Tjørnuvík auf den Färöer-Inseln

von Malte Clavin

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Das kleine Dorf Tjørnuvík, im Osten der Insel Streymoy. Foto: Malte Clavin


Es scheint, als sei in Tjørnuvík, im Osten von Streymoy, der größten der Färöer-Inseln, die Welt zu Ende. In den wenigen Häusern des Dorfes mit ihren typisch färingischen, grün bewachsenen Dächern leben nur etwa sechzig Menschen. Lediglich am Morgen treffen Sonnenstrahlen auf das Dorf, kurz darauf verschwinden sie schon wieder hinter der Bergkette. Entlang der steilen Küste verbindet eine Stichstraße das Dörfchen mit dem Rest der Zivilisation. Für manchen nicht schwindelfreien Besucher ist der Weg von oben ins Dorf hinunter eine echte Herausforderung.

Als Wanderer kann man von Tjørnuvík aus bis in den nächsten Ort Saksun laufen. Den etwa sieben Kilometer langen Pfad zieren Knabenkraut, Hahnenfuß und Grasnelken. Wer sich bei schlechtem Wetter aufmachen möchte, sollte seine Funktionskleidung unbedingt durch einen traditionellen Pullover ersetzen. Denn besonders an dem steilen Hang hinter dem Dorfausgang von Tjørnuvík kann man leicht abrutschen. In den Strickpullovern mit natürlichem Bremsschutz passiert das nicht, sagen die Tjørnuvíker.

Am Strand von Tjørnuvík tost das glasklare Meer in großen Wellen auf den schwarzen Sand. Von hier aus blickt man auf zwei berühmte Naturdenkmäler: An der Spitze der Nachbarinsel Eysturoy ragen die Felsen Risin und Kelligin auf, der Sage nach ein Riese und eine Trollfrau. Sie wurden einst von Island beauftragt, die Färöer-Inseln näher heranzuziehen, damit sie nicht mehr einsam im Atlantik herumtreiben. Der Riese und die Trollfrau durften ihr Werk jedoch nur nachts verrichten. Ganz in ihre Mühen versenkt, vergaßen sie ihre Bürde. Als der Tag anbrach, erstarrten sie zu Stein.



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