Das himmlische Lama

von Fabian Grieger

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)

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Stilisierte Zeichnung eines Lamas. Illustration: Thumbelina/Shutterstock


Wenn es Nacht über den Anden wird, wandert Choque Chinchay, das himmlische Lama, durch die Milchstraße. Dann trinkt es aus Flüssen und Seen, damit die Dörfer der Menschen nicht überflutet werden. So erzählt es eine der vielen Legenden, die sich in Bolivien um das Lama ranken. Andere sagen, dass Pachamama, die Mutter Erde, den Menschen das Lama geschenkt hat, um ihnen das Überleben im rauen Andenland zu ermöglichen. In der Tat ist das Tier auf dem Land bis heute unverzichtbar. Es liefert Wolle, Fleisch und brennbaren Kot, außerdem war es bis zur Kolonialisierung Boliviens durch die Spanier das einzige Lasttier.

Über die Jahre hinweg verschaffte die landwirtschaftliche Bedeutung dem Lama auch eine religiöse Aura. Einst wurde nach dem Tod eines Menschen ein Lama geopfert, um ihn auf dem Weg ins Jenseits zu begleiten. Dieser Brauch wird auch heute noch in abgewandelter Form gepflegt. Kaum einer traut sich, ein Haus zu bauen, ohne durch das Einbetonieren eines Lamafötus in das Fundament Pachamama um Erlaubnis zu fragen. Kaum einer wagt es, eine Mine zu betreten, ohne vorher ein Lama geopfert zu haben. Es wundert also nicht, dass einem das Lama in Bolivien ständig und überall begegnet: als Schlüsselanhänger, als Muster auf den zahlreichen Alpaka-Pullis, als Attraktion auf den Märkten oder auf den Feldern des  Andenhochlands. Dort fühlt es sich grasend immer noch am wohlsten.



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