Unerhörte Reime

von Gundula Haage

Endlich! (Ausgabe I/2020)

Die Dichterin Hanna Haile organisiert den monatlich stattfindenden „Poetic Saturday“ im Kulturzentrum Fendika - und tritt auch selber auf. Foto: Gundula Haage


»Man braucht Mut, um auf eine Bühne zu treten und die eigene Seele zu entblößen«, sagt Hanna Haile nachdenklich. Genau dazu lädt die äthiopische Dichterin jeden Monat ein: Mit ein paar Mitstreiterinnen hat sie den »Poetic Saturday« gegründet, eine offene Bühne im Kulturzentrum Fendika, mitten im Herzen von Addis Abeba. Die Bühne steht allen offen, ganz gleich, ob sie auf Englisch oder Amharisch vortragen möchten. Willkommen sind alle Formen des Geschichtenerzählens, Gedichte, Witze oder Liedtexte, selbst Tänze sind möglich. Jede und jeder hat fünf Minuten Zeit, um das Publikum zu fesseln. »Ich erwarte nicht, dass jeder das, was ich sage, liebt. Aber alle werden zuhören. Und das reicht für den Anfang«, erklärt Haile die einzige Teilnahmebedingung.

An diesem verregneten Samstagnachmittag im August sind die Reihen dicht gefüllt mit Menschen aller Altersklassen. Vor dem Raum drängen sich die Besucher, trinken den Honigwein Tej, essen mit Linsen gefüllte Samosas und versuchen, durch die geöffneten Türen einen Blick auf die warm angestrahlte Bühne zu erhaschen. Viele, die auf die Bühne treten, sind Frauen. Das ist keineswegs selbstverständlich, bedauert Haile: »Die meisten Stimmen, die in Äthiopien gehört werden, sind nach wie vor männlich«. Selbstbewusst trägt sie ein Gedicht vor, während das Publikum gebannt lauscht. Auf die Zeile »Ihr solltet froh sein, dass Frauen Gleichberechtigung fordern und keine Rache« ertönen aus allen Ecken des Raumes beipflichtende »Mhms« und zustimmendes Schnipsen.

Für Selome Shimeles waren es Auftritte wie dieser, die sie ermutigten. »Ich habe immer nur für mich geschrieben. Ohne Frauen als Vorbild hätte ich mich das niemals getraut! Bei meinem ersten Auftritt vor vier Monaten habe ich gezittert wie verrückt, sogar meine Stimme ist weggebrochen«, erzählt die Dr­eißigjährige. Ihre Texte handeln von der Liebe, dem Muttersein, ihrem Körper und von Sexualität – also von Themen, die in Äthiopien normalerweise nicht öffentlich diskutiert werden. »Sexualität ist ein Tabu. Aber in meinen Gedichten wage ich, sie in Worte zu kleiden: Ich beschreibe, wie ein imaginäres Du an meinen Körper denkt, an meine Brüste, meine Augen. Manchmal wird es sogar explizit«, erzählt sie und lacht verschmitzt. An diesem Samstag beherrscht Shimeles die Bühne mit ihrer melodischen Stimme, der man die Emotionen anhört. »Ich bin eine andere, kraftvollere Frau, wenn ich die Bühne verlasse«, sagt sie später.

Viele der Dichterinnen sind Teil der äthiopischen Frauenbewegung

Die Dichterinnen im Fendika bauen auf eine jahrhundertealte Tradition. »Mit Poesie wurde in Äthiopien schon immer die Schönheit all dessen, was existiert, gepriesen, aber auch Kritik geübt«, erklärt Daniel Assefakas. Der Kapuzinermönch gilt als Experte für die poetischen Traditionen des Landes. Seit mehreren Jahren reist er mit seinem Team in ländliche Regionen, um Poesiemeister der alten Schule aufzusuchen und ihre oft nur mündlich verbreiteten Gedichte aufzuzeichnen. Laut Assefakas war die Dichtkunst in Äthiopien auf weltweit einzigartige Weise institutionalisiert. Bevor der letzte äthiopische Kaiser Haile Selassie Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bildungssystem nach britischem Vorbild einführte, war Bildung kirchlich organisiert. Die christlich-orthodoxe Kirche, die in Äthiopien seit dem vierten Jahrhundert Staatsreligion ist und das Land zum ältesten christlichen Land der Welt macht, sorgte dafür, dass ein Drittel aller Schüler nach der Grundschule eine weiterführende Schule der Poesie besuchte, um später als Kirchenpoeten tätig zu werden. Kunstvoll verwobene Verse stellen einen festen Bestandteil jeder Predigt dar. Die Kunst besteht darin, aus dem Stehgreif ein sich reimendes Gedicht zu improvisieren und dieses singend vorzutragen. Die Herausforderung dabei: möglichst intelligente Reime zu finden und tiefere Bedeutungen in harmlos klingenden Metaphern zu verbergen. »Beim ersten Hören handelt ein Gedicht vielleicht von Blumen, einem Adler oder der Sonne. Aber das ist nur die Oberfläche. Die wahre Bedeutung ist sehr politisch und gesellschaftskritisch«, erklärt Assefakas.

Die traditionellen Poesieschulen sind auch heute noch in ländlichen Gebieten zu finden, doch ihre Bedeutung schwindet. Assefakas bedauert das. »Wir Äthiopier scheinen so bestrebt danach zu sein, den Westen zu kopieren, dass wir selbst einzigartige Bestandteile unserer eigenen Traditionen ablehnen. Darum gerät die Kreativität und Vielfalt des traditionellen poetischen Könnens in Vergessenheit.« Umso mehr freut er sich, dass junge Dichterinnen und Dichter die alten Formen auf spielerische Weise nutzen, um Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben. Christlich-orthodoxe Traditionen werden so Teil von feministischem Poetry-Slam.

Viele der Dichter­innen, die im Kulturzentrum Fendika auftreten, gehören zu der kleinen, aber sehr aktiven äthiopischen Frauenbewegung, die sich nicht nur auf den Bühnen von Addis Abeba ihren Platz erkämpft. Mit Erfolg, wie der Werdegang der Dichterin Billene Seyoum Woldeyes zeigt. Die Gründerin des Blogs »AfricanFeminism« wurde 2018 zur Pressesprecherin des Premierministers Abiy Ahmed ernannt. Sie ist eine der Initiatorinnen des Gesetzesvorschlags, der ein Fünfzig-zu-Fünfzig-Geschlechterverhältnis im äthiopischen Ministerkabinett propagiert, um die politische Mitsprache von Frauen zu verbessern.

Und die Dichterinnen sind mit ihrem Kampf nicht allein. An diesem Poetic Saturday beendet ein Dichter sein Gedicht mit den Worten: »Nein heißt nein. Und Konsens ist nicht verhandelbar.« Selome Shimeles nickt zufrieden, während sie in den aufbrandenden Applaus einstimmt. »Noch vor ein paar Jahren hätte man so etwas aus dem Mund eines Mannes ganz sicher nicht gehört.« Die poetische Saat trägt Früchte.



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