„Nachmittags tanze ich“

ein Interview mit Tao Porchon-Lynch

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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Tao Porchon-Lynch gilt als älteste Yogalehrerin und älteste aktive Tourniertänzerin der Welt. Foto: Robert Sturman


Frau Porchon-Lynch, mit 101 Jahren gelten Sie als älteste Yogalehrerin der Welt. Wie kamen Sie dazu?

Ich war sieben Jahre alt, als ich Yoga für mich entdeckte. Ich wuchs bei meinem Onkel und meiner Tante in Pondicherry auf, im damals noch französischen Teil Indiens. Eines Morgens lief ich in der Nähe meines Elternhauses zum Strand und sah dort einige Jungen im Sand spielen und sich dabei verrenken. Ich machte ihre Bewegungen nach und dachte, dass ich gerade ein neues, spannendes Spiel lerne. Am Abend zeigte ich das meiner Tante und sie erklärte mir, dass das Yoga sei. Und Yoga sei nur für Jungen erlaubt.

Offenbar haben Sie sich davon nicht abbringen lassen ...

Ich hatte schon immer einen eigenen Kopf. Warum sollten Jungen etwas können, das Mädchen nicht können? Mit acht Jahren war ich jeden Tag draußen am Strand und übte die verschiedenen Bewegungsabläufe.

Sie haben demnach über neunzig Jahre Übung. Machen Sie immer noch täglich Yoga?

Und ob, jeden Morgen. Nachmittags tanze ich, das ist meine zweite große Leidenschaft. Vor einigen Jahren, mit 88, habe ich mit dem Turniertanz begonnen, denn ich glaube, dass man nie zu alt ist für neue Leidenschaften. Damit habe ich sogar noch einen zweiten Weltrekord aufgestellt – als älteste aktive Turniertänzerin im Jahr 2017.

Glauben Sie, dass Yoga und Tanz dazu beigetragen haben, dass Sie in Ihrem hohen Alter noch so vital sind?

Für mich ist Yoga Lebenskraft. Wenn ich morgens aufwache, dann schaue ich zur Sonne und sehe, wie sich der ganze Himmel erhellt. Ich suche nach diesem Licht in meinem Inneren, und mein Körper scheint von innen heraus zu strahlen. Ich mache mir bewusst, dass jeder Tag ein neuer Tag ist, und wenn ich richtig atme, dann recycle ich mich damit selbst. Davon bin ich überzeugt.

Unterrichten Sie auch nach wie vor Yogaklassen?

Ja, jeden Sonntagmorgen gebe ich eine Klasse für meine langjährigen Schüler. Ich möchte niemals damit aufhören. Meine Schüler sind meine Familie, einige davon kenne ich seit über vierzig Jahren.

Gibt es bestimmte Übungen, die Sie heute nicht mehr praktizieren können?

Ich denke nie über das Altern nach. Mein Alter interessiert mich nicht und genauso wenig interessiert mich, was mein Körper eventuell nicht mehr kann. Beim Yoga geht es nicht darum, den Körper in eine bestimmte komplizierte Position zu verbiegen. Es geht darum, das auszudrücken, was du im Inneren fühlst. Yoga ist der Tanz des Lebens.

Hat sich etwas für Sie verändert, seit sie die Hundert-­Jahres-Grenze überwunden haben?

Ich fühle mich kein bisschen anders, seit ich 101 geworden bin. Ich habe auch keine Angst vor dem Tod. Lieber konzentriere ich mich darauf zu wissen, dass nichts unmöglich ist. Denn ich glaube, dass wir alles erreichen können, wenn wir uns vollständig darauf konzentrieren. Für mich heißt das: Nutze deinen Atem und lerne, die Welt zu genießen, positiv zu denken.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, gibt es etwas, das Sie ihrem jüngeren Selbst raten würden?

Wir alle konzentrieren uns viel zu oft auf Negatives. Wir sitzen still, machen uns Sorgen und zweifeln, ob wir etwas schaffen können. Aber es kann natürlich gar nichts werden, wenn man nur dasitzt und zweifelt. Meinen Schülern sage ich immer: Dehnt euch bis in die Fingernägel! Damit meine ich, dass man in allen Bereichen des Lebens anstreben sollte, die eigenen Grenzen zu überschreiten, ob körperlich oder psychisch. Verschiebt nichts auf später, sondern geht jeden Tag so an, als sei es der beste eures Lebens.

Das Interview führte Gundula Haage



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