Undercover in der Diktatur

von Hannes Meißner

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


„Jetzt reicht’s aber!“, schrie der Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Aşgabat ins Telefon, als ich wieder bei ihm anrief. Ich wollte Informationen über Turkmenistan – und herausfinden, wie man in das Land einreisen kann. Später stellte sich heraus, dass sein Wutausbruch nicht mir gegolten hatte, sondern dem turkmenischen Geheimdienst, der unser Gespräch belauscht und gestört hatte. Bis dahin hatte ich angenommen, eine marode Leitung sei an den ständigen Unterbrechungen schuld.

Ein Jahr später, 2010, war ich endlich selbst in der turkmenischen Hauptstadt. Für meine Doktorarbeit wollte ich recherchieren, wie sich Bodenschätze auf die dortige Politik auswirken. Turkmenistan verfügt über riesige Gasvorkommen, die Einkünfte daraus behält die Regierung für sich. Wieder war der Geheimdienst dicht an mir dran. Am ersten Morgen wartete in der prunkvollen Lobby des „Grand Turkmen“-Hotels schon ein Verfolger auf mich. Mal fuhr ein Auto mit verdunkelten Scheiben vor und holte ihn ab, später tauchte er wieder vor mir auf.

Angst davor, ins Gefängnis geworfen zu werden, hatte ich nicht. Aber es war klar: Ich musste vorsichtig sein, insbesondere um meine Quellen vor Ort nicht zu gefährden. Auf der inoffiziellen Weltrangliste der Polizeistaaten steht an erster Stelle Nordkorea und an zweiter Turkmenistan. In der deutschen Öffentlichkeit ist aber kaum bekannt, dass die Bevölkerung des zentralasiatischen Staats noch immer hinter einem Eisernen Vorhang lebt. 2002 hatten nur acht von tausend Turkmenen einen Telefonanschluss. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion hatte der Diktator Saparmyrat Nyýazow alias Türkmenbaşy das Bildungssystem völlig umgekrempelt: Es wurde nur noch die „Ruhnama“ gelehrt, ein Propagandabuch mit Handlungsanweisungen des „geliebten Führers“. Nyýazow beschrieb sich als Prophet analog zu Mohammed und die Turkmenen als auserwähltes Volk. Auch nach seinem Tod 2006 besteht für Journalisten und ausländische Forscher ein Einreiseverbot. Deshalb wurde noch nicht viel über Turkmenistan publiziert – eine Herausforderung für mich!

Um überhaupt ins Land zu kommen, gab ich mich als Tourist aus. Angeblich kommen jährlich 14.000 Ausländer ins Land, die meis-ten davon Russen, die Verwandte besuchen. Um nicht aufzufallen, löschte ich alle Spuren, die ich im Internet hinterlassen hatte – von der Seite meines Politischen Instituts bis zu hausarbeiten.de. Nachdem ich ein halbes Jahr mit der turkmenischen Bürokratie gerungen hatte bekam ich ein Visum – für nur neun Tage.

Hamburg nennt sich „Tor zur Welt“, München „Weltstadt mit Herz“ und Aşgabat „The White Marble City Built by the Great Leader“. Dieser Slogan, der am Nationalmuseum prangt, ist Programm: In anderen turkmenischen Städten sind die Straßen schlammig, die Häuser Baracken und Dromedare laufen umher. Doch in Aşgabat ist die ganze Innenstadt aus weißem Marmor gebaut. Es plätschern Springbrunnen, man sieht riesige Parkanlagen und das Umland wird künstlich aufgeforstet – dabei ist Turkmenistan ein Halbwüstenland.

Der surreale Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die achtspurigen Alleen und Aufmarschplätze fast menschenleer sind. Die vereinzelten Fußgänger wirken verloren und selbst viele der Milizionäre, die mit Argusaugen alles beobachten, scheinen verängstigt und unsicher zu sein. Als ich das Ruhnama-Monument sah, ein riesiges Buch, das sich vor „Türkmenbaşys“ Tod jeden Abend automatisch aufklappte, kam ich mir endgültig vor wie auf einem anderen Planeten. Mit Leuten auf der Straße zu sprechen war unmöglich. Vor den Augen der Milizionäre wollte niemand dabei gesehen werden, wie er mit Ausländern redete. Einige Turkmenen bieten ihr Auto aber als Taxi an.

Sie nehmen Fremde mit und kriegen ein paar Manat dafür, ein Tausendstel eines Euros. Ich stellte mich strategisch an Kreuzungen, in der Hoffnung, dass ich mitgenommen werde und Gespräche zustandekommen. Ein paar Mal klappte das. Trotzdem konnte ich nur zwei der 50 ausführlichen Interviews meiner Doktorarbeit in der turkmenischen Hauptstadt führen. Meine Gesprächspartner muss ich mit höchster Vertraulichkeit behandeln – wenn etwas herauskäme, wären sie in Lebensgefahr. Weitere Informationen bekam ich von Exilturkmenen in Aserbaidschan und Europa. Seit meiner Ausreise hat sich der Geheimdienst nicht bei mir gemeldet. Ich nehme aber an, dass ich nicht noch einmal einreisen kann.

Protokolliert von Oskar Piegsa



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