Freie Hand

von Kofi Annan

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Schon immer war mir klar, dass Karikaturen einen bedeutsamen Platz in den Printmedien einnehmen. Sie spielen bei der Bildung der öffentlichen Meinung eine besondere Rolle, denn meistens hinterlassen Bilder einen stärkeren Eindruck als Wörter. Die meisten Menschen sind eher dazu bereit, eine Zeichnung anzuschauen, als einen Artikel zu lesen. Wenn man beim Durchblättern eines Magazins für die Lektüre innehält, setzt das eine willentliche Entscheidung voraus. Dagegen ist es fast unmöglich, eine Zeichnung nicht anzuschauen.

Karikaturisten haben daher einen sehr großen Einfluss darauf, wie sich Menschen gegenseitig wahrnehmen. Sie können zur Selbstkritik ermutigen und Mitgefühl vergrößern. Aber sie können auch genau das Gegenteil erreichen. Kurz: Sie haben eine schwerwiegende Verantwortung. Karikaturen bringen uns zum Lachen. Ohne sie wäre unser Leben schlicht grauer. Aber sie tun nicht nur das: Sie informieren und verletzen. Den physischen Schmerz ausgenommen, können nur wenige Dinge uns direkter treffen als eine Karikatur über uns selbst, über eine Gruppe, der wir angehören oder – vielleicht noch schlimmer –, über eine Person, die wir zutiefst respektieren.

Anders gesagt: Karikaturen können gleichzeitig Intoleranz darstellen und fördern – ja, sogar hervorrufen. Die traurige Wahrheit ist, dass sie oft diese drei Dinge zugleich tun. Wenn wir versuchen, Intoleranz zu „verlernen“, müssen wir anfangen, mit den Karikaturisten zu diskutieren. Sie können uns helfen, ihre Arbeiten und unsere Reaktionen mit mehr Klarsicht zu betrachten. Wir können ihnen im Gegenzug vielleicht dabei helfen, über die Art und Weise nachzudenken, wie sie ihren Einfluss nutzen – nicht, um Stereotypen zu bestärken oder Leidenschaften anzuketten, sondern um Frieden und gegenseitiges Verständnis zu befördern.

Der französische Karikaturist Plantu trägt diese Idee schon seit langem mit sich herum. Als er mit mir im Januar 2006 darüber sprach, ahnten wir beide nichts davon, dass bald durch die Mohammed-Karikaturen weltweit vieles überkochen würde. Aber diese Angelegenheit und die ausgelösten Reaktionen haben gezeigt, wie entscheidend und dringend solche gemeinsamen Treffen wie die Konferenz „Cartooning for Peace“, die im Herbst 2006 in New York stattfand, sind. Ja, die Karikaturisten können beleidigen, das ist auch ihre Rolle. Wenn man alle schockierenden Zeichnungen verbieten würde, würden unsere Zeitungen und Webseiten sehr langweilig werden, und wir würden uns selbst um eine wichtige Form der gesellschaftlichen und politischen Beobachtung bringen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass diese Probleme durch Regeln gelöst werden. Auch sollte die Welt in keinster Weise die staatliche Autoriät zu Hilfe rufen. Wenn wir uns dafür entschieden, nur die zutiefst verletzenden Zeichungen verbieten zu lassen, würden wir von Staaten sehr subjektive Einschätzungen erhalten und uns im Räderwerk der Zensur verfangen. Ich bin dafür, die Chefredaktionen und die Karikaturisten selbst entscheiden zu lassen, was publiziert werden darf. Sie müssen sich über ihre Verantwortung im Klaren sein und zumindest darüber nachdenken, wie ihre Arbeit von verschiedenen Gruppen wahrgenommen und interpretiert werden könnte.

Wäre dies „Selbstzensur“? Ja, in gewissem Sinne schon, aber eine Selbstzensur, die, so wage ich zu hoffen, in einer respektvollen Haltung für die Gefühle der anderen ausgeübt würde. Sie wäre nicht von Furcht bestimmt. Impliziert dies „politisch korrektes“ Verhalten? Nein, so wage ich zu hoffen, wenn es bedeuten könnte, langweilig und anbiedernd zu werden. Aber ja, trotz allem, wenn es bedeuten würde, einen Sinn für die Gefühle der anderen zu haben. Einen Teil der Gesellschaft, der sich bereits verletzbar und verängstigt fühlt, mit Beleidigungen zu überhäufen: Daran ist nichts bewunderswert, witzig übrigens auch nichts.Ich hoffe auch, dass wir vermeiden können, uns in einer Art „Karikaturen-Kampf“ zu verwickeln, in dem eine Gruppe versucht, eine Beleidigung zu erwidern – sei sie eine wirkliche oder nur als solche wahrgenommene –, indem sie eine andere Beleidigung veröffentlicht, von der sie denkt, dass sie die verletzendste für die andere Gruppe sein könnte. Das wäre die Tradition der Vergeltung. So wäre niemand der Sieger, das hat uns schon Mahatma Gandhi beigebracht. Und es ist mit Sicherheit nicht das beste Mittel, um gegenseitiges Verständnis und Respekt zwischen Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Kulturen voranzutreiben.

Es gibt keine einfachen und augenscheinlichen Lösungen für diese Probleme. Zwischen unterschiedlichen Werten, die alle für sich genommen gleich wertvoll sind, gibt es manchmal Reibereien, wenn nicht gar Gegensätze. Wenn es um die Sicherung oder die Wiederherstellung von Frieden geht, sind solche Reibereien zwischen dem Wunsch nach Frieden und dem Wunsch nach Gerechtigkeit häufig zu beobachten. Im Karikaturenstreit rieb sich die Meinungsfreiheit am Respekt für den Glauben und die Gefühle anderer. Wenn so etwas geschieht, geht es nicht darum, einem Wert Vorrang vor einem anderen zu einzuräumen, sondern eher darum, Mittel und Wege zu finden, dass sowohl der eine als auch der andere Wert bewahrt wird und sie sich einander annähern. 

Aus dem Französischen von Nikola Richter



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