„Kulturcheck für die Wirtschaft“

ein Interview mit Sigrid Weigel

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)

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Foto: ifk.ac.at


Frau Weigel, Ihre Studie zur Außenkulturpolitik schaut nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, nach Deutschland. Warum?

Außenkulturpolitik beginnt im Innern. Die Prinzipien, für die sie international eintritt, müssen durch die deutsche Politik gedeckt sein. Zudem geht es seit Langem nicht mehr nur um die Repräsentation deutscher Kunst im Ausland, sondern um die Zusammenarbeit mit Akteuren in Partnerländern, besonders aus der Zivilgesellschaft.

Getrennte Politikressorts seien globalen Transformationsprozessen nicht mehr gewachsen, stellen Sie fest und sagen: Wirtschaftspolitik ist Kultur-politik. Können Sie das erläutern?

Ein Anspruch Auswärtiger Kulturpolitik lautet: »die Globalisierung verantwortlich gestalten«. Wie soll das gehen, wenn gleichzeitig auch die deutsche Wirtschaft mitverantwortlich ist für die Schere, die zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern entstanden ist, international und auch im Innern. Das jüngste Beispiel sind die Brände in Brasilien: Der Regenwald wird zerstört für Felder, auf denen am Amazonas Tierfutter für die deutsche Billigfleisch-Produktion angebaut wird. Niedrige Löhne hierzulande wiederum erzeugen die Nachfrage nach billigem Fleisch. Insofern plädiere ich dafür, die Experten aus der Außenkulturpolitik mit ihrem Wissen über die Bedingungen vor Ort in die Planung außen- und handelspolitischer Schritte einzubeziehen. Der Wandel zur Elektromobilität im Westen etwa führt letztlich zu einer Verlagerung der Umweltprobleme in andere Länder. Lithium für Batterien wird in Südamerika abgebaut, wo dafür jahrtausendealten Kulturen die Lebensgrundlage entzogen wird. Deshalb schlage ich vor, dass in geplante Wirtschaftsmaßnahmen regelmäßig ein Entwicklungs- und Kulturcheck der Außenkulturpolitik eingebaut wird.

Wäre damit die Außenkulturpolitik dafür zuständig, die Werte Deutschlands in der Handelspolitik sicherzustellen, mit einer Art Vetorecht?

Ja. Sonst ist die Rede vom »Wettbewerb der Narrative« bloße Rhetorik. Ohnehin sind gelebte Demokratie und Menschenrechte viel überzeugender.

Sie kritisieren auch das Vokabular der Außenkulturpolitik. Weshalb?

Ich untersuche die Geschichte von Begriffen wie »Soft Power«, die durch ihre Herkunft aus dem Kalten Krieg hoch belastet sind. »Wettbewerb der Narrative« oder »Nation Branding« entstammen ökonomischen Konzepten und folgen Marketingprinzipien. Eine seriöse Außenkulturpolitik braucht diesen Jargon nicht.

In internationalen Rankings gehört Deutschland nach wie vor zu den beliebtesten Ländern der Welt.

Die Attraktivität geht von der schimmernden Oberfläche des Wohlstands aus, von dem ja immer mehr ausgeschlossen sind. Das Forum  Menschenrechte listet einen ganzen Katalog von Kriterien aus dem UN-Sozial- und Kulturpakt auf, die in Deutschland defizitär sind; dazu gehört die steigende Kinderarmut. Hier hat Deutschland viel an Glaubwürdigkeit verloren, genauso wie in der Klima- und Wirtschaftspolitik.  

Auch der Umgang mit Afrika wird derzeit stark diskutiert. Ist Deutschland hier auf dem richtigen Weg?

Wir brauchen eine Revision der Afrikapolitik. Politisch will sie Migrationsursachen bekämpfen. Wirtschaftlich geht es um die Erschließung neuer Märkte. Wenn man sich mit diesem Widerspruch nicht auseinandersetzt, dient die Außenkulturpolitik nur der Kompensation unseres schlechten Gewissens. Notwendig wäre eine ressortübergreifende Konferenz »Afrikapolitik auf dem Prüfstand«. Dasselbe gilt für die Themen Integration, Islampolitik,  Ost- und Westdeutschland.

Sie fordern Austausch auf Augenhöhe, doch die wirtschaftliche Überlegenheit scheint sich in die westliche DNA eingeschrieben zu haben.

Überlegenheitsgefühle gehören zum kulturellen Unbewussten Europas. Damit müssen wir uns aus­einandersetzen. Das betrifft auch die endlich angelaufene Debatte über die Folgen der Kolonisierung. Die sollte nicht auf die Frage der Rückgabe von Kulturgütern reduziert werden; es geht auch um unser Selbstverständnis.

Sie befassen sich intensiv mit Vor- und Nachteilen des Nationalstaats.

Es geht um die Spannungen zwischen dem Nationalstaat als Verfassung, die Grundrechte formuliert, und dem Konzept nationaler Kultur. Für den Nationalstaat als politisches Gemeinwesen gibt es bisher keinen Ersatz. Die Grundrechte aber sind von der real gelebten Demokratie abhängig, nicht von Ideen wie Kulturnation und Leitkultur, die letztlich auf Ausgrenzung basieren. Wir müssen uns die Frage nach tragenden Gemeinsamkeiten stellen. Diese Frage wurde nicht erst durch die Migration zum Problem moderner pluraler Gesellschaften.

Wo sollen gemeinsame Bezugspunkte herkommen? Sind Menschen mit zu viel Diversität überfordert?

Nur dann, wenn sie sie nicht kennen. Die Angst vor Fremden ist immer dort am größten, wo es keine Fremden gibt. Die Begegnung ist manchmal schwierig, aber wo ein Austausch stattfindet, gelingt sie besser als da, wo nur Feindbilder aus der Ferne stehen.

Sie betonen, dass viel gelingen kann, wenn der politische Wille da ist ...

Ich bin nicht an utopischen Theorien interessiert, sondern an umsetzbaren Vorschlägen. Es geht darum, Lobbyarbeit zurückzudrängen, etwa dafür zu sorgen, dass EU-Wirtschaftssubventionen an die Einhaltung von Sozial- und Arbeitsrechtsstandards gebunden werden.

Auch hier wollen Sie die Außenkulturpolitik in die Pflicht nehmen?

Ich verstehe meine Studie nicht als Kritik der bestehenden Außenkulturpolitik, sondern im Gegenteil als eine Aufwertung. Und eher als Kritik der politischen Strukturen und als Plädoyer dafür, die Stimme der Außenkulturpolitik zu stärken und ihr Wissen zu nutzen.

Welchen Ihrer Vorschläge würden Sie gerne sofort umgesetzt sehen?

Eine Kommission zur Aufarbeitung der Wiedervereinigung könnte man schnell einsetzen. Frank-Walter Steinmeier könnte das in die Hand nehmen. Er war es, der vor einigen Jahren den Review-Prozess für die Außenkulturpolitik angestoßen hat; hier könnte er ihn innenpolitisch weiterführen.

Transnationale Auswärtige Kulturpolitik. Jenseits der Nationalkultur. Von Sigrid Weigel. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart, 2019.
 



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