Ein Künstlerzimmer auf Reisen

von Elisabet Richter

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


„Berliner Zimmer“ beginnt mit einem vorwurfsvollen Blick der Künstlerin Šejla Kamerić. In der Ausstellung schaut sie den Besucher aus 27 identischen Selbstporträts an. Auf jedem Bild steht geschrieben: „No teeth …? A mus-tache …? Smel like shit …? Bosnian Girl!“ Diese Sätze standen Mitte der 1990er-Jahre in einer Armeebaracke in Bosnien-Herzegowina, Verfasser war ein niederländischer Blauhelmsoldat. 1995 starben während des Massakers in Srebrenica 8.000 Bosnier trotz der Anwesenheit von UN-Soldaten.

Kamerić produzierte das Kunstwerk im Jahr 2003 und verbreitet es seither als Postkarte, als Werbeinserat in Zeitschriften und als Plakat in Berlin und anderen Großstädten. Kamerić erklärt: „Der Sinn dieser Arbeit ist, öffentlich zu sein, durch unterschiedliche Medien kommuniziert und von vielen Menschen gesehen zu werden.“ Seit Frühjahr 2011 ist das Bild Teil der Ausstellung „Berliner Zimmer“, die von April bis Mai im Mazedonischen Museum für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki gastierte und derzeit in Bukarest zu sehen ist. Die nächsten Stationen sind Istanbul (November/Dezember 2011) und Sofia (Sommer 2012). Kamerić ist eine von zehn südosteuropäischen Künstlern und Künstlerinnen der Wanderschau, die in Berlin leben und arbeiten. Die Ausstellung wird durch alle Herkunftsländer der Beteiligten ziehen. Ob das „Berliner Zimmer“ am Ende auch nach Berlin kommt, ist noch offen.

Ein ganz anderer Beitrag als der Kamerićs kommt von der griechischen Künstlerin Evanthia Tsantila. Ihr Exponat „The Protrait of a Chair“ besteht aus fünf Bildern. Das erste liegt auf einem weißen Holzpodest, das den jahrzehntelang verschollen geglaubten, 2004 wieder aufgetauchten „Afrikanischen Stuhl“ vom Bauhauskünstler Marcel Breuer und Gunta Stölzl zeigt. In vier weiteren Bildern an der Wand folgen Assoziationen über die Bauhausbewegung, die Weimarer Republik und die Frage nach Erinnerung und Abbildung. Tsantilas Beitrag hat im Gegensatz zu dem von Kameri? einen starken Bezug zu Deutschland. „Bei anderen Künstlern steht die Situation des Heimatlandes mehr im Vordergrund“, sagt die Künstlerin. „Einige kommen aus Krisengebieten und daher beschäftigt es sie mehr.“

Die Schau mit Fotografien, Videos und Installationen thematisch nicht allein auf die politische Situation in den Heimatländern der Künstler einzuschränken, war auch die Absicht der Kuratorin Birgit Hoffmeister. Sie stellte das „Berliner Zimmer“ auf Anfrage des Kunstmuseums in Thessaloniki und des Goethe-Instituts zusammen. Dabei war es ihr wichtig, nicht die Herkunft der Künstler in den Blickpunkt zu rücken, sondern deren Individualität. „Sinn der Ausstellung war nicht, zu sagen: Das sind südosteuropäische Künstler, sondern, das sind gute Künstler“, erklärt die Kuratorin.

Ihr Konzept geht auf. Klischees von einem zurückge-bliebenen Südosteuropa bestätigt die Ausstellung nicht. Das Exponat von Nasan Tur besteht aus Hunderten von Sprüchen und Parolen aus Thessalonikis Straßen, die der deutsch-türkische Künstler mit roter Farbe übereinander an die Wand des Museums gesprüht hatte, bis eine blickdichte rote Fläche entstanden war. In der Installation der Bulgarin Mariana Vassileva „Selfmade“ ragen zwei weiße Arme aus der Wand, die Hände umspannt ein goldener Stacheldraht.

Birgit Hoffmeister ließ den Künstlern ihre Freiheiten und „Berliner Zimmer“ dient primär als griffiger Titel. Im Allgemeinen bezeichnet er das in Berlin typische dunkle Zimmer zwischen zwei Gebäudeflügeln. Für die Ausstellung diene er als Metapher, sagt Peter Panes, Leiter des Goethe-Instituts in Thessaloniki: als ein Ort der Begegnungen – eine Kulturbrücke zwischen den Staaten Südosteuropas. Evanthia Tsantila kam 1998, Šejla Kamerić 2007 in die deutsche Hauptstadt. Beide erklären aber, Berlin nicht als Exilort oder aufgrund seines Kunstmarkts gewählt zu haben, sondern wegen der Faszination, welche die vielschichtige Metropole auf sie ausübe. Dieser Wesenszug zeichnet auch die Ausstellung aus.



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