Im Klappstuhl auf dem Bürgersteig

von Mauro Libertella

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Ich gehöre einer Kategorie von Menschen an, die nicht von jedermann wertgeschätzt wird, die aber unbestreitbar auf eine lange Tradition zurückblicken kann: die alten Jungen.

Wir alten Jungen fühlen uns im beschränkten Radius einer Routine sicher. Wir stehen immer zur selben Uhrzeit auf, versuchen zur gleichen Uhrzeit ins Bett zu gehen, frühstücken Dinge, die sich wiederholen wie in einem der schlechten Filme, die samstagabends über die Bildschirme flimmern, und wir wählen sogar immer dieselbe Straßenseite, wenn wir irgendwo hingehen müssen. Unsere Routine kommt einer Obsession gefährlich nahe, als wären wir Gefangene im Kerker unser eigenen Pathologie oder unserer Krankheitssymptome. Aber niemand ist freier als wir selbst. Niemand – wie uns Kafka gelehrt hat – kann die Wände seines Gefängnisses einreißen, der nicht selbst gefangen war.

Wir alten Jungen schlendern durch Buenos Aires in einem langsamen, aber steten Rhythmus: Wir lieben es, spazieren zu gehen. Wir mischen uns unter das kleinteilige Gewebe des Familiären, aus dem eine Stadt letzlich besteht, mit ihren Kindern und ihren Alten – zwei biologische Spezies, die die Straßen einer Stadt bevölkern und die sie in gewissem Sinn auch definieren. An den beiden Enden des Lebensfadens befinden sich die Kinder und die Alten und diese beiden Enden geben, vielleicht, ohne dass sie sich dessen bewusst sind, sogar entgegen ihrer eigenen Natur, den geheimen Rhythmus vor, in dem sich die Stadt tagaus, tagein bewegt. Die Kinder und die Alten sind die Musik der Stadt, sie prägen ihren Charakter.

Die Plätze und die Parks von Buenos Aires sind das Gravitationszentrum, das Kinder wie Alte gleichermaßen anzieht. In einem gewissen Alter bieten uns die Grünflächen genau das, was wir suchen: weite Sichtachsen, das Fehlen von Polizisten und vor allem die Möglichkeit, eine ganze Nacht dort zu verbringen, ohne dafür Geld auszugeben. Es sind die einzigen wirklich kostenlosen Orte einer Stadt und deswegen sind sie das Reich all jener Menschen, die noch nicht oder nicht mehr arbeiten.

In der Nähe meines Hauses in der Wohngegend des Stadtteils Caballita findet sich auf der Plaza Irlanda ein »Zentrum für Rentner und Nachbarn«. Es ist ein kleines und etwas verfallenes Häuschen mit ausgebleichten Betonwänden, einem Blechdach und mickrigen Stühlen, das dort seit jeher zu stehen scheint. Alte Menschen kommen dort zusammen, um sich zu unterhalten, Karten oder Domino zu spielen oder einfach die Zeit verstreichen zu lassen, die für sie eine dicke, schwere Decke ist, die sie allmählich immer mehr zudeckt und mit der sie eine ungleiche Schlacht austragen, einen Kampf, der mit dem für sie viel näheren Tod zum Scheitern verdammt ist. Es ist dieses Zentrum, wo die Rentner meines Viertels ihr handliches, kleines Paradies gefunden haben: eine Art Gartenlaube, die sie vor dem Regen schützt und von der sie, ohne selbst gestört oder überhaupt beachtet zu werden, das ununterbrochene Gehetze der Menschen beäugen, die auf den Grünflächen des Platzes herumrennen oder spielen.

Wer könnte die Zeit einfach so verschwenden, wie sie es machen?

Manchmal gehe ich an dem Zentrum vorbei und beobachte sie mit einem gewissen Neid. Wer könnte die Zeit einfach verschwenden, so, wie sie es machen, frei von den brutalen Zwängen des Kapitalismus, dem Gebot, dass man ständig etwas produzieren, ständig etwas konsumieren muss?

Buenos Aires ist eine Stadt, in deren Straßenbild alte Menschen unübersehbar sind. Wenn die Tourismuswerbung Rio de Janeiro zur wunderbaren Stadt erklärt hat, Paris zur Stadt der Liebe und des Lichts und Rom zur ewigen Stadt, könnte meine den bescheidenen Titel »Stadt der älteren Menschen« für sich beanspruchen. Schauen Sie genau hin, und Sie werden sie überall entdecken: in den Cafés an den Straßenecken, die dem Einfall der globalen Ketten und der brutalen Gentrifizierung bis heute widerstanden haben, auch wenn sie von dieser ganz sicher eines Tages plattgemacht werden. Sie sitzen aber nicht nur in den Cafés, die Alten, sie stellen ihre Stühle raus auf den Bürgersteig und setzen sich vor die Eingangstüren ihrer Häuser, um die Menschen vorbeigehen zu sehen, als würden sie stattdessen aufs Meer blicken. Sie grüßen die Nachbarn, hören Radio mit vorsintflutlichen Geräten, die sie nahe an ihre Ohren halten und die fast bis zum Anschlag aufgedreht sind. Sie sind in Bussen und U-Bahnen, aber auch in den Theatern und im Fußballstadion, an all jenen Orten, wo jemand ein Buch vorstellt oder einen neuen Film zeigt oder ein Schauspiel jeglicher Art aufführt. Sehen Sie gut hin. Da sind sie.

Als mein Vater älter wurde, bestand sein Bewegungsradius nur noch aus zwei, drei Straßenzügen

Vielleicht hatte Adolfo Bioy Casares aus diesem Grund kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag einen unheimlich düsteren Einfall, der schließlich in seinen Roman »Tagebuch des Schweinekriegs« einfloss. Das Buch erzählt von einem Buenos Aires, in dem die Jungen von einem Tag auf den anderen, als würden sie von einer irrationalen, konzeptlosen Kraft geleitet, beschließen, die Alten zu verfolgen, sie zu bedrohen und sogar zu töten. In einer Welt, die dazu tendiert, dass Menschen immer älter werden (ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der es den Zeitungen eine Nachricht wert war, wenn jemand den hundertsten Geburtstag erreichte), malte sich Bioy Casares Ende der 1960er-Jahre einen drastischen Ausweg aus: alle die, die nicht sterben, einfach zu töten. Während sich in dem Buch eine sadistische Szene an die andere reiht, wird den Jungen allmählich bewusst, was sie da eigentlich gerade tun, und schließlich erkennen sie das Unvermeidliche: Die Alten zu töten, bedeutet in letzter Konsequenz, sich irgendwann einmal selbst zu töten.

Ich bin überzeugt, dass wir uns alle irgendwann fragen, wie wir selbst als Alte einmal sein werden. Welche Nummer wir in der Lotterie der körperlichen Gebrechen ziehen, welches Los wir aus dem Eimer des geistigen Abbaus fischen. Die Antwort darauf ist stets schwer zu fassen, sie bleibt spekulativ und vage.

Als mein Vater älter wurde und sein Körper langsam den Kampf gegen den Tod einstellte – er starb schließlich im Alter von 61 Jahren, schien aber viel älter zu sein –, bestand sein meisterhafter Schachzug darin, seinen städtischen Bewegungsradius auf die zwei, drei Straßenzüge um sein Zuhause herum zu reduzieren. In seinen letzten Jahren verließ er dieses Gebiet fast gar nicht mehr. Von der Wohnung zur Bar, von der Bar zum Gemüsehändler, vom Gemüsehändler nach Hause. Er bewies mir in Extremform, dass man auf diese Art und Weise in einer Riesenstadt wohnen kann, dass man nicht mehr als diese drei Häuserblocks braucht, so wie eine Bibliothek völlig ausreicht, wenn sie aus fünfzig unverzichtbaren Büchern und nichts weiter besteht. Ich dagegen durchquere Buenos Aires jeden Tag von einem Ende zum anderen. Ich nehme dafür das Auto, die U-Bahn, den Bus, ein Taxi, das Fahrrad. Ich halte nie inne. An manchen Tagen stehe ich in Megastaus, die eines Horrorfilms würdig sind und die die Nerven jedweder anderen Person pulverisieren, aber mir gefallen sie. Ich empfinde sogar eine Art von Genuss in der städtischen Maßlosigkeit. Mich drängt es danach, Kohlenmonoxid einzuatmen, und stille Orte ganz ohne Leute halte ich nicht aus. Mein größter Albtraum wäre es, aufs Land zu ziehen.

Und trotzdem denke ich, dass ich eines Tages – vielleicht mit 61 Jahren, die schon nicht mehr die meines Vaters sein werden, sondern meine eigenen – das Glück in den zwei oder drei Straßenzügen finden werde, in den 300 Metern, die meine Wohnung im Alter von dem Abgrund trennen werden, von jener Grenze, hinter der schon nichts mehr ist. Vorerst erschreckt mich diese Aussicht nicht. Ich habe keine Angst vor dem Alter, auch nicht vor dem dystopischen Buenos Aires, das sicher in vierzig Jahren den Ort einnehmen wird, an dem sich das heutige Buenos Aires befindet. Rem Koolhaas schrieb einmal: »New York ist eine Stadt, die durch eine andere Stadt ersetzt werden wird.« Vielleicht kann man seine Prophezeiung ja auch auf die argentinische Hauptstadt anwenden.

Was werde ich dann verstehen von all den Reizen, die in der Zukunft auf mich einwirken? Werden von der dann verschwundenen Stadt noch wahrnehmbare Spuren bleiben oder wird alles neu, anders, unverständlich sein für jemanden wie mich, der im lange vergangenen 20. Jahrhundert geboren wurde?

Vielleicht gehe ich dann einfach raus auf die Straße, durchmesse langsam die Strecke, die mich von der Plaza Irlanda trennt, und tauche ein in das Häuschen der Rentner, um Karten zu spielen oder von alten Zeiten zu plaudern. Vielleicht, nur falls ich es mich traue, wage ich mich ins eigentliche Herz des Platzes vor und begebe mich dort, zwischen Schaukeln und Rutschen, ins seit Urzeiten gleiche Chaos eines Kinderspielplatzes, gehe auf dem Sand in die Knie, um mit den Kindern der Zukunft zu spielen, die eine neue Sprache sprechen und Dinge sagen werden, die es vielleicht wert sind, gehört zu werden.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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