Insel des Glücks

Justus Krüger, Yenni Kwok

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Goldene Mülleimer, stets lächelnde Frauen in knallroten Kostümen und dick gepolsterte Wände wie in einer Gummizelle empfangen den Spieler im Kasino „Grand Lisboa“ in Macao. Eine dauergewellte Mittfünfzigerin mit auftätowierten Augenbrauen hält sich den Kopf. Sie ist kreidebleich, ihr scheint schwindelig zu sein. Was sie wohl gerade verspielt hat? Ein paar Schritte weiter lässt sich ein Ehepaar mit Siegerlächeln auf der monumentalen Freitreppe ablichten. Weiter vorn drängen sich Spieler und Schaulustige durch die Sicherheitskontrollen. Die Schlangen vor den Metalldetektoren wollen einfach nicht kürzer werden. Das Hintergrundmurmeln schwillt zu einem dumpfen Crescendo an. Mitten im Gemenge: Chinesische Spaßmacher in portugiesischen Kostümen, portugiesische Clowns in chinesischen Kostümen und wohin das Auge schaut: die Glücksfarben Gold und Rot. 


 Keine Frage: Stanley Ho hat sich nicht lumpen lassen. Der 85-Jährige, in China bekannt als der König der Spieler, hat Konkurrenz bekommen, und das „Grand Lisboa“ ist seine neueste Waffe im Wettrüsten der makkanesischen Kasinos. 35 Jahre lang währte sein Glücksspielmonopol in der portugiesischen Enklave am Perlfluss. In den 1960ern eröffnete er mit dem „Casino Lisboa“ den plüschigen Vorgänger des „Grand Lisboa“ und das erste repräsentative Kasino Macaos. Die verschlafene Kolonie sollte zum Monaco des Ostens werden. 


 Doch erst als die portugiesische Kolonialzeit 1999 nach 112 Jahren zu Ende ging – bis 1887 war Macao Pachtgebiet unter chinesischer Oberherrschaft – kam richtig Schwung in das Geschäft mit den Kasinos. Zwar ist im übrigen China das Glücksspiel verboten, aber Peking machte Macao zur Sonderverwaltungszone nach Hongkonger Vorbild und ließ der ehemaligen Kolonie freie Hand. Beflügelt von konstant zweistelligen Wachstumszahlen im Tourismus, beendete die Stadtregierung 2001 Hos Alleinherrschaft, um neuen Schwung in den alten Monaco-Plan zu bringen. Branchengrößen wie Stephen Wynn und Las Vegas Sands steckten Milliarden in das Kasinoviertel der 450.000- Einwohner-Stadt. Richard Branson, der private Raumfahrer, drängt auf den Markt, ebenso wie MGM Mirage und New Corai aus Las Vegas. Wohlhabende Chinesen vom Festland und aus Hongkong haben im vergangenen Jahr so viel Geld in Macao verjubelt, dass die alte Kolonie selbst Las Vegas hinter sich ließ und heute weltweit die Nummer eins in Sachen Glücksspiel ist. 


 Doch die Stadt ist nicht zum Monaco des Ostens geworden. Dazu ist das Kasinoviertel zwischen Fähranleger, Fisherman’s Wharf und Avenida da Praia Grande einfach nicht exklusiv genug. Ein asiatisches Las Vegas ist Macao allerdings trotzdem nicht. Die Stadt ist zu seltsam für derartige Vergleiche.


 Vor allem ist die alte Kolonie zu vielseitig. Macao teilt sich in mindestens zwei Städte: den zwischen Volksfest und Schickeria-Paradies changierenden Neon-Rummelplatz im Südosten der Halbinsel und die Exklave sino-mediterraner Lebensart im alten Zentrum. Dabei spült der Kasinoirrsinn in Hafennähe das Geld in die Kassen des anderen Macao, das seinerseits mit seinen Kirchen, Festungen, Plätzen, Museen und Cafés den Reiz der Spielhölle am Stadtrand noch vermehrt: Eine gelungene Symbiose, die besser und jedenfalls weit gewinnbringender geraten ist, als die Stadtväter vor gut 150 Jahren zu hoffen wagten. 


 Damals schien es um Macao geschehen zu sein. Die Aufsteiger des Kolonialismus, zuerst Holland, dann Großbritannien, hatten die alte Handelsmacht Portugal in Ostasien gründlich ruiniert. Dabei schienen die Portugiesen mit dem Handel zwischen Goa, Malakka, Macao und Nagasaki seit dem 16. Jahrhundert das Perpetuum mobile des Geldverdienens gefunden zu haben. 


 Die Kunde von Indien, China und Japan lockte dabei nicht nur raubeinige Händler und piratisierende Abenteurer nach Macao, sondern einige der besten Köpfe Europas. So wurde die Stadt am Perlfluss das Zentrum eines nie dagewesenen intellektuellen Abenteuers: Von hier aus arbeitete man zum ersten Mal systematisch am kulturellen Austausch zwischen Europa und China. Denn Macao war das Zentrum der jesuitischen China-Mission. Um überhaupt eine Chance zu haben, von chinesischen Intellektuellen ernst genommen zu werden – und auf die hatten es die Jesuiten abgesehen – mussten die Jünger Christi nicht nur die chinesische Umgangssprache meistern, sondern auch die Schriftsprache erlernen, die stark von der gesprochenen abweicht. Obendrein hatten sie sich den umfangreichen und anspruchsvollen Bildungskanon der chinesischen Literatenschicht anzueignen. Dabei zielte ihre Überzeugungsarbeit nicht nur auf Peking, sondern auch auf Europa. Dort versuchten sie, ihre toleranten Missionsmethoden zu rechtfertigen, indem sie die chinesische Zivilisation in einem jahrzehntelangen publizistischen Feldzug in vorteilhaftem Licht darstellten. Damit lösten sie die China-Euphorie in der europäischen Aufklärung aus. Trotz dieser Begeisterung verlor Macao bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowohl seine Stellung als zentraler Handelsplatz als auch seine Bedeutung als Mittelpunkt interkultureller Gelehrsamkeit. 


 Für ein paar Jahre noch hielt sich Macao als bescheidenes Drehkreuz für den Schmuggel mit drittklassigem Opium über Wasser. Doch für die Briten hatte sich der Opiumhandel inzwischen zum finanziellen Eckstein ihres asiatischen Imperiums entwickelt, und schnell machten die britischen Großhändler aus Hongkong den makkanesischen Kleindealern den Garaus. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen legalisierte Macao 1850 das Glücksspiel. Die wohlhabenden Briten aus der puritanischen Nachbarkolonie Hongkong sollten die Kassen füllen. 


 Heute bringen nicht die Briten, sondern die reichen Chinesen vom Festland das Geld in die Stadt. Zum Beispiel in das neue Kasino von Steven Wynn, gleich gegenüber von Stanley Hos „Grand Lisboa“. Junge Mädchen, mit nur wenig mehr als einem Bikini bekleidet, verteilen Hochglanzprospekte in der hauseigenen Mall, in der sich Luxusmarken vor allem europäischer Herkunft angesiedelt haben. Vor dem Eingang knallen meterhohe Stichflammen zur Melodie von „Diamonds are Forever“ durch das rhythmisch vor sich hin sprudelnde Wasserspiel auf dem künstlichen Teich. 


 Das Spektakel ist praktisch eine Benefizveranstaltung. Die knapp 23 Millionen Besucher, die im vergangenen Jahr nach Macao kamen, mehr als die Hälfte von ihnen aus China, verspielen so viel in den Kasinos, dass die Stadt mehr als die Hälfte ihres Steueraufkommens aus dem Glücksspiel bezieht. Die Verluste der Spieler bringen das Geld für den Erhalt des eleganten, kolonialen Macao, für die liebevoll gestalteten, erstklassigen Museen der Stadt und für Einrichtungen wie die Mittelschule gegenüber der Paulskirche. Dem Stadtzentrum merkt man das Kasinospektakel nicht an. Man muss schon auf die alten Festungsmauern neben den Überresten der jesuitischen Kathedrale klettern, um die Türme der Kasinos in den Blick zu kriegen. Anders als in fast allen Städten auf dem chinesischen Festland räumt man in der ehemaligen portugiesischen Kolonie das Alte nicht zugunsten des Neuen aus dem Weg. Elegant hat man den Kasinorummel dort angesiedelt, wo er nicht stört: In Macao findet das Glücksspiel im Gewerbegebiet statt.



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