Ruanda im Aufbruch

von Alexandre Niyungeko

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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Passanten in Kigali, Ruanda, vor einem Werbeplakat. Foto: Till Muellenmeister/´/laif


Manch ausländischer Besucher ist beeindruckt, wie sauber und grün Ruanda ist. Marcellin Mugenzi, der in der Hauptstadt Kigali lebt, hat dafür keinen Blick. Der Mittvierziger spricht voller Stolz von dem wirtschaftlichen Wandel, der sich in seinem Land vollzieht. Besonders auffällig, so Marcellin Mugenzi, sei die Entwicklung der Infrastruktur. War die Banque Populaire in Kigali früher die einzige Bank in Ruanda und nur in einigen Städten mit Filialen vertreten, hat heute jede Stadt ihre eigene Bank. Mit der App »Mobile Money« können die Ruander per Handy Geld überweisen und empfangen, Ersparnisse anlegen und sogar Kleinkredite abschließen. Es sind immer weniger Banknoten im Umlauf, weil Wasser- und Stromrechnungen, Abonnements, Steuern, Supermarkteinkäufe und Restaurantbesuche inzwischen online bezahlt werden.

Marcellin Mugenzi hat zwei dermaßen unterschiedliche Zeiten erlebt, dass er die Vergangenheit in ein Vorher und Nachher teilt. Vor 25 Jahren fielen dem Völkermord durch die ruandische Armee (FAR) und die Hutu-Miliz Interahamwe eine Million Tutsis und gemäßigte Hutus zum Opfer. Angestachelt von der Hetze gegen die Tutsis, beteiligten sich auch weite Teile der Hutu-Zivilbevölkerung an den Massakern. Nach dieser Katastrophe lag das Land am Boden. Eine staatliche Infrastruktur existierte nicht. Es gab weder Schulen noch Krankenhäuser, noch ein Gerichtswesen. »1994 betrug die Lebenserwartung gerade einmal 29 Jahre und das Pro-Kopf-Einkommen rund 125 Dollar. Die Startbedingungen waren so schlecht, dass es in diesem Land nur bergauf gehen konnte«, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Eddy Sinzikayo. Heute beträgt die Lebenserwartung in Ruanda 67 Jahre. Der Wandel, von dem andere Länder nur träumen können, vollzog sich so atemberaubend schnell, dass manche die offiziellen Statistiken anzweifeln. Diesen Wandel, den einige bereits als »Wirtschaftswunder« rühmen, führt Eddy Sinzikayo darauf zurück, dass Ruanda fest entschlossen sei, seine Wirtschaftsstruktur radikal umzubauen. »Das Land, in dem einst achtzig Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiteten, will seine Wirtschaft auf die neuen Technologien ausrichten.« Zwischen 2006 und 2018 hat der Dienstleistungssektor sein Umsatzvolumen von 1,4 auf 3,6 Milliarden Dollar gesteigert und macht nun 49 Prozent der Wirtschaftstätigkeit aus.

Das Smartphone »Mara« wird komplett in Ruanda produziert

Das »One-Stop-Shop«-System ermöglicht Investoren, in Ruanda in wenigen Stunden eine Firma zu gründen. Beim Ruanda Development Board ein Unternehmen eintragen zu lassen, ist unkompliziert und obendrein kostenlos. In jedem Distrikt des Landes gibt es dafür eine entsprechende Anlaufstelle. Firmengründungen sind sogar im Internet möglich. Im Ranking der reformfreudigsten Länder, das im Doing Business Report 2019 veröffentlicht wurde, belegen Ruanda und Georgien die beiden Spitzenplätze. Dank der Fördermaßnahmen für die Privatwirtschaft fließen jedes Jahr 240 Millionen Dollar Direktinvestitionen in innovative Bereiche wie die Automobilproduktion und die Smartphone-Herstellung. Zu den großen Namen zählen dabei Volkswagen und im Bereich der Mobiltelefonie die Mara Group. Im VW-Werk, das im Juni 2018 eingeweiht wurde, sollen jedes Jahr 1.000 Autos vom Band laufen. Im Oktober 2019 wurde nach monatelanger Entwicklungsarbeit das erste Elektroauto mit einer Akkulaufzeit von 230 Stunden präsentiert. Der E-Golf ist das Produkt einer Partnerschaft zwischen der ruandischen Regierung und dem Volkswagen-Konzern und macht das Land zum Vorreiter auf dem afrikanischen Kontinent.

»Wir sind hier, weil wir zeigen wollen, was möglich ist – nicht nur in Ruanda, sondern überall in Afrika«, erklärt Michaella Rugwizangoga, die bei Volkswagen den Bereich Mobility Solutions leitet. Die erste E-Golf-Flotte umfasst derzeit vier Fahrzeuge; weitere fünfzig folgen demnächst.

Auch beim Mobilfunk ist das Land Vorreiter: Das Smartphone »Mara« wird komplett in Ruanda produziert, die  Version Mara X ist für 130 Dollar zu haben. Ruanda setzt im großen Stil auf Technologieentwicklung: Vom Programm »Für jedes Kind ein Computer« sollen bereits Grundschüler profitieren. In der Sekundarstufe werden alle Schulen mit Computern ausgestattet.

Ruandas Jugend blickt zuversichtlich in die Zukunft. Die zwanzigjährige Divine Umuhoza findet es gut, dass ihr Land Ausbildungs- und Beschäftigungschancen für junge Menschen schafft: »Ich war zwar noch nie im Ausland, aber aus den Medien weiß ich, dass Ruanda immer wieder als Vorbild für den afrikanischen Kontinent gilt.«

Für Anne Niyuhire, die aus Burundi nach Kigali zog, ist besonders erfreulich, dass es in Ruanda international renommierte Hochschulen gibt, die Studierende aus verschiedenen Ländern aufnehmen. Eine davon ist die Carnegie Mellon University, die sich auf Ingenieurwissenschaften und Informatik spezialisiert und es unter die besten fünf Hochschulen in diesem Bereich geschafft hat. Die Unicef vermeldet, dass der Alphabetisierungsgrad 73,5 Prozent beträgt und 98,7 Prozent der ruandischen Kinder in die Grundschule eingeschult werden.

Seit Einführung der Krankenversicherungspflicht haben 98 Prozent der Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung. Und im Rahmen des Programms »Gira Inka Munyarwanda« (»Jedem Ruander seine Kuh«) bekommen Selbstversorger im ländlichen Raum eine Kuh geschenkt, um ihre Ackerflächen mit dem Dung fruchtbarer machen zu können. Parallel wird die Verwaltung dezentralisiert, damit staatliche Dienstleistungen auch wirklich bei der Landbevölkerung ankommen. Die Regierung fördert den Wettbewerb zwischen den Behörden. Das Spektrum der Projekte reicht von Elektrifizierung über Trinkwasserleitungen bis zu einer besseren Grundversorgung. Dadurch können, so Marcellin Mugenzi, neue Städte und Ortschaften mit kurzen Wegen zu Banken, Schulen und Gesundheitseinrichtungen entstehen.

Einen maßgeblichen Anteil am Wirtschaftsboom hatte auch die Aussöhnung, die nach der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit möglich wurde: Im November 1994 rief der UN-Sicherheitsrat den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) ins Leben. Dieser Gerichtshof sollte die Verantwortlichen und die ideologischen Hintermänner des Völkermords zur Rechenschaft ziehen. Parallel unterstützte die Regierung die Gerichte und griff dafür auf die traditionellen Gacaca-Gerichte zurück, eine althergebrachte Form der Konfliktlösung. Den Vorsitz führten ehemalige Würdenträger, die wegen ihrer Integrität hohes Ansehen genossen. Die Gacaca-Gerichte sollten Verstöße gegen die gemeinsamen Werte ahnden, die soziale Ordnung wiederherstellen und die Rechtsverletzer in die Gemeinschaft integrieren. Zum ersten Mal wurde die Aufgabe, über Personen zu richten, an die Bevölkerung übertragen. Zwischen 2005 und 2012 wurden Urteile über zwei Millionen Menschen gesprochen – ein erster Schritt zur Versöhnung.

Mit Bodenschätzen ist das Land nicht reich gesegnet

Trotz aller Fortschritte steht das Land vor etlichen Herausforderungen. Es gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Erde. Es gibt noch immer bewaffnete Gruppen, die sich gegen die Regierung auflehnen und gelegentlich von den Nachbarländern aus Angriffe starten. Einige der mutmaßlichen Verantwortlichen des Völkermords leben im Exil, manche von ihnen wurden im Ausland verhaftet und verurteilt.

25 Jahre nach dem Völkermord ist das Land bestrebt, das soziale Gefüge wiederherzustellen und seine Wirtschaft weiter anzukurbeln. »Wir müssen unser System zu einer Industrie- und Dienstleistungsökonomie umbauen«, sagt Eddy Sinzikayo. Der Wirtschaftsexperte sieht dafür alle Voraussetzungen gegeben, auch wenn das Land mit Bodenschätzen nicht reich gesegnet ist. Es ist politisch stabil, verfügt über eine durchsetzungsfähige politische Führung und gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Korruption weltweit.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld



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