Golfbälle aus Fischfutter

von Adam Jacot De Boinod

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Für die Erkenntnis, dass Luxus nicht gleich Luxus ist, braucht es bei einer Reise durch die High-End-Resorts der Malediven nur ein paar Tage. Ins Wasser gebaute Bungalows auf Stelzen, eine private Treppe direkt aus der Wohnung ins türkisblaue Meer, ein Tauchbecken im Wohnzimmer: bei der Ankunft auf der ersten Insel mag das noch Begeisterungsstürme auslösen. Spätestens beim Check-in im dritten Resort ist jedoch klar: Auf den rund 150 Hotelinseln der Malediven gehört all das nicht zum Sonderangebot, sondern zur Grundausstattung.

Wer aus der Masse herausstechen will, muss also zu etwas ausgefalleneren Methoden greifen. Auf der Insel Villingili stellt das Hotelpersonal deshalb in jeder Urlaubssaison die Uhren eine Stunde vor. So können die Sonnenanbeter unter den Touristen sich auch spätabends noch am Strand räkeln. Die Betreiber des Resorts auf der Insel Veela locken derweil mit einem ganz besonderen Pauschalangebot. Für wohlbetuchte Touristen, die das ultimative Luxuserlebnis suchen, oder Prominente, die den Kameras der Paparazzi entgehen wollen, steht hier gleich eine ganze Insel inklusive Hotel zur Buchung bereit. Für spottbillige 16.000 Euro die Woche wird der Traum des eigenen Eilands endlich wahr.

Wer es nicht ganz so abgeschieden mag, aber trotzdem einen Urlaub der Extraklasse sucht, der könnte sich wiederum im Resort »Amilla Fushi« wohler fühlen. Dort steht jederzeit ein »Tauchbutler« bereit, der gerufen werden kann, wenn den Reisenden nach einem kleinen Unterwasserabenteuer zumute ist. Und auch anderswo werden Touristen mit dem Versprechen gelockt, von morgens bis abends bemuttert zu werden: Im »Baros Maldives« bekommt jeder Gast ein eigenes Mobiltelefon mit direkter Durchwahl zu einem der »Strandbutler«, die Touristen für die ultimative Robinson-Crusoe-Erfahrung per Motorboot auf nahe gelegene Sandbänke verschiffen. Im »Six Senses Laamu« gibt es einen »Erlebnisspezialisten«, der individualisierte Tagestrips für alle organisiert, die zu faul sind, selbst in den Reiseführer zu schauen.

Was aber, wenn auch das noch nicht exklusiv genug ist? Abhilfe könnte da ein Ausflug ins »Four Seasons Resort« schaffen. Dort werden Reisende vom hoteleigenen Bootsservice alarmiert, wenn vor der Küste Mantarochen auftauchen. Wer schnell seekrank wird, aber trotzdem in Kontakt zu den Meeresbewohnern treten will, der sollte vielleicht eher im »JA Manafaru« einchecken. Auf Anfrage an der Rezeption bekommt dort jeder Gast einen Golfschläger und ein paar Golfbälle aus gepresstem Fischfutter, die aus sicherer Distanz zum kühlen Nass gen Horizont geschlagen werden können. Im »St. Regis Vommuli« setzt man derweil auf ganz andere Art und

Jeder Resortgast bekommt ein Handy mit der Durchwahl des »Strandbutlers«

Weise auf den Charme der tropischen Unterwasserwelt: Das Resort ist bestückt mit einer Bar in Form eines Walfisches, und einer Bibliothek, deren Architektur an die Silhouette einer Meeresschnecke erinnert. Noch ausgefallenere Unterhaltung bietet wohl nur das Resort »Jumeirah Vittaveli«, das die einzige Schlittschuhbahn des Landes betreibt. Ein Winterwunderland direkt am Äquator.

Und auch jene Touristen, die für ihre Flitterwochen in das Tropenparadies fliegen, kommen natürlich nicht zu kurz. Im Unterwasser-Luxus- restaurant M6m, kurz für »Minus Six Meters«, können sie nicht nur dinieren. Für einen nicht unbeträchtlichen Aufpreis schwimmt hier ein Taucher in Begleitung einiger restauranteigener Meerjungfrauen an das Fenster verliebter Pärchen und entrollt ein Transparent mit der Aufschrift »Will you marry me?« Eine wahrlich tiefgründige Botschaft.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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