Das Michigan Theatre in Detroit

von Dan Austin

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)

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Zu seiner Eröffnung im Jahr 1926 hatte das Michigan Theatre eine Kapazität von über 4.000 Sitzplätzen. 1976 wurde es jedoch endgültig geschlossen. Foto: Pieter Franken


„Wo bin ich?“, denke ich jedes Mal wieder, wenn ich diesen Ort betrete. Es ist surreal, als würden zwei Welten aufeinanderprallen. Hier, wo einst Stars wie Frank Sinatra, Louis Armstrong oder Glenn Miller von mehreren tausend Menschen bejubelt wurden, parken heute Autos. 1926 wurde das Michigan Theatre eröffnet. Jeden Abend wurden Filme gezeigt, Sänger und Tänzer traten auf.

Mit seiner luxuriösen Innenarchitektur galt es schon bald als beliebteste Veranstaltungsadresse der Gegend. Ab Mitte der 1960er-Jahre zogen jedoch viele Menschen in die Vororte. Neue Kinos mit größerer Filmauswahl machten dem Michigan Theatre Konkurrenz. In den 1970er-Jahren belebten Rockkonzerte das Theater neu. Künstler wie die Band Aerosmith oder der Sänger David Bowie spielten unter den prachtvoll verzierten Decken. Das hinterließ seine Spuren − mit eingeschlagenen Spiegeln, Graffiti an den Wänden und herausgerissenen Sitzen.

Ende der 1970er-Jahre war das Michigan Theatre ziemlich verwüstet. Die Stadtverwaltung entschloss sich, das Gebäude abzureißen und an der Stelle ein Parkhaus zu errichten. Da der angrenzende Bürokomplex allerdings beschädigt worden wäre, entschied man sich – typisch amerikanisch – für eine pragmatische Lösung. Das dreistöckige Parkhaus wurde in das Theater gebaut. Die meisten Einwohner nahmen diese Entscheidung mit einem Schulterzucken hin. Heute treffen sich Football-Fans vor Heimspielen in der Tiefgarage, um sich auf ein Spiel einzustimmen.

Für mich ist das Michigan Theatre ein Symbol für den Aufstieg und Fall Detroits. Es grenzt an Ironie, dass das Theatre genau dort steht, wo einst Henry Ford seine erste Werkstatt hatte.

Protokolliert von Marianne Kühn



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