„An Macht gewöhnt“

ein Interview mit Pankaj Mishra

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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Der Autor Pankaj Mishra. Foto: Privat


Herr Mishra, was bedeutet es, alt zu sein?

Das hängt davon ab, wo auf der Welt man sich befindet. In Asien etwa – nehmen wir mein Heimatland Indien – wird das Alter seit jeher mit Weisheit und Lebenserfahrung in Verbindung gebracht. Natürlich gilt es auch als eine Phase des Rückzugs und der Loslösung von der Welt, aber nicht im negative Sinne. Vielmehr speist sich daraus die Verbindung zwischen Alter und Spiritualität. Die Ältesten sehen Dinge, die anderen verborgen sind. Dementsprechend bedeutet das Altsein in Indien auch nicht den Ausschluss aus der Gesellschaft. Im Gegenteil: Traditionell ist es die Aufgabe der Familie, aller Kinder und Enkel, ihre Eltern und Großeltern zu pflegen. Es gibt vielleicht hier und da eine klösterliche Einrichtung, die eine ähnliche Funktion erfüllt wie das moderne Seniorenheim, aber das war bisher die Ausnahme. Im »Westen« – etwa in meiner Wahlheimat Großbritannien – geht man ganz anders mit dem Alter um.

Inwiefern?

Hierzulande wird das Älterwerden spätestens seit der kapitalistischen Revolution über das Konzept der Produktivität definiert. Wer älter wird, der gilt als weniger produktiv und als Last für den Sozialstaat. Familien können die Verantwortung für ihre Ältesten ganz einfach im Tausch gegen Geld an Dritte übertragen. Das sagt viel über den gesellschaftlichen Stellenwert des Alters aus.

Gleichzeitig besitzen »die Alten« im Gegensatz zu der Jugend – sei es im Westen oder im Osten – aber auch gesellschaftliche und politische Macht. Immerhin haben sie die jüngeren Generationen zuletzt regelmäßig überstimmt, zum Beispiel beim Brexit, bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen oder in der Klimafrage ...

Das ist richtig. Ich würde allerdings zwischen »den Ältesten« und »den Alten« unterscheiden. Während Erstere meist an den Rand der Gesellschaft rücken, befinden sich Letztere oft an den Schaltstellen der Macht. Das liegt aber auch an dem speziellen historischen Moment, in dem wir uns gerade befinden: Gegenwärtig hat rund um den Globus die Babyboomer-Generation das Sagen. Es regieren jene Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Frieden und Komfort aufgewachsen sind, und daher mit der Zeit ein sehr spezielles Weltbild entwickelt haben. Aufgrund ihrer Lebenserfahrung sehen sie die Entwicklung der Menschheit durch die Linse des ewigen Fortschritts und Wachstums – und sie glauben fest daran, dass es ihren Kindern noch besser gehen wird als ihnen selbst. Die Jugend hat jedoch längst den gut begründeten Verdacht, dass dieses Narrativ falsch ist und es ihr in Zukunft womöglich schlechter gehen wird als ihren Eltern. Sie macht Erfahrungen mit wirtschaftlicher Stagnation und 
sozialem Abstieg. Deshalb werden die Rufe der Jugend nach radikalem Wandel in vielen Teilen der Welt auch immer lauter.

Und die älteren Generationen blockieren diesen Wandel Ihrer Meinung nach?

Ja, sie wehren sich sogar entschieden gegen ihn. Gegenwärtig nutzen die alten Eliten etwa die Ausweitung des Begriffs »Populismus«, um jegliche Veränderung zu verhindern. Dabei reden sie den Menschen ein, dass all diejenigen, die sich dem wirtschaftlichen und politischen Status quo wiedersetzen, Autoritäre und Demagogen sind. Wenn Sie mich fragen, dann sind es jedoch gerade die alten Eliten, die überhaupt erst die Bedingungen für den Aufstieg von Demagogen geschaffen haben. Von ihnen geht die eigentliche Gefahr aus. Sie haben sich so sehr daran gewöhnt, an den Schaltern der Macht zu sitzen und das System zu ihren Gunsten zu gestalten, dass es für sie mittlerweile außer Frage steht, die Bühne zu räumen. Deshalb wird sich der politische Streit zwischen den Generationen meiner Meinung nach auch noch weiter verschärfen, zum Beispiel 2020, wenn in den USA die nächsten Präsidentschaftswahlen anstehen. Und ich muss sagen: In den meisten Debatten würde ich mich momentan ohne zu Zögern auf die Seite der Jugend stellen.

Das Interview führte Kai Schnier



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