Die Wurzelbrücken von Nongsohphan

von Amos Chapple

Helden (Ausgabe II/2018)

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Eine Wurzelbrücke im Dschungel bei Nongsohphan. Foto: Amos Chapple


Im Dschungel um das Dorf Nongsohphan im Nordosten Indiens herrscht eine extreme Luftfeuchtigkeit. Die Region gilt als die regenreichste der Welt, jede Holzkonstruktion verrottet in kurzer Zeit. Das Volk der Khasi benutzt deshalb seit Jahrhunderten die biegsamen Luftwurzeln der Gummibäume (Ficus elastica), um Brücken über die vielen Flüsse der Gegend zu bauen. Die Luftwurzeln werden ineinandergeflochten und verwoben oder auch mit dünnen, ausgehöhlten Stämmen des Betelnussbaumes an das andere Ufer geleitet. Dort lässt man sie in den Boden wachsen. Es dauert viele Jahre, bis eine Brücke stabil genug ist, um einen Menschen zu tragen. Dafür kann sie bei guten Bedingungen bis zu 500 Jahre überdauern.

Solange die Bäume gesund bleiben, erneuert sich die Brücke quasi selbst. Niemand weiß genau, wie alt die Brücke auf dem Bild ist, aber ein Mädchen aus dem Dorf erzählte mir, ihre Großmutter sei schon als Kind über sie gelaufen. Es ist ein ruhiger und sehr friedlicher Ort. Als ich das erste Mal so eine lebende Brücke sah, war ich fasziniert davon, wie harmonisch sie sich in die Infrastruktur des Dschungels fügt. Ein Wunder, das man nutzen kann. Wenn man eine Brücke überquert, sieht man, wie sich die Verbindungen der Wurzelstränge mit der Zeit verfestigt haben. Die Leute legen flache Trittsteine in die Lücken zwischen den Wurzeln und über die Jahre schließen die Baumwurzeln sie fest ein.



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