Radioaktives Moos

Sarah Johnstone

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


 Nikolai, Juri und ich sitzen im Auto und im Radio läuft „Sheik Yerbouti“. Nikolai gibt Vollgas und unser Lada rattert über die brüchige Asphaltstraße, vorbei an rostigen Zäunen, hohem ungemähten Gras und schwankenden Birken. Juri und ich übertönen das Radio mit unserem Scherzen und Lachen. Auf der Ebene um uns herum ist weit und breit kein Mensch zu sehen.


 Einen Moment lang fühle ich mich wie auf einem Ausflug durch eine wunderbar einsame Landschaft. Dann biegen wir um eine Kurve und am Horizont erscheint der tödlichste Reaktor der Welt und zerstört diese Illusion – denn Nikolai und Juri sind keine alten Freunde, sondern mein Fahrer und mein Reiseführer auf einer Tour in das Sperrgebiet um Tschernobyl. Zeitweise wirkt die Gegend hier wie ein Stück herrlich wilder Natur, in Wahrheit wurden die 2.800 Quadratkilometer um uns herum fluchtartig verlassen. Ganze Häuser wurden von Bulldozern niedergewalzt und so dem vergifteten Erdboden gleichgemacht aus Spalten und Rissen wuchert jetzt hoch radioaktives Moos.


 Als am 26. April 1986 in der Nordukraine (damals noch Teil der Sowjetunion) Reaktor Nr. 4 explodierte und radioaktives Gift in den Himmel und auf die Erde spie, wurde zunächst ein Areal von 30 Kilometern Durchmesser abgeriegelt. Nach der Evakuierung des Gebiets war der Zutritt abgesehen von wenigen Ausnahmen nur noch Wissenschaftlern erlaubt. 


 Wer hätte sich damals träumen lassen, dass sich diese durch die weltweit schlimmste Atomkatastrophe verseuchte Landschaft einmal zur Touristenattraktion entwickeln würde? Genau das ist aber, nur 21 Jahre später, passiert heute ist das Gebiet das bekannteste Reiseziel der Ukraine. 


 Seit dem Jahr 2000, als die Strahlung überraschend schnell auf ein erträgliches Level gesunken war, haben Tausende von Tagesausflüglern das Sperrgebiet besucht – und in zahlreichen Blogs darüber berichtet. Im Internet wimmelt es auch von Einträgen, in denen Reisepartner gesucht werden, denn wenn man gemeinsam reist, lassen sich die hohen Kosten senken (fast 300 Euro zahlt man als Einzelperson, aber für jeden weiteren Mitreisenden wird es deutlich billiger). Im vergangenen Jahr haben fast 2.500 Ausländer eine Tour mitgemacht, und manche kamen sogar nur deshalb in die Ukraine.


 „Wir sind da hingefahren, weil es einfach was ganz anderes ist, etwas absolut Einzigartiges“, erklären ein 50-jähriger Tourist und seine Frau, und umreißen damit den Tenor der Kommentare all der anderen Besucher, ob alt oder jung, Frau oder Mann. Ähnlich wie der 11. September oder die Ermordung John F. Kennedys ist Tschernobyl eines dieser globalen Ereignisse, an die man sich wie an ein persönliches Erlebnis erinnert. Man weiß genau, wo man zum Zeitpunkt des Geschehens war und will dann erfahren, was sich im Zentrum des Geschehens, am Ort der Katastrophe selbst abspielte. Doch selbst die, die behaupten, sie hätten viel in Tschernobyl gelernt und seien tief bewegt, prahlen – oft im selben Atemzug – mit der düsteren Atmosphäre, die sie auf ihren Fotos eingefangen haben. Schon deshalb zweifle ich, während ich zusammen mit Nikolai die 130 Kilometer von Kiew in Richtung Norden fahre, an der Lauterkeit auch meines Unternehmens.


 Zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt kündigt sich das Sperrgebiet wie in einem Horrorfilm an. Der Verkehr wird weniger, die Straßen deutlich schlechter, und noch bevor wir die erste der zwei Kontrollstationen des Militärs passieren, senkt sich eine tödliche Stille über die Gegend. Hinter den Checkpoints liegt das Gelände, auf dem es zur Katastrophe kam, doch es ist kein Ort des Gedenkens, wie beispielsweise Auschwitz. Hier arbeiten immer noch Tausende Menschen als Wissenschaftler, bei der Miliz oder in der Verwaltung. Das einzige Denkmal ist die kleine, hässliche Statue für die Feuerwehrmänner, die während der Aufräumarbeiten starben (die „Bio-Roboter“, so der Spitzname, der einen frösteln lässt). Ansonsten findet sich in der Zone der „Sarkophag“ – die Überreste des Reaktors Nr. 4, die hastig mit Beton übergossen wurden. Dorthin fahren wir, nachdem wir Juri in seinem muffigen Büro in Tschernobyl abgeholt haben. 


 Es ist ein merkwürdiges Gefühl, als der Reaktor nun real vor mir steht. Wie den Eiffelturm oder Big Ben hat man auch dieses Bauwerk schon auf so vielen Fotos gesehen, dass man meint, schon da gewesen zu sein. Lediglich Juris Geigerzähler erinnert nachdrücklich daran, dass ich dieses Mal wirklich nur ein paar hundert Meter entfernt vom Reaktor stehe. Auf der veralteten Skala, die in der Ukraine noch gilt (statt der heute international üblichen Mikrosieverts), würde die natürliche Umgebungsstrahlung etwa 14 Mikroröntgen betragen. So werde ich etwas nervös, als der Geigerzähler auf fast 800 Mikroröntgen hochschnellt. Zwar wurde mir versichert – und hinterher nochmals von britischen Experten bestätigt –, dass ich dort nicht mehr radioaktiver Strahlung ausgesetzt bin als auf einem Transatlantikflug. Dennoch erschreckt mich das wilde Knattern des Geigerzählers, als wir an einer der besonders stark verstrahlten Stellen im Sperrgebiet stehen, und ich schlage vor, weiterzuziehen.


 Sogar Juri scheint erleichtert, als wir in Richtung der Geisterstadt Prypjat aufbrechen, für mich die unheimlichste und ergreifendste Etappe der Tour. Einst das Zuhause von 47.000 Einwohnern, Angestellten des Atomkraftwerkes und ihren Familien, gleicht Prypjat heute einer post-apokalyptischen Szenerie. In diesem Pompeji des Atomzeitalters ragen Äste auf die langen geraden Straßen und haben sich ihren Weg durch das poröse Gemäuer leerer Restaurants und Hotels gebahnt. An Wohnblöcken wuchern Kletterpflanzen, selbst das Fußballstadion ist bewachsen. Ein rostiges Riesenrad knirscht bedrohlich im Wind.


 In Klassenzimmern liegen noch aufgeschlagene Bücher auf den Tischen, überall Überbleibsel, die vom abrupten Einschnitt in das Leben der Menschen zeugen, den der Evakuierungsbefehl bewirkte. Spielzeug, Wäsche und andere Alltagsgegenstände befinden sich noch da, wo sie zurückgelassen wurden – unübersehbar aber auch die Spuren von Plünderern, die trotz des Verbots in die Sperrzone kamen und hier gewütet haben. Am surrealsten wirken vielleicht die Hirsche, Rehe, Wölfe und anderen Tiere, von denen es in diesem Niemandsland wimmelt. Als wir eine der Straßen von Prypjat entlangrauschen, bricht eine Herde radioaktiver Wildschweine durch das Unterholz. „Safari!“, scherzt Juri, und wir nehmen die Verfolgung auf.


 Ich finde nicht, dass sich meine Begleiter respektlos verhalten. Dies ist nun einmal ihr Arbeitsplatz und Ukrainer mögen schwarzen Humor. Aber dürfen sich Leute wie ich, die hier nur mal locker auf Besuch vorbeikommen, auf diesem Spielplatz des Teufels vergnügen? Einerseits lache ich, andererseits kauere ich etwas verkrampft auf meinem Sitz. 


 Juri schildert mir den Ablauf des Unfalls von 1986 und berichtet dann vom wichtigen, immer wieder aufgeschobenen Vorhaben, den brüchigen Sarkophag aus Beton zu verstärken. Als wir Mittagspause machen, merke ich, dass ihm der Gesprächsstoff zum Thema Atomenergie ausgeht, und ich versuche, etwas persönlicher ins Gespräch zu kommen, erlaube mir dabei auch etwas mehr Humor.
 „Warum arbeitest du hier?“, frage ich schließlich. „Was soll ich dir sagen?“, entgegnet Juri unbeeindruckt. „Dass ich total auf Atomenergie stehe?“ Er verdient jetzt deutlich mehr als zuvor in seinem Lehrerberuf, und durch medizinische Vorsorgeuntersuchungen reduziert sich, wie er lakonisch bemerkt, das ohnehin geringe Risiko noch mehr.


 Viele der Touristenführer in Tschernobyl misstrauen Journalisten wie mir, vor allem nachdem ein paar sensationslüsterne Berichte über die Rundfahrten veröffentlicht wurden. Dabei gingen die ersten, ohne großes Tamtam organisierten Tagestouren im Jahr 2000 auf eine Initiative der Vereinten Nationen zurück, mit der man den Menschen hier zu mehr finanzieller Unabhängigkeit verhelfen wollte. Erst der Hype um eine Webseite brachte die Sache in Verruf.


 Damals berichtete Elena Filatowa aus Kiew auf ihrer Homepage, wie sie, statt die normale Tour mitzumachen, allein auf ihrem Motorrad durch die menschenleere Landschaft fuhr. Anscheinend hat ihre Website www.kiddofspeed.com Fantasien angeregt – über eine in Leder gekleidete Lara Croft-artige Göttin, die auf 1.100 Kubik todesmutig durch die Gegend rauscht. Innerhalb von zwei Monaten waren drei Millionen Besucher auf der Seite.


 Sergej Iwantschuk von SoloEast Travel ist einer von vielen Tour-Anbietern, die sich über Filatowa ärgern: Wegen ihr hätten die Tagesausflüge „eine Art pornografischen Touch“ bekommen. Zwar wurden die Übertreibungen auf der Internetseite bald etwas zurückgenommen – aber einige Gruselromantiker waren wohl schon auf den Plan gerufen worden. Iwantschuk räumt ein, dass eine kleine Minderheit der Besucher tatsächlich an diesen „verbotenen“ Ort reist, um damit hinterher bei Freunden anzugeben manche suchen das „Risiko“ als Nervenkitzel oder haben ihre ganz eigenen makabren Gründe. Geschmacklos findet Iwantschuk zum Beispiel, wie sich ein Mann vor dem Reaktor in einem T-Shirt fotografieren ließ, auf dem „Radiation“ stand. Er betont jedenfalls, dass die Touristenführer nichts beschönigen. „Ich erkläre jedes Mal ganz offen, welches Interesse hinter diesen Touren steckt, und zumindest in meiner Gegenwart hat auch noch niemand irgendetwas Dummes angestellt.“


 Ich wünschte, ich wäre so ohne Tadel, aber auf unserer Tour herrscht auch dann noch ein eher lockerer Ton, als wir nach dem Essen die 77-jährige Rentnerin Maria besuchen. Wie einige andere ist auch sie nach ihrer Evakuierung wieder hierher zurückgekehrt, um ihr altes Leben zu führen. Zunächst kamen rund 1.500 meist ältere Leute. Davon sind jetzt noch 360 übrig, die von den Behörden in Ruhe gelassen werden.


 Nach der Reaktorkatastrophe hatte man Maria in die Nähe von Kiew umgesiedelt. Weil sie sich dort aber nicht wohlfühlte, zog sie wieder zurück und lebt nun in ihrem Bungalow, den sie ihr Zuhause nennt. In ihrem Alter, sagt sie, beunruhigt sie die Strahlung nicht mehr sogar ihr eigenes Gemüse baut sie an. Aber, frage ich, wie ist es hier so ganz allein ohne Freunde und Nachbarn? „Na ja, etwas langweilig ist es manchmal schon.“ Sie zuckt mit den Achseln. „Aber was soll man machen?“ Tatsächlich scheint unser Besuch eine willkommene Abwechslung im langweiligen Alltag der lebhaften alten Frau. Schon nach kurzer Zeit mokiert sie sich laut über eine dumme Touristin und bringt uns schließlich alle zum Lachen. Als wir uns von Maria verabschieden, sind wir dennoch erleichtert, nun nach Hause fahren zu können. Im Auto lassen wir noch etwas Dampf ab, Nikolai drückt aufs Gas, wir drehen die Musik auf und versuchen diesen ziemlich merkwürdigen Tag voller unangenehmer Eindrücke irgendwie abzuschließen. So überrascht es kaum, dass mir die Reise noch lange schmerzhaft in Erinnerung bleibt, und zwar nicht so sehr aufgrund der Momente, die ich vor Ort informativ und bewegend fand, sondern eher aufgrund derer, bei denen es mir erst nicht so ging – etwa das Bild des Friedhofs mit den rund 2.000 ausrangierten Hubschraubern, Feuerwehrautos und Krankenwagen, welche die Einsatzteams während der Katastrophe benutzten. Bin ich besonders unsensibel, frage ich mich. Fehlt es mir an Vorstellungskraft? Ich war zwar aus beruflichen Gründen hier, aber habe ich mir tatsächlich eingebildet, das könnte mich davor bewahren, mir wie ein Voyeur vorzukommen? 
 Das ganze Grauen dieses Ortes erfasst mich erst ein paar Wochen später, als ich Auszüge aus Swetlana Alexijewitschs Buch „Voices from Chernobyl“ („Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“) lese. Jedes Wort hängt mir nach, jedes Detail aus den erschütternden Berichten der Menschen, die entweder vom Tod oder den Umsiedlungsmaßnahmen aus dem Sperrgebiet weggeholt wurden. Der frisch verheiratete Feuerwehrmann, den die radioaktive Strahlung von innen verbrennt. Das sechsjährige Mädchen, das im Sterben liegt und leben will, weil sie doch „noch klein“ ist. Das ist der Moment, in dem ich zu weinen anfange. An manchen Orten, das wird mir jetzt klar, muss man nicht unbedingt gewesen sein, um sie zu verstehen.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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