„Zeig's mir!“

von Fabian Ebeling

Neuland (Ausgabe II/2016)


Sie haben mit Schülern in Kenias größtem Slum Kibera in Nairobi „Zines“ gemacht, also ein handgemachtes Magazin. Was gibt es darin zu lesen?

TOM GRASS: Wir haben fünf Gruppen  mit jeweils vier Kindern gemacht. Eines der Hefte, das in unseren Workshops entstanden ist, beschreibt das Leben im Slum und das Umfeld der Schule, in der wir gearbeitet haben. Als wir die Kinder fragten, mit wem sie über das Thema Gesundheit sprechen würden, sagten sie, „natürlich mit der Apothekerin“. Wenn die Menschen hier gesundheitliche Probleme haben, gehen sie zu ihr, denn es gibt kaum Mediziner in Kibera. Die Kinder machten viele Interviews mit Leuten, die sie vom Sehen her kannten. So sprachen sie auch mit einem arbeitslosen, alkoholabhängigen Zimmermann und der Frau, die ihm illegal seinen Alkohol verkauft.

Die Kinder hatten also keine Berührungsängste?

HARRISON THANE: Manchmal schickten wir sie mit einem Erwachsenen los, wenn wir eine Gegend für etwas unentspannt hielten. Es gab mehrere Gruppen und jede hatte einen Reporter, einen Fotografen, einen Illustrator und einen Problemlöser. Die meisten Aufgaben erledigten die Gruppen aber ohne Begleitung, denn sie kennen sich gut aus in Kibera.
TOM GRASS: Wir durften mit ihnen vollkommen in ihre Welt eintauchen, sie bewegten sich sehr frei und unbekümmert, waren selbstbewusst.

Wie haben Sie den Kindern das Magazinmachen beigebracht?

HARRISON THANE: Wir schauten uns Beispiele wie das New York Times Magazine an, daran lehnte eine Gruppe ihr Layout an. Dann nahmen wir DIN-A4-Papier und falteten es in DIN A5, sodass die Kinder ein Gefühl für unterschiedliche Formate bekommen konnten.
TOM GRASS: Außerdem konzentrierten wir uns auf Fotografie und Storytelling. Die Kinder sollten lernen, wie man die Essenz einer Person und das, was sie tut, fotografisch festhalten kann. Sie kannten viele traditionelle Geschichten, die zwar interessant, aber sehr weit hergeholt waren. Wir wollten sie dazu bringen, dass sie uns echte Geschichten erzählen, die sie selbst oder jemand anderes erlebt haben.

Was waren die faszinierendsten?

TOM GRASS: Eine Gruppe Jungs schrieb über das Phänomen des „Night Running“. In ländlichen Gebieten rennen Männer und Frauen nachts nackt durch die Gegend. Sie sind Unruhestifter, werden von manchen als Hexen bezeichnet. Die meisten Städter in Kenia hatten eine Begegnung mit Night Runners oder kennen Leute, die eine hatten. Sie sprachen mit dem Schulkoch, der das mal erlebt hat. Solche Dinge bekommt man nicht unbedingt mit, wenn man sich nicht mit den Kindern in einem Slum in Kenia bewegt.
HARRISON THANE: Ich fand es super, wie die Kinder mit ihren neuen Fähigkeiten umgehen. Lucky und Sharlene sind zwei Mädchen, die in den Workshops sehr engagiert waren. Wenn wir zu Veranstaltungen eingeladen werden, nehmen wir manchmal ein paar der Kinder mit. Neulich waren wir mir Lucky und Sharlene bei einem Schönheitswettbewerb für übergewichtige Frauen, „Miss Plus Size“. Die beiden waren mit einer Kamera und einem Notizblock bewaffnet und befragten die Kandidatinnen. Wenn Lucky ein Foto machte, sagte sie immer: „Zeig‘s mir!“, und bekam so die besten Bilder, die Plus-Size-Ladies öffneten sich den beiden. Unter all den Journalisten dort bekamen sie die coolsten Storys.

Warum haben Sie keinen Blog oder eine Website gemacht? So könnte man heute doch eigentlich mehr Menschen erreichen als mit einer analogen Zeitschrift.

TOM GRASS: Wenn man ein Magazin herstellt, hat man am Ende ein greifbares Ergebnis. Man kann es verschenken, tauschen oder ausstellen. Die Leute in Kibera haben außerdem kaum Zugang zum Internet.

Was kann das Magazinmachen in Kibera bewirken?

TOM GRASS: Ein Zine kann als Grundlage und Forum für öffentliche Diskussionen genutzt werden. Wir verhandeln derzeit mit „Ärzte ohne Grenzen“ über einen Zine-Workshop, den wir gern im Dadaab-Flüchtlingslager im Norden des Landes machen würden. Wenn die Bewohner des Lagers zu Berichterstattern würden, gäbe es dort ein Medium für alle.
HARRISON THANE: Wir können durch diese Workshops NGOs helfen, die Gruppen, mit denen sie arbeiten, besser zu verstehen.

Das Interview führte Fabian Ebeling



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