Wie Wohlbefinden in der Türkei heißt

Cem Özdemir

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


ch höre Istanbul, meine Augen geschlossen./ Zuerst weht ein leichter Wind/ Leicht bewegen sich die Blätter in den Bäumen./ In der Ferne, weit in der Ferne./ Pausenlos die Glocke der Wasserverkäufer./ Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Der Auszug aus dem Gedicht „Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen“ von Orhan Veli Kanik erzählt voller Sehnsucht von der Schönheit Istanbuls. Wenn ich diese Zeilen lese, empfinde ich ein besonderes Wohlbefinden, eben „Keyif“. Istanbul mit seinen Teestuben, Meyhanes, seinen seelenvollen Klängen und seiner Vielfalt an wohligen Gerüchen verkörpert für mich ein schönes Sinnbild für diesen türkischen Ausdruck, der seinen Ursprung in der arabischen Sprache hat. „Keyif“ ist ein vielseitiger Begriff, der den Zustand des Geistes beschreibt.
Das Wörterbuch nennt einige Übersetzungen, etwa Genuss, Lust, Unbeschwertheit oder Enthusiasmus. Aber eine bloße Übersetzung wird der gefühlten Bedeutung des Begriffs kaum gerecht, denn auch Siesta ist schließlich mehr als nur die Mittagsruhe. „Keyif“ kann auch als positive Lebenseinstellung aufgefasst werden, als bewusstes Erleben der Sinne, was gerade in unserer schnelllebigen und hektischen Welt eine bewahrenswerte Eigenschaft ist. Und wer seine türkischen Freunde demnächt nicht mit „Wie geht’s“, sondern mit „Merhaba, keyifler nasil?“ begrüßt, schindet sicher Eindruck.



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