenannten Islamischen Staats, dessen Bekämpfung sechs Jahre in Anspruch nahm. All diese mit Tod, Auswanderung, Hunger, Angst und Arbeitslosigkeit angefüllten Jahre konnten nur ins Nichts führen.

Jeder Widerstand muss sich zuallererst gegen den Islam als politische und gesellschaftliche Praxis richten

Im Irak, genauso wie in anderen islamisch geprägten Ländern in der Region, stehen religiöse Vorstellungen oft in Konflikt mit dem Recht der Bürger auf ein freies Leben. Die Existenz des Individuums und sein politisches Schicksal wurden stets mit den Lehren des Islams erklärt. Darum muss sich jeder Widerstand zuallererst gegen den Islam als politische und gesellschaftliche Praxis richten.

Seit seiner Gründung Anfang des 20. Jahrhunderts ist es dem Irak nicht gelungen, eine wie auch immer geartete Vorstellung von »Heimat« zu etablieren. Alle Konzepte fußten entweder im arabischen Nationalismus oder im Islam und ließen keinen Platz für die Iraker und ihre bis zu den Sumerern zurückreichende Geschichte.

Überholte Vorstellungen von »Heimat« hinderten die Menschen daran, sich selbst zu erkennen und ihrer Identität Ausdruck zu verleihen, weshalb keiner der Kämpfe und Bewegungen in der modernen Geschichte des Iraks echter Widerstand waren. Alle kollektiven Handlungen dienten stets der Verteidigung ideologischer, nationalistischer, weltanschaulicher und religiöser Positionen.

Der Dschihad ist genau das Gegenteil von Widerstand

Vielleicht haben wir Iraker auch noch nicht genau verstanden, was das Wort »Widerstand« bedeutet. Denn wie jede vom Islam dominierte Gesellschaft müssen wir uns mit dem Begriff des Dschihad auseinandersetzen, schließlich ist er das gefährlichste Konzept, auf dem diese Religion fußt. Doch der Dschihad ist genau das Gegenteil von Widerstand: Widerständig sein bedeutet, für das Leben und die Wahrheit zu kämpfen, wohingegen der Dschihad nur nach Tod und Illusion strebt. Gerechtigkeit gibt es nach dessen Logik nur im Jenseits, und der Weg ins Paradies besteht in der Verwüstung der Erde und dem Töten Andersgläubiger.

Doch die jungen Menschen im Irak erkennen nun die Notwendigkeit des Widerstands. Sie wollen um die Würde jedes Einzelnen kämpfen. Der große Wert der aktuellen Proteste besteht darin, dass sie sich zuerst gegen den eigenen Staat richten. 

Was bedeutet ein Staat,
der politische Entscheidungen auf Grundlage von 
Rechtsgutachten religiöser Autoritäten trifft?

Was bedeutet ein Staat,
dessen Gesetze von Milizen und Stammesnetzwerken 
erlassen werden?

Was bedeutet ein Staat,
der die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger nicht eine Sekunde lang garantieren kann?

Was bedeutet ein Staat,
dessen religiöse und ethnische Minderheiten ohne 
Ausnahme vernichtet oder ins Exil gedrängt wurden?

Was bedeutet ein Staat,
der seiner Kinder millionenfach zu Toten oder Waisen gemacht hat, nur um zu klären, welcher Islamismus – der schiitische oder der sunnitische – der richtige ist? 

Was bedeutet ein Staat,
dessen halbe Bevölkerung obdachlos ist, während er alles in seiner Kraft
Stehende tut, um dem Iran bei der Überwindung seiner Wirtschaftskrise zu helfen?

Was bedeutet ein Staat, 
dessen politische Parteien und Gruppierungen ausnahmslos aus konfessionellen, nationalistischen oder regionalistischen Motiven gegründet wurden?

Was bedeutet ein Staat,
in dem alle politischen Begriffe – Gesetz, Zukunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Einigkeit, Staatsbürgerschaft, Unabhängigkeit und Demokratie – zu leeren Floskeln geworden sind?

Was bedeutet ein Staat,
dessen Bürger nicht mehr unterscheiden können zwischen Forderungen, Rechten und Bedürfnissen?

Was bedeutet ein Staat,
dessen Institutionen von Korruption zersetzt und dessen Visionen vom Hass zerfressen sind?

Was bedeutet ein Staat, 
der keine Bedeutung hat?

Ein solcher Staat ist der Irak heute. Ein Staat, bei dem man sich schämt, wenn man mit ihm in Verbindung gebracht wird. Aber einen Staat, in dem Unterdrückung und Erniedrigung an Stelle des nationalen Zugehörigkeitsgefühls treten, sollte man auf der nächstgelegenen Mülldeponie entsorgen, statt ihn mit Parolen und Illusionen zu schminken.

Eine funktionierende Demokratie braucht mehr als regelmäßige Wahlen, sonst wäre es um die irakische Opposition nicht so schlecht bestellt. Die ständigen Machtwechsel im Irak sind ein Sedativum, jeder einzelne wirkt wie ein großer Schluck Demokratie, der alle Gründe, das aktuelle Herrschaftssystem abzulehnen, hinunterspült. Da es keine tatsächliche Opposition gibt, ist die Legitimität der Herrschenden absolut.

Eine Gesellschaft, die ihre Stimme gar für ein paar Dollar verkauft, verdient, was sie bekommt

Die Politik war nie per Definition ein schmutziges Geschäft, vielmehr gehören ihre Prinzipien zu dem Edelsten, was die menschliche Gesellschaft hervorgebracht hat. Aber eine Gesellschaft, die ihre Wahlentscheidungen aufgrund von nationalistischen oder konfessionellen Motiven trifft oder ihre Stimme gar für ein paar Dollar verkauft, verdient, was sie bekommt. Sie sollte nicht von einer sauberen Politik träumen, denn den Schmutz hat sie selbst hervorgebracht.

Trotzdem kam es zur Oktoberrevolution. Sie erteilt uns eine Lektion in Heimatkunde und zeigt uns eine neue Art, den Staat zu denken. Diese Revolution hat uns gelehrt, dass »Heimat« weder eine Ansammlung von Parolen noch eine leere Vokabel ist, sondern die ewige Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer wir sind – und wer wir sein wollen.

Aus dem Arabischen von Mirko Vogel



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