Sibirien ist grün

Philipp Jusim

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Russland ist nicht unbedingt für sein Umweltbewusstsein bekannt. Doch hat auch in Russland in den letzten Jahren das Interesse am Ökotourismus zugenommen. Er hat sich besonders in der Altai-Sajan-Ökoregion entwickelt, im Süden von Mittelsibirien. Das Gebiet ist 1.065.000 Quadratkilometer groß, was der dreifachen Fläche Deutschlands entspricht. Einen russischen Ableger des World Wide Fund (WWF) im sibirischen Krasnojarsk gibt es seit sechs Jahren – die meisten Mittel kommen aus Holland. Bisher hat er zwar nur 5.000 Anhänger, allerdings mit steigender Tendenz. Tatjana Tschuprowa vom WWF fasst das neue Reiseverhalten zusammen: „Es geht um die Haltung der Reisenden zur Natur. Wer einmal in der Natur gelebt hat, hat ein besseres Verhältnis zu ihr. Ein Städter hat kaum einen Grund, ein wildes Tier zu schützen. Er wird es vielleicht sein Leben lang nicht zu Gesicht bekommen.“ 


  Russland ist das einzige Land der Erde mit Naturschutzgebieten, die von Menschen ohne Sondergenehmigung überhaupt nicht betreten werden dürfen. Seit 1995 tragen die Gebiete den verpflichtenden Titel: „ökologische Aufklärungsinstitutionen“. Bereits 80 russische Nationalparks bekennen sich zu umweltfreundlichem Tourismus und dürfen kleine Gruppen auf ausgewählten Routen und auf schonende Weise durch ihre Gebiete führen. 


 Die Landschaften des Sajan-Gebietes reichen weit ins Gebirge und sind schwer zu erreichen. Vor der Einrichtung des Nationalparks gab es so gut wie keine menschliche Einwirkung auf die Natur. Das Gebiet besteht größtenteils aus Wald, der sibirischen Taiga. Über 1.000 Quadratkilometer davon sind Pinienwald. Hier leben fast 100 geschützte Tierarten, darunter der sibirische Steinbock, Zobel, Steinadler, Fischadler, und sogar einige Schneeleoparden. 


  Igor Kalmykow ist Direktor des Naturschutzgebiets. Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler, der die Ergebnisse des Monitorings auf dem Gebiet des Nationalparks auswertet, beinhaltet seine Arbeit auch regelmäßige Inspektionen des Territoriums. Als Kopf einer Einsatzgruppe durchkämmt er das riesige Gebiet des Nationalparks. Ungefährlich ist das nicht: 1995 sind vier Wächter verschwunden. Man vermutet, dass sie von Wilderern getötet wurden. Kalmykow kennt sich nicht nur mit der Biologie der Region aus, sondern auch mit ethnischen und religiösen Themen. Auf dem Territorium des Nationalparks leben beispielsweise zwei Familien von Altgläubigen, die auch über Satellitentelefon als Wächter eingesetzt werden. Altgläubige zogen sich schon immer in unzugängliche Gebiete zurück. Sie gelten als besonders zuverlässig und trinken keinen Alkohol. Außerdem dürfen von der Tuwinischen Republik aus buddhistische Pilger auf streng vorgegebenen Wegen und mit Sondergenehmigung den Nationalpark betreten. Sie wandern zu religiösen Zeremonien zu einem für Buddhisten heiligen Gipfel, Arshan Uru. Eine solche Nutzung für kultische Zwecke ist die einzige, die in den letzten Jahren im Nationalpark erlaubt war.


  Der Naturpark Ergaki gilt hingegen schon lange als Kultort für Touristen. Er gehört zum Biosphärengebiet des Sajan-Nationalparks und wurde erst 2005 zum Naturpark erklärt. Vorher gab es hier nur wilden Tourismus. Nun gibt es Ökopfade, man kümmert sich um Müllsammelplätze und die ökologische Aufklärung der Besucher. In den Sommern, die kurz und meist heiß sind, wandern hier die Touristen durch die bizarren Steinformationen. Es gibt einen Ökopfad zum Wasserfall und Wege zu den etwa 15 Bergseen. Alpinisten lieben die steilen Steinwände und Canyons, die Skifahrer die schneereichen und stets sehr langen Winter.


  Weit im flachen Vorland des Sajan, jenseits des größten russischen Wasserkraftwerks, liegt Schuschenskoje, mit der Basisstation und dem Museum des Nationalparks. Schon zu Sowjetzeiten war es ein im ganzen Land bekannter Ort. Lenin hat hier mehrere Jahre Verbannung abgebüßt, sein Wohnhaus und die Jagdhütte sind erhalten. In den Bergen des Ostsajan existiert seit 15 Jahren Tiberkul, die größte ökologische Gemeinschaft der Welt. Hier leben mehr als 3.000 Menschen, die sich entschlossen haben, der Zivilisation abzuschwören und ein streng ökologisches Leben zu führen. Zur Stromerzeugung benutzt man Sonnengeneratoren, statt Insektiziden sprüht man Pinienextrakt auf die Felder. Viele Künstler, Musiker und Hobbyphilosophen sind in den 1990er Jahren hierher gezogen, um den Großstadttrubel hinter sich zu lassen. Doch seit einigen Jahren öffnet sich die Gemeinschaft auch aus finanziellen Gründen wieder nach außen. Nun lädt man auch hier Ökotouristen in ein kleines Gasthaus ein. Zwar ist die Unterbringung recht einfach, aber dafür die Natur um die Dörfer herum nicht nur wunderschön, sondern garantiert sehr sauber. 


  Jetzt müssen nur noch die staatlichen Stellen in Russland den Naturschutz auf ihre Agenda schreiben. Denn Zahlen über Umweltverschmutzungen werden, so Tatjana Tschuprowa, noch immer nicht gerne veröffentlicht.



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