„Was nicht richtig funktioniert, wird entsorgt“

ein Interview mit Ana Maria Cuervo

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Frau Cuervo, wir alle wissen, wie das Alter aussieht. Was passiert eigentlich in unserem Körper, wenn wir altern?

Altern ist der allmähliche Funktionsverlust auf der Ebene aller Zellen unseres Körpers. Es ist keine Krankheit, sondern Teil eines physiologischen Prozesses. Aber es macht uns anfälliger für Krankheiten und Funktionsstörungen, die unsere letzten Jahre beeinträchtigen.

Mit wie viel Jahren beginnt man denn aus medizinischer Perspektive zu altern?

Das Älterwerden beginnt natürlich mit dem Augenblick der Geburt. Das Altern, über das wir hier sprechen, hat ein großes Zeitfenster. Das ist für uns Wissenschaftler sehr interessant, wir arbeiten viel mit Menschen, die über hundert Jahre alt werden. Sie altern erst ganz am Ende des Lebens.

Es gibt Gegenden, in denen besonders viele solcher Hundertjähriger leben ...

In Sardinien zum Beispiel, oder im japanischen Okinawa. Man hat anfangs geglaubt, es läge an der Umgebung, an ihrer Ernährung oder bestimmten Gewohnheiten, dass diese Menschen länger leben. Während der letzten fünf Jahre hat sich das geändert, denn die meisten Studien zeigen, dass sie sich nicht gerade gut um sich selbst kümmern, viele sind zum Beispiel Raucher. Sie können sich das leisten, denn sie haben gute Gene. Und wir haben festgestellt, dass es solche Hundertjährigen in fast jedem Land gibt.

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ist die Lebenserwartung dramatisch gestiegen, warum?

Es besteht ein enger Zusammenhang mit dem medizinischen Fortschritt. Früher sind viele an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infektionen gestorben. Wenn man kein Penicillin hat, spielt es keine Rolle, ob man die Gene eines Hundertjährigen hat. Die Entdeckungen der Medizin und natürlich der steigende Lebensstandard haben unsere Lebensspanne verlängert. Aber was sich während der letzten vierzig Jahre nicht verlängert hat, ist die Zeit ohne Krankheiten, die wir „Healthspan“ nennen. Hier gab es keinen nennenswerten Durchbruch. Unsere Alten sind nicht in dem Zustand, in dem wir sie gerne sehen würden.

Was sind die wichtigsten Alterskrankheiten?

Die neurodegenerativen Leiden wie Alzheimer oder Parkinson, die zu einem Abbau von Nervenzellen führen, sind ein großes Problem. Dann gibt es die Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Arteriosklerose, auch Krebs ist eine altersabhängige Krankheit. Umweltfaktoren scheinen jedenfalls eine große Rolle zu spielen. Auch haben wir im Laufe der Geschichte unsere Ernährung dramatisch verändert, das beeinträchtigt unser Alter auf Zellebene.

Was wollen die Forscher dagegen tun?

Wir suchen nach Wegen, um unsere Verfassung während des Alterns zu ändern. Wir würden immer noch sterben, aber ohne diese 15, 20 Jahre zunehmenden Verfalls. Diese längere beschwerdefreie Zeit kann man bei den Hundertjährigen beobachten. Was wir erreichen wollen, ist, dass die Menschen gesund bleiben bis in die letzten Monate.

Es ist der Snack zwischendurch, der den Reinigungsprozess der Zellen verhindert

In den letzten Jahren haben die Wissenschaftler revolutionäre Entdeckungen gemacht, was das Altern auf molekularer Ebene betrifft.

Wir haben noch nicht den perfekten Weg gefunden, das Altern zu verlangsamen, aber wir haben entscheidende Hinweise darüber entdeckt, wie bestimmte zelluläre Prozesse mit der Fitness eines Menschen korrespondieren. Wissenschaftler aus aller Welt haben sich zusammengetan und neun »Säulen des Alterns« beschrieben, Prozesse, die das Altern vorantreiben, wenn sie nicht reibungslos funktionieren. Eine ist etwa die Verkürzung der Telomere, der Chromosomenspitzen. Oder die sogenannte Epigenetische Uhr: An den kleinen Markern an den Genen kann man das Alter gut ablesen. Man kann auch sehen, dass die Organe unterschiedlich schnell altern können. Das Wichtige ist: Studien zeigen, dass sich das Altern tatsächlich beeinflussen lässt, indem man auf diese »Säulen des Alterns« einwirkt.

Woran forschen Sie in Ihrem eigenen Labor?

Wir arbeiten an der Proteostase, das ist die Qualitätskontrolle innerhalb der Zelle. Sie ist extrem wichtig: Was nicht richtig funktioniert, wird entsorgt. Unglücklicherweise arbeiten diese Reinigungssysteme immer weniger gut, je älter man wird. Um es in den Zusammenhang einer Krankheit zu stellen: Wir erforschen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer. Normalerweise findet man bei dieser Erkrankung ein bestimmtes mutiertes Protein. Es ist schon vorhanden, wenn man jung ist, aber der Reinigungsmechanismus macht es unschädlich – bis man ungefähr achtzig ist. Dann arbeitet dieser Mechanismus nicht mehr effizient, das mutierte Protein sammelt sich an und beginnt, die Neuronen zu schädigen. Die ersten Symptome treten auf.

Also wollen Sie verschiedene Krankheiten auf einmal behandeln, indem Sie an der Basis arbeiten.

Das ist die Idee. Denn der Risikofaktor ist tatsächlich der Alterungsprozess in den Zellen. In den letzten Monaten haben sich Alternsforscher auf der ganzen Welt auf großen Kongressen getroffen, denn wir glauben, dass es ein globales Umdenken in diese Richtung geben sollte. Und tatsächlich, was etwa den Reinigungsmechanismus angeht, scheinen wir einen Weg gefunden zu haben, die Zellreinigung sehr lange zu erhalten. Unsere Versuchstiere leben länger und bleiben gesünder.

Wie könnte ein Arztbesuch in der Zukunft aussehen?

Für jede „Säule des Alterns“ würde es wohl einen einfachen Test geben, etwa einen Bluttest. Dann könnte man sich das ganze Paket anschauen, nennen wir es »Alterspaket«. Das könnte während des jährlichen Check-ups passieren. Dann ließe sich über die passende Intervention nachdenken, Medikamente zum Beispiel. Es gibt bereits viele Firmen, die versuchen, solche Medikamente zu entwickeln.

Das klingt nach einer sehr individualisierten Behandlung. Werden sich nur die Reichen diese erstaunlichen Möglichkeiten leisten können?

Das kommt darauf an. Medikamente sind tatsächlich mit einer Krankenversicherung zugänglicher. Aber einige Wirkstoffe, um die es geht, sind bekannt und haben bereits auslaufende Patente. Zum Beispiel Metformin, das bisher bei Diabetes genutzt wurde. Aber vergessen Sie die Medikamente, es gibt so viel, was man sonst tun kann! Die ärmeren Menschen essen zwar mehr Zucker und Fett, weil es billiger ist. Für die Zellreinigung ist aber wichtiger, wann man isst. Wenn sie pausenlos mit Nahrung versorgt werden, haben die Zellen keinerlei Motivation zur Reinigung, denn das tun sie, wenn sie Energie brauchen. Es ist der Snack zwischendurch, der den Reinigungsprozess verhindert. Diese Art, mit Pausen zu essen, ist etwa als »intermittierendes Fasten« schon populär geworden.

Was hilft sonst außer der Diät?

Schlaf! Darin ist unsere Gesellschaft wirklich schlecht geworden. Wir sind permanent durch unsere Telefone abgelenkt. Aber um es in ein Bild zu fassen: Man putzt kein Geschäft, solange es offen ist, und wischt um die Kunden herum. Auch die Gehirnzellen reinigen sich besser, wenn sie während des Schlafes weniger aktiv sind. Das sind billige Maßnahmen. Es wird wichtig sein, die Bevölkerung über diese Verhaltensweisen aufzuklären. Das Ziel sind funktionstüchtige Menschen in hohem Alter, das ist ein Gewinn auch für deren Familien und die Wirtschaft. Wir müssen vielleicht einen anderen Weg finden, alte Menschen zu integrieren, etwa mit ehrenamtlicher Arbeit.

Einige Ihrer Kollegen glauben, dass theoretisch kein Naturgesetz dem menschlichen Leben eine Grenze setzt. Der alte Traum der Menschheit von der Unsterblichkeit ...

Ich glaube nicht daran. Die Kollegen meinen, dass die regenerative Medizin eines Tages so gut wird, dass man so lange
leben kann, wie man möchte. Wer weiß, aber ich denke, biologisch sind wir nicht für die Ewigkeit gemacht. Alles hat ein Verfallsdatum.

Das Interview führte Friederike Biron



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