„Manches muss man ausblenden“

ein Gespräch mit Irena Veisaitė

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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Foto: Maik Schuck


Frau Veisaitė, Sie wurden 1928 in Kaunas geboren und werden nun bald 92. Wenn Sie tief in Ihrem Gedächtnis kramen, finden Sie dort eine früheste Kindheitserinnerung?

Ja, viele verschiedene Erinnerungen sogar! Zum Beispiel einen Spaziergang mit meinen Eltern durch die Innenstadt von Kaunas, das wird Anfang der 1930er-Jahre gewesen sein. Ich lief zwischen ihnen und griff auf der einen Seite die Hand meines Vaters und auf der anderen die meiner Mutter. Sie hatten sich kurz vorher gestritten. Ich weiß noch, wie sehr mich das bedrückte, ich wollte nicht, dass es ihnen schlecht ging. Ich erinnere mich aber auch noch sehr genau an Gespräche, die die Erwachsenen damals führten: über Hitler und über den Krieg, der wohl unvermeidbar wäre.

Damals waren Sie kaum älter als fünf Jahre…

Vielleicht etwas älter, aber ja. Ich war schon als kleines Kind sehr neugierig. Wenn Verwandte zu Besuch kamen, dann sagten sie: »Irena, Du bist ein alter Kopf!« Das ist eine Redewendung aus dem Jiddischen und sollte heißen, dass ich mehr wie eine Erwachsene dachte als wie ein Kind. Ich wollte immer wissen, was meine Eltern mit ihren Freunden redeten. Ich weiß noch, dass mir das alles sehr viel Angst machte. Ich lag ich im Bett und fragte mich, was das Wort »Krieg« überhaupt zu bedeuten hatte. Ich denke, diese altkluge Ader – oder Frühreife – verdanke ich meinem Vater.

Inwiefern?

Er hat mich einfach nie behandelt wie ein Kind. Einmal lief ich mit ihm durch die Stadt und schaute in den Himmel. Da warnte er mich nicht vor der Laterne, die in meinem Weg stand. Stattdessen sagte er: »Wenn du immer in den Himmel schaust, tust du dir irgendwann weh.« So kam es dann auch. Er ging dann mit mir in die Apotheke und holte ein Pflaster – und ich hatte meine Lektion gelernt. Er erzog mich zum Nachdenken. Als meine Eltern sich 1938 scheiden ließen und mein Vater mit seiner neuen Frau nach Belgien auswanderte, sagte meine Mutter zu ihren Freunden: »Irena ist jetzt der Mann in meinem Leben.« Und ein bisschen war es auch so. Ich machte ihr das Frühstück, ging Brot kaufen und erledigte manchmal sogar die Buchhaltung.

Glauben Sie, dass Ihnen diese frühe Selbstständigkeit später geholfen hat? Als der Zweite Weltkrieg 1941 Litauen erreichte, waren Sie ja noch eine Teenagerin.

Mit Sicherheit war das so. Spätestens mit dem 22. Juni 1941, als die Wehrmacht in Litauen einmarschierte, blieb mir ohnehin keine andere Wahl, als von einem Tag auf den anderen erwachsen zu sein. Die Ereignisse zwangen mich dazu. Meine Mutter lag damals im Krankenhaus, weil sie an den Nieren operiert worden war. Einige Tage später kam ein Soldat der Litauischen Aktivistenfront, einer Vereinigung prodeutscher Nationalisten, und verhaftete sie. Mir wurde gesagt, ich solle das Krankenhaus verlassen, ihr aber noch ihre Kleider bringen. Als ich mit den Sachen wiederkam, wusste meine Mutter bereits, was geschehen würde. In einem Moment, in dem die Soldaten nicht im Zimmer waren, holte sie mich zu ihr ...

Was hat Sie Ihnen gesagt?

Sie gab mir drei Ratschläge, die ich bis heute nicht vergessen habe. Sie sagte mir, ich solle immer selbstständig bleiben, immer mit der Wahrheit leben, weil Lügen kurze Beine hätten, und nie Rache nehmen. Den Sinn dieser Worte habe ich erst viel später verstanden, aber ich habe stets versucht, mich daran zu halten, so gut ich konnte. Sie sind ganz tief in mir drin.

Ahnten Sie bei dem Gespräch mit Ihrer Mutter, dass es das letzte sein könnte?

Ich wusste, dass wir alle in großer Gefahr waren. Ich wusste, dass Juden in Kaunas auf offener Straße ermordet wurden. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir uns in dem Krankenhaus das letzte Mal sehen würden. Es blieb aber auch keine Zeit zum Nachdenken. Alles ging viel zu schnell. Erst zog ich zu meiner alleinstehenden Tante und meinem Cousin. Kurze Zeit später kam der Befehl für den Umzug ins Ghetto.

In den folgenden zwei Monaten – zwischen August und Oktober 1941 – ermordeten die Nazis mehr als die Hälfte der im Ghetto von Kaunas lebenden Juden. Haben Sie als damals 13-Jährige verstanden, was geschah?

Ich verstand, dass wir einer nach dem anderen umgebracht wurden. Die Frage war nur wann – und warum. Warum tötete man die Juden? Warum tötete man meine Mutter? Wir alle hatten nichts Böses getan. Im Ghetto waren diese Fragen aber zweitrangig. Dort ging es nur ums Überleben. Es gab nur den Tod und die Frage, wie man ihm noch einen Tag länger entgehen konnte. Und dann noch einen Tag und noch einen. Man wartete auf die nächste Erniedrigung und den nächsten Moment, der das Ende bedeuten könnte.

Einer dieser Momente war die Große Aktion, die am 28. und 29. Oktober 1941 stattfand. Alle Einwohner des Ghettos wurden auf dem »Platz der Demokratie« versammelt und in zwei Gruppen aufgeteilt: in »Arbeitsfähige« und »Nicht-Arbeitsfähige«. Auch Sie standen dort, als deutsche Soldaten durch die Reihen gingen und per Fingerzeig über Leben und Tod entschieden …

Ich habe mich erst spät wieder richtig daran erinnern können. Manche Dinge muss man ausblenden, wissen Sie? Zumindest für eine Zeit, bis man sie wirklich wieder an sich ranlassen kann. Man legt sich eine Art Schutzpanzer an, um sich selbst das Weiterleben zu ermöglichen. Aber ja, ich war da, und meine Großeltern und eine Tante und ein Onkel auch. Ich weiß noch, dass ich mir den Büstenhalter meiner Mutter angezogen und mit Strümpfen ausgestopft hatte, damit ich wie eine erwachsene Frau aussah. Ich weiß auch noch, wie der Gestapo-Mann durch die Reihen ging und die einen nach rechts und die anderen nach links schickte. Als er auf mich zukam, schaute ich ihm direkt ins Gesicht. Ich bin bis heute überzeugt, dass ich ihn mit einer Art übermenschlichen Kraft hypnotisierte. Dann hörte ich wie er sagte: »Das Mädel hat schöne Augen. Nach rechts!« Meine Großeltern übersah er, und ich riss sie hinter mir her auf die rechte Seite des Platzes. So überlebten wir den Tag.

Ein Zufall also, pures Glück – oder Schicksal?

Es macht wahrscheinlich keinen Unterschied, ob man es Zufall oder Schicksal nennt. Manche Dinge passieren einfach. Und damals passierten viele Dinge, die man nicht erklären konnte. Einmal suchte die Gestapo beispielsweise junge, gebildete Juden. Für Archivarbeiten, hieß es. Mein Cousin Waldemar Ginsburg meldete sich. Er dachte, so eine Arbeit sei leichter und sauberer als ein Handwerksjob. Die Gestapo nahm allerdings nur 500 Männer. Waldemar befand sich auf Platz 513 und bekam den Job nicht. Zu seinem Glück. Denn am nächsten Tag wurden die 500 Männer erschossen. Auch Zufälle können schicksalshaft sein. Ich hätte ebenfalls zu mindestens zehn verschiedenen Anlässen ermordet werden können, aber es passierte nie.

1943 entkamen Sie aus dem Ghetto. Bekannte Ihres Vaters schmuggelten Sie aus Kaunas heraus und brachten Sie nach Vilnius. Dort harrten Sie bis Kriegsende aus. Später studierten Sie in der Sowjetunion Germanistik. Wie oft sprachen Sie damals noch über Ihre Erlebnisse in Kaunas?

Weniger als Sie denken würden. Ich erzähle nie von meiner Geschichte, wenn ich nicht gefragt werde. In der Sowjetunion und im Litauen der Nachkriegszeit wollten nur wenige über den Holocaust reden. Aber die Zeit war immer in meinen Gedanken. Besonders, wenn ich sah, wie sich die Geschichte wiederholte. Nach dem Ende des Kriegs dachte ich, eine Gräueltat wie der Holocaust könnte nie wieder passieren. Doch dann kamen Millionen in den Gulags um, es kam Vietnam, es kamen Pol Pot in Kambodscha und die Massenmorde in Jugoslawien und Ruanda. Jetzt denke ich oft, dass der Mensch die Bösartigkeit und das Blut vielleicht braucht und das Böse womöglich in unserer Natur liegt.

Sie sind mit Reglindis Rauca befreundet. Sie ist die Enkelin von Helmut Rauca, jenes SS-Mannes, dem sie 1941 auf dem Platz der Demokratie in die Augen sahen. Wie haben Sie diesen Versöhnungswillen aufgebracht?

Reglindis hat es mir einfach gemacht. Sie ist ein wunderbarer Mensch. Als sie 2003 von der Geschichte ihres Großvaters erfuhr, hat das ihr Leben aus den Fugen gebracht. Sie rief mich an, weil sie sich der Vergangenheit ihrer Familie stellen wollte. Das hat mir imponiert. Und was wäre die Alternative gewesen? Sie zu hassen? So kam es, dass wir uns über viele Gespräche hinweg anfreundeten. Ich lud sie nach Vilnius ein, und sie kam. Es kann nur einen Weg nach vorne geben: den der Entschuldigung und der Vergebung. Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, den Stein der Versöhnung immer wieder den Berg hinauf zu rollen. So wie Sisyphos. Es muss Menschen geben, die dem ganzen Hass trotzen und einander verstehen und verzeihen wollen.

Heute arbeiten Sie für die amerikanische Soros-Stiftung, die sich für Kulturaustausch und Demokratieförderung einsetzt. Sie haben dabei viel mit Jugendlichen zu tun. Blicken Sie manchmal etwas neidisch auf eine Generation, die – zumindest in Europa – in einem Frieden aufwächst, der Ihnen als Kind nicht vergönnt war?

Ganz im Gegenteil: Ich freue mich für sie. Ich sehe in Litauen viele wunderbare Menschen heranwachsen. Sie lesen Bücher, sie reisen und lernen die Welt kennen. Natürlich gibt es auch unter ihnen unbegründeten Hass, aber ich habe das Gefühl, dass sie lernwilliger sind als andere Generationen. Vor Kurzem besuchte mich eine litauische Jugendgruppe, die in Sankt Petersburg gewesen war. Vorher hatten viele der Schüler eine Reihe von Vorurteilen über »die Russen« gehabt. Als sie aber erstmal ein paar Menschen in Sankt Petersburg kennengelernt hatten, war das wie weggeblasen. Der persönliche Austausch mähte alle Vorurteile weg. Und so ist es ja auch meistens. Man muss das Gute in den Menschen lieben und mit dem Schlechten umgehen.

Das Interview führte Kai Schnier



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