Der Klassenkampf der Frauen

von Jagoda Marinic

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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In Santiago de Chile protestieren Frauen im November 2019 gegen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch. Foto: Marcelo Hernandez / Getty Images


Es ist ein Jahr, in dem man getrost sagen darf: Wer keine Bücher über Feminismus liest, ist nicht bei Verstand. Spätestens seit #MeToo ist klar: Der Feminismus des 21. Jahrhunderts schlägt weltweit zurück. Anlass dazu gibt das alte Patriarchat allerorts: Mit Donald Trump kam in den USA ein Sexist an die Macht, mit Bolsonaro in Brasilien jemand, der Minderheitenkämpfe nicht als demokratische Bewegung versteht. Auch in Deutschland sind die Zeiten nach Merkel lange nicht gesichert. Die Herren, die Merkel einst hinter sich ließ, stehen wieder bereit für die höchsten Ämter im Land. Deutschland ist – vor allem im wirtschaftlichen Bereich – ein Land, in dem sich Feministinnen und Feministen wappnen sollten.

Zwei wichtige neue Bücher sind gerade erschienen, die reichlich Material für das Verständnis der Situation bieten, in der sich Frauen weltweit befinden: Das Manifest „Feminismus für die 99 %“ von Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser. Und Kristen R. Ghodsee verdankt sich der fast historische Wälzer „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Obwohl die Titel anderes vermuten lassen, ist das Manifest des Autorinnentrios das provokantere Werk. Auch das radikalere. 

„Feminismus für die 99 %“ beginnt mit dem »Waterloo des Feminismus«, den die Autorinnen im Jahr 2016 verorten: Hillary Clinton hätte die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden können, doch die Frauen versagten ihr die Wählerstimmen. Der Grund sei einfach: Frauen in prekären Lebenssituationen verstünden allmählich, dass „die Besetzung hoher Ämter durch Frauen aus der Elite“ nicht zwingend die Lebensumstände der überwiegenden Mehrheit weltweit verbessern würde. Besser Streik als Chefsessel im Raubtierkapitalismus des einen Prozent.

Der liberale Feminismus, der Quoten will und Teilhabe an der Macht, ist für die Autorinnen nur Geschlechtergerechtigkeit für das eine Prozent der Superreichen

Es ist das Ende des sogenannten Lean-in-Feminismus, den Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, ausgerufen hatte, als sie Frauen zu mehr Eigenverantwortung und zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie aufrief. „Feminismus für die 99 %“ ist vielmehr ein radikaler Angriff auf ebendiesen liberalen Feminismus, auf die Behauptung, Feminismus wäre die Praxis, noch mehr menschliche Arbeitskraft in Gestalt von Frauen einem deformierten Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Der liberale Feminismus, der Quoten will und Teilhabe an der Macht, ist für die Autorinnen nur Geschlechtergerechtigkeit für das eine Prozent der Superreichen. Sie wollen ein Ende der Armut in Zeiten globalen Wohlstands. Arruzzas, Bhattacharyas und Frasers Manifest setzt auf feministische Streikbewegungen, die im Oktober 2016 von Polen bis Argentinien Hunderttausende von Frauen auf die Straßen brachten, in beinahe traditionellen Klassenkämpfen, ergänzt um Fragen der Identitätspolitik. Naturgemäß spielt für diese Frauen der 8. März eine große Rolle. Sie sehen sich als Vordenkerinnen eines „Frauenstreik-Feminismus“, einer neuen, nicht dagewesenen „Phase des Klassenkampfes: feministisch, internationalistisch und antirassistisch“.

Seine stärksten Momente hat dieses Manifest dort, wo es um die Frage geht, wie im kapitalistischen System für die Reproduzierbarkeit des Lebens zu sorgen ist. Hier liegt die Verwundbarkeit der Frauen. Und es sind paradoxerweise oft Frauen selbst, die, indem sie den liberalen Feminismus leben, ihre Erfolge auf dem Rücken ärmerer, oft migrantischer Frauen austragen (müssen), weil diese die Sorgearbeit leisten. Der liberale Feminismus gestatte „weiblichen Fach- und Führungskräften gerade dadurch, sich `durchzusetzen` (lean in), dass er ihnen die Möglichkeit bietet, sich auf jene schlecht bezahlten migrantischen Frauen zu `stützen` (lean on), an die sie ihre Pflege- und Hausarbeit delegieren“. Hier, so meinen die Autorinnen, scheitert der liberale Feminismus kolossal. Weil Frauen andere Frauen für die Elitenzugehörigkeit ausbeuten, habe der liberale Feminismus seinen schlechten Ruf in der Breite der weiblichen Bevölkerung. Aus dieser Art Feminismus sei kein Ende des Patriarchats zu machen. Im Gegenteil.

Die Analysen des Manifests sind radikal und lesen sich leicht, einnehmend in ihrer Entschiedenheit. Es bleiben viele Fragen offen: zum Beispiel, wie die gegenwärtige Gesellschaftsordnung radikal auszuhebeln wäre und ob es wirklich hilft, wenn Frauen unterdessen nicht versuchen, Teil der Elite zu werden, die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben entwickelt. Die Autorinnen scheinen keine Chance in Frauen zu sehen, die „sich reinhängen“ in Führungspositionen und Schlüsselstellen dieser Gesellschaft. Sie glauben nicht an einen Marsch durch die Institutionen, der ein anderes Bewusstsein in das System bringen und es von innen verändern könnte. Der Kapitalismus in seiner heutigen Form sei zu korrupt, zu unersättlich, zu krakenartig. Der Kapitalismus ist für die drei Autorinnen die Grundursache der gesamtgesellschaftlichen Krise, die sich über die Ausbeutung der Frauen hinaus in alle Lebensbereiche fortsetzt: eine Krise der Ökologie, der Politik und der Sorge.

Hillary Clinton scheiterte nicht nur an den Frauen, die ihr die Stimme verweigerten, sondern auch an den zahlreichen Frauen, die für Donald Trump stimmten

Rechte Bewegungen wissen diese offenen Krisen für sich zu nutzen. Sie böten den Menschen einfache, nationale, exklusive Lösungen, während der globale Ansatz der Feministinnen ein internationales, komplexes Denken und Netzwerken erfordert. „Feminismus der 99 %“ lehnt den Schulterschluss mit rechten reaktionären Kräften ab, ebenso wie ein Bündnis mit den neoliberalen Kräften, zu denen die Autorinnen auch den liberalen Feminismus zählen. Offen bleibt bei dieser Radikalität die Frage, ob man so wirklich auf die 99 Prozent aller Frauen kommt, für die das Autorinnentrio sich einzusetzen meint. Sie lassen sich nicht verunsichern durch das Phänomen, dass Hillary Clinton nicht nur an den Frauen scheiterte, die ihr die Stimme verweigerten, sondern auch an den zahlreichen Frauen, die für Donald Trump stimmten. Sprechen sie wirklich auch für diese Frauen, die oftmals unterprivilegiert sind? 

Das Autorinnentrio fordert eine Notbremsung, womit sie sich letztlich in derselben Position wie die junge Klima­bewegung Fridays for Future wiederfinden. Die in diesem Manifest vorgebrachten Ansätze sind radikal jung, denn sie glauben nicht an die Wirkmacht von demokratischen Kompromissen. Sie sind nah an Fridays for Future und den Wissenschaftlern, die sich zusammengetan haben, den Klimanotstand zu fordern. In diesem schmalen Heft finden sich genug Anregungen für die These, wir hätten keine Zeit mehr für die Debatten von gestern. Das Raubtier hat Hunger, der Kapitalismus macht nicht halt vor Menschen, vor Armen und erst recht nicht vor der Natur. Das Manifest fordert eine „wirkliche Lösung“, nichts „Geringeres als eine völlig neue Gesellschaftsordnung“. Da man von der Schwerfälligkeit der Welt ausgehen kann und von der Beharrlichkeit der herrschenden Zustände, bleibt nach diesem radikalen Manifest vor allem die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die sich noch vorstellen können, dass Bewegungen machbar sind. Hier zeigen drei starke Stimmen, welche Denkprozesse solchen Bewegungen vorausgehen müssen.

Wie rette ich erfolgreiche politische Ansätze aus Zeiten, in denen totalitäre Regime herrschten?

Kristen R. Ghodsee hingegen legt ihr Buch „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“ weit weniger aufrührerisch an, gleichwohl nicht minder radikal, macht man sich bewusst, dass ihr Buch zunächst in den Vereinigen Staaten erschienen ist, wo „Sozialismus“ eines der heftigsten Schimpfwörter der Politik ist. Wer staatliche Sicherung fordert, der verrät den amerikanischen Traum. Ihr Buch umgibt die Aura eines historischen Nachschlagewerks: Es bündelt Wissen über eine Zeit und Region, über die viele sich zu wenig Fragen gestellt haben. Für Ghodsee ist das Ende des Kalten Krieges der Moment, der uns die gegenwärtigen Zustände brachte. Wo kein Gegner, da kein Kampf um Ideen. Auch sie beschreibt den Siegeszug des Raubtierkapitalismus, doch sie fordert keinen radikalen Gegenentwurf wie das Manifest „Feminismus für die 99 %“. Sie möchte über Maßnahmen reden, die Frauen und Mütter in den Arbeitsmarkt integrieren. Ihr Versuch ist heikel und theoretisch gut unterfüttert: Wie rette ich erfolgreiche politische Ansätze aus Zeiten, in denen totalitäre Regime herrschten? Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, man dürfe keine „differenzierte Sicht auf den Totalitarismus“ fördern: Erfolgreiche frauenpolitische Maßnahmen stünden nicht mehr zur Debatte, weil man auf die Zeiten, in denen sie „Best Practice“ waren, nicht mehr hinweisen kann. Ghodsee stützt sich daher auf die Auswertung von Studien, analysiert diese jedoch entlang spannender Fragestellungen und spickt sie mit ironischen Kommentaren. 

Ghodsee schreibt mit diesem Buch ein Stück Frauengeschichte über die Zeit vor dem Mauerfall. Sie zeigt Bilder von Frauen auf der Weltbühne, die noch unbekannt sind, weil die erfolgreichen Geschichten des Ostens zu lange unerzählt blieben (um bloß keine Milde gegen die untergegangenen Unrechtsregime aufkommen zu lassen). Sie erzählt, wie das Wettrüsten in Zeiten des Kalten Krieges in alle gesellschaftlichen Bereiche vordrang, wie John F. Kennedy 1961 die rechtlichen Voraussetzungen für die „Erste Kommission zur Stellung der Frauen“ schuf, die später mithilfe von Eleanor Roosevelt das Fundament legte für die Frauenbewegung in den USA. Der Grund für die USA, sich vom Ideal der Frau am Herd als „American Way of Life“ zu verabschieden, war unter anderem die Russin Walentina Tereschkowa, die als erste Frau im All die Erde 48-mal umkreiste. „Man fürchtete, dass die Staatssozialisten bei der Entwicklung neuer Technologien im Vorteil waren, weil sie über doppelt so viele kluge Köpfe verfügten – in Russland wurden Frauen besser ausgebildet und die besten und intelligentesten für die wissenschaftliche Forschung rekrutiert.“

Man sieht Elena Lagadinova, die jüngste Partisanin, die gegen die bulgarische Monarchie kämpfte, neben der legendären US-amerikanischen Feministin Angela Davis

Wie schnell Frauen sich über den kompetitiven Ansatz ihrer Regierungen hinwegsetzten, zeigt das erste Bild im Buch: Man sieht Elena Lagadinova, die jüngste Partisanin, die gegen die bulgarische Monarchie kämpfte, neben der legendären US-amerikanischen Feministin Angela Davis, beide wie durch einen vertraulichen Gedanken vereint lächelnd. Das Foto ist mit einer Widmung versehen: „To Elena. Much love and solidarity. Angela“. Das war im Jahr 1972, weibliche Solidarität in Zeiten des Kalten Krieges. Ghodsee räumt den Frauen des Kalten Krieges einen würdigen Platz in der Frauenbewegung ein. Sie schreibt humorvoll genug, um zu wissen, wie wenig sie wirklich Aussagen über das Sexualleben in Zeiten des Sozialismus machen kann, doch ihr Ansatz, den Mängeln der Gegenwart mit Alternativen aus der Vergangenheit entgegenzutreten, ist mutig und kreativ, und er bringt Ost und West miteinander ins Gespräch.

Man muss sich als Leserin glücklicherweise nicht zwischen den Büchern entscheiden, im Gegenteil. Sie zeigen, wie breit sich feministische Literatur aufstellen muss, um wirkmächtig zu sein. Man könnte behaupten, es ginge um Stufen von Entwicklungen: Ghodsee diskutiert Maßnahmen, die einer sozialen Marktwirtschaft ad hoc zur Verfügen stehen, damit Frauen besser arbeiten und dadurch freier leben, freier lieben können. Doch der »Feminismus für die 99 %« will über solche frauenpolitischen Maßnahmen nicht länger diskutieren. Aus Sicht der Autorinnen sind das Nuancen einer defekten Gesellschaftsordnung, in der eine Minderheit die Mehrheit der Menschen für ihre kapitalistischen Gewinne missbraucht. In diesem Spannungsfeld bewegt sich feministische Literatur heute. Gerade der Unwille, einen Konsens zu finden auf der Suche nach einer gerechteren Welt, könnte das Erfolgsgeheimnis der vielfältigen Frauenbewegungen der Jetztzeit sein.

Feminismus für die 99%. Ein Manifest. Von Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser. Matthes&Seitz, Berlin, 2019.

Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Von Kristen R. Ghodsee. Suhrkamp, Berlin, 2019.



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