„Immer im Kampf“

ein Interview mit Bachtyar Ali

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Bachtyar Ali. Foto: Dominic Steinmann/ Keystone/ dpa


Herr Ali, in Ihrem jüngsten Buch „Perwanas Abend“ spielen widerständige Frauen im Nordirak eine wichtige Rolle. Warum sind es gerade Frauen, die sich auflehnen?

Jede Art von Herrschaft hat ein Kontrollziel. Die islamistische Herrschaft konzentriert sich sehr stark auf den Körper der Frau. Wer den Körper der Frauen definiert, definiert am Ende das gesamte gesellschaftliche System. Die moralische Vorstellung, dass Frauen immer »rein« bleiben müssen, ist sehr mächtig. Darum ist es so ein starkes Zeichen, wenn Frauen aufbegehren. Ich versuche zu zeigen, dass unsere Gefühle und unser Körper Orte des Widerstands sind. Und dass wir sie als Waffe gegen grausame Regime oder grausame Gesellschaftsformen, wie sie heute leider immer noch vielerorts existieren, einsetzen können. 

In Ihrem Buch fliehen Liebespaare aus der Stadt in ein verstecktes Tal in den Bergen, um dort frei leben und vor allem lieben zu können. Doch die Utopie scheitert … 

In unserer Gesellschaft ist kein Platz für die Liebe. Es ist sehr romantisch zu denken, man könne sich seine eigene kleine Utopie aufbauen. Aber es ist unmöglich, einen paradiesischen Mikrokosmos innerhalb einer höllischen Welt zu gründen. Als Individuum können wir zwar immer Widerstand leisten, aber wir können nicht durch ein einzelnes Projekt die Welt ändern. Dafür braucht es eine vollständige Umdeutung unserer gesellschaftlichen Werte.

Schreiben Sie für einen solchen Wandel?

Ich schreibe vor allem gegen Moralvorstellungen an. Die Macht im Orient ist eine sehr brutale Macht, im 20. Jahrhundert herrschten überall Diktatoren. Auch heute noch gibt es in keinem Land der arabisch-islamischen Welt eine erfolgreiche, wirklich liberale politische Partei. Unsere Strukturen und unsere moralischen Vorstellungen sind noch immer sehr konservativ. Die gesamte Region ist durchzogen von gesellschaftlichen, moralischen, religiösen und politischen Gefahrenzonen. Und wir müssen uns innerhalb dieser Gefahrenzonen bewegen. Das wollte ich noch nie akzeptieren. Ich nutze die Literatur, um mich gegen diese Einschränkungen und Kontrollen zur Wehr zu setzen. Darum betrachte ich mich als Widerstandsautor. Ich schreibe immer über andere Werte als jene, die in der Gesellschaft vorherrschen.

Wenn Sie von »Gesellschaft« sprechen, auf welche Gesellschaft beziehen Sie sich?

Ich beziehe mich direkt auf Kurdistan im Nordirak, wo ich aufgewachsen bin. Aber eigentlich gilt das für alle orientalischen Gesellschaften. Diese Probleme sind nicht nur kurdische Probleme. Ich möchte zeigen, wie Religion die Gesellschaft zerstört. Wie viel Macht die Religion hat, wie sie die Menschen kontrolliert und blind macht, betäubt, berauscht und zum Töten anstiftet. Im Islam herrscht ein sehr klares Prinzip vor, das lautet: Ich entscheide für dich.

Und diese Fremdbestimmtheit zerstört die Gesellschaft?

Ja, weil sie nicht hinterfragt wird. Eines der größten Probleme ist die Verzahnung von Politik und Religion in Ländern wie dem Irak. Die weltliche Macht wird vergöttert, sie stellt sich so dar, als vertrete sie göttliche Macht. Das ist eine große Gefahr für die Freiheit. Alle Revolutionen im Orient endeten immer wieder mit einem Diktator, weil die Trennung zwischen Religion und Politik nicht gelungen ist.

In den vergangenen Monaten beherrschten die Militäroffensiven der türkischen und der syrischen Regierung in Nordyrien die Nachrichten. Gibt es eine länderübergreifende Solidarisierung zwischen den Kurden? 

Erdoğan hat es geschafft. Wir Kurden waren immer sehr uneinheitlich, aber jetzt hat Erdoğan uns geeint. Mittlerweile gibt es zum Beispiel einen Boykott türkischer Produkte in allen kurdischen Gebieten. Wir haben viele Probleme mit der irakischen Regierung. Doch niemals haben die Iraker oder die Iraner gesagt: Es gibt keine Kurden. Aber Erdoğan ignoriert, dass Kurden existieren. Fast ein Jahrhundert lang haben türkische Nationalisten versucht, die kurdische Sprache auszurotten. Dieses Projekt ist gescheitert. Die kurdische Identität kann man nicht ignorieren. Der türkische Nationalismus baut auf einer Lüge auf: Dass die Türkei ein Land, ein Volk, eine Sprache, eine Identität sei. Aber in der Türkei leben viele Völker. 

Sie schreiben, dass der bergige kurdische Teil des Nordiraks immer schon Rebellengebiet war. Würden Sie sagen, widerständig zu sein gehört zur kurdischen Identität? 

Die kurdische Persönlichkeit ist sehr rebellisch. Es ist nicht einfach, sie zu zähmen. Zum einen, weil wir Kurden schon immer gegen die Zentralregierungen kämpfen mussten – gegen die irakische Regierung, die iranische und die türkische. Wir waren immer im Kampf. Die Berge waren unsere Schutzmauer, unser Versteck. Zum anderen waren wir Kurden immer Nomaden, ein freies Volk. Der religiöse Extremismus, den ich in meinen Büchern beschreibe, hat sich erst entwickelt, als die Kurden in die Städte kamen.

Sie leben seit vielen Jahren im deutschen Exil. Haben Sie den Eindruck, dass Sie dadurch einen schärferen Blick auf die Situation in Ihrer Heimat haben?

Ja, natürlich. Wäre ich nicht hier, könnte ich nicht so schrei­ben, wie ich schreibe. Im Nordirak gibt es viele Arten der inneren und äußeren Überwachung. Als Autor lebte ich dort in Gefahr. Wenn ich über Politik, Religion oder Moral schreibe, muss ich rote Linien beachten, die ich nicht überschreiten kann. Irgendwann verinnerlicht man diese roten Linien. Man braucht gar keine äußeren Kontrolleure mehr. Wir kontrollieren uns selbst. In Deutschland gibt es keine roten Linien, darum konnte ich mich hier von dieser inneren Kontrolle befreien. 

Das Interview führte Gundula Haage



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