Starker Auftritt

von Sahar Mechri Kharrat

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Ich wäre heute wahrscheinlich eine ganz andere Person, wenn ich nicht Teil meines Musikklubs geworden wäre. Fast unbemerkt hat sich meine Sicht auf die Welt verändert«, erzählt Waladdine Maâlaoui. Der Schüler spielt Gitarre und ist seit drei Jahren Sprecher eines Musikklubs in der Region Tunis. Als einer von vielen in ganz Tunesien ist dieser Klub Teil der Kulturinitiative Tunisia88, die bereits zahlreiche Schülerinnen und Schüler im ganzen Land fürs Musizieren begeistern konnte.

Das Prinzip ist einfach: Bei Tunisia88 geben Musiker von Weltrang Konzerte an Schulen. Für viele Jugendliche im ländlichen Raum ist es das erste Mal, dass sie klassische Musik hören oder ein Cello sehen. Wie Waladdine Maâlaoui fühlen sich dadurch zahlreiche Jugendliche inspiriert, auch Musikklubs an ihren Schulen zu gründen, um gemeinsam zu musizieren, eigene Lieder zu komponieren oder miteinander in Chören zu singen.

Jeder Musikklub ist selbst organisiert, bekommt aber etwas Starthilfe: Man wählt einen Sprecher, der dann in Veranstaltungsorganisation und Kommunikation geschult wird. Damit erlernen die 15- bis 18-Jährigen Fähigkeiten, die sie auch über die Musikklubs hinaus sehr gut gebrauchen können. Fortan sind die Klubs selbst dafür verantwortlich, Konzerte zu organisieren und ihre Freude an der Musik auch zu denjenigen zu tragen, die kaum Zugang dazu haben. Sie treten in Waisenhäusern auf, in Krankenhäusern und auch in Gefängnissen.

Für Waladdine Maâlaoui waren die Erfahrungen, die er in seinem Musikklub gesammelt hat, entscheidend: »Ich habe mehr Selbstvertrauen in meine Stärken entwickelt und bin dank unserer Auftritte auch nicht mehr nervös, wenn ich vor einem Publikum spreche. Die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen haben mich sehr geprägt. Zusammen zu musizieren macht solidarisch«, erklärt der Schüler.

Auch auf dem Lande gründen Schüler Musikklubs und Chöre

Die Idee für diese groß angelegte Kulturinitiative hatte der Pianist und Weltenbummler Kimball Gallagher vor drei Jahren. Er ist davon überzeugt, dass Musik ein Bewusstsein für Vielfalt und Verschiedenheit schafft. »Tunisia88« nannte er das Projekt, denn 88 Tasten hat ein Klavier. Finanzielle Unterstützung erhält die Initiative vom Institut der Europäischen Entwicklungsbank, dem tunesischen Bildungsministerium und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).

Tunisia88 verbindet Jugendliche in teils abgeschiedenen Regionen miteinander. Viele der Musikklubs organisieren gemeinsame Konzerte oder besuchen sich gegenseitig zu ihren Auftritten und singen zusammen. Damit werden die tiefen Gräben überwunden, die sich gerade im ländlichen Tunesien allzu oft zwischen benachbarten Regionen auftun.

Auch Ghofrane Bouzaeïne haben ihre Erfahrungen mit dem Projekt sehr geprägt. Die Studentin, die gerade im ersten Vorbereitungsjahr an der Universität El Manar ist, blickt gerne auf die vergangenen Jahre bei Tunisia88 zurück. »Ich war immer eine eifrige, aber schüchterne Schülerin. Ich wollte mich durch nichts ablenken lassen, sondern ein gutes Abi machen.« Ein Lehrer, der ihr dichterisches Talent erkannte, ermutigte Bouzaeïne, in einem Musikklub in der Region Oued Ellil aktiv zu werden. »Zuerst war ich etwas unsicher, aber alle haben mich ermutigt, mein Gedicht vorzutragen. Es besingt die Hoffnungen der tunesischen Revolution. Für mich war das der Beginn einer unglaublichen inneren Reise. Einmal bin ich sogar vor 5.000 Leuten aufgetreten!« Bouzaeïne möchte sich unbedingt weiter mit Poesie beschäftigen. »Die Erfahrungen der Auftritte waren nicht nur sehr emotional für mich, sie haben auch meine innere Berufung geweckt. Jetzt fühle ich mich bereit, mich den Herausforderungen der Berufswelt zu stellen, und ich weiß, dass ich alles schaffen kann, wenn ich mich mit anderen vernetze«, sagt die junge Dichterin.

Manchmal braucht es nicht viel, um das Leben zu verändern. Ein Auftritt kann reichen.

Aus dem Französischen von Claudia Kotte



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