Vermitteln lernen

von Heidi Tagliavini

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Ich habe etwa in Genf, also in einer Fremdsprache, Literatur in drei Sprachen studiert und mich als 20-Jährige damit zunächst total überfordert – mich dann aber bei einem Stipendiumaufenthalt in Moskau durch die russische Sprache durchgebissen.

Mein Vater war Architekt, ein Selfmademan aus einer italienischen Arbeiterfamilie, meine Mutter war Malerin aus einem konservativen Patrizierhaus, sie sehr zurückhaltend, er höchst temperamentvoll. Zur Diplomatie bin ich eher zufällig durch einen wiedergefundenen Cousin gekommen, er war Diplomat. Ich konnte mir nicht viel unter Diplomatie vorstellen, hatte die üblichen Klischeevorstellungen von Empfängen mit Cocktails. Aber bei der Aufnahmeprüfung merkte ich, wie faszinierend dieser Bezug zur Aktualität war. Mein erster Auslandseinsatz war in Peru. Die interessantesten Posten sind oft dort, wo es nur eine kleine Botschaft gibt und man sich also mit allem befassen muss, wie es in Lima der Fall war.

Zurück im Analytischen Dienst in Bern war ich zuständig für das, was man damals den Ostblock nannte, also von der DDR bis Wladiwostok. Ich habe in dieser Zeit gelernt, wie schwierig es ist, entscheidende Momente in der Geschichte vorauszusagen. Wir haben in den späten 1980er-Jahren gemerkt, dass sich in Jugoslawien etwas zusammenbraute, aber nicht vorausgesehen, was da auf uns zurollen würde, ebenso wenig wie den Mauerfall. 1985, beim berühmten Genfer Gipfeltreffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow musste ich als Nicht-Dolmetscherin die Gespräche mit unserer Regierung übersetzen.

Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, aber es ging. Auch an ein Treffen mit dem russischen Verteidigungsminister in der Zeit der Cruise-Missiles erinnere ich mich mit Schrecken ... Der direkte Kontakt mit solchen Persönlichkeiten hat mich geprägt und meinen Durchhaltewillen gestärkt. Auch der mit  Künstlern, wie dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch oder dem Maler Jean Tinguely, für den ich in Moskau 1990 eine große Ausstellung organisierte. Ich war damals in Moskau auf Posten. Es waren wohl welthistorisch die wichtigsten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Man hatte es nicht für möglich gehalten, dass dieser starre Apparat der Sowjetunion einfach in sich zusammenfallen könnte.

Der stärkste Einschnitt in meinem Berufsleben war mein erster Einsatz in einer OSZE-Friedensmission im Krieg in Tschetschenien. Dort habe ich hautnah erlebt, was Krieg bedeutet. Die Frontlinie ging mitten durch Grosny und jeden Abend, jede Nacht gab es Artilleriebeschuss über unseren Köpfen. Es hat mir gezeigt, wie schnell man an seine psychischen Grenzen kommen kann, als ich einmal zur Identifikation einer verscharrten Leiche gehen musste. Es gelang uns 1995 immerhin, einen ersten Waffenstillstand auszuhandeln, das hat die Situation beruhigt. Aber so etwas wie Alarmbereitschaft, dieses jederzeit Hinter-sich-Schauen, habe ich bis heute in mir.

Von der UNO wurde ich 2002 in Georgien als Sondergesandte und Leiterin der UNO-Militärbeobachter-Mission für den Konflikt mit Abchasien eingesetzt. Wie findet man eine politische Lösung, wenn eine Partei Unabhängigkeit anstrebt, die andere aber die territoriale Integrität wahren will? Wenn alles immer an einem seidenen Faden hängt? In solchen Missionen habe ich gemerkt, dass man auf einem hohen Posten sehr einsam sein kann und wie wertvoll es ist, wenn man eine Vertrauensperson hat, mit der man sich austauschen kann. Aber mich haben diese Missionen auch immer mit einem Gefühl einer sinnvollen und rechtmäßig getanen Arbeit erfüllt.

Nach dem Georgienkrieg von 2008 habe ich im Auftrag der EU den Untersuchungsbericht über die Ursachen und den Verlauf dieses Fünftagekriegs verfasst. Es war eine äußerst heikle Arbeit und entsprechend eine arbeitsintensive Zeit, der kleinste faktische Fehler wäre verhängnisvoll gewesen. Er hätte den ganzen Bericht entwertet. Aber mit diesem Bericht haben wir die Fakten geklärt, die Lage beruhigt und Standards dafür etabliert, was im Völkerrecht zugelassen ist.

Mein letzter Einsatz 2014 bis 2015 gehörte zu den schwierigsten: die Vermittlung zur Beilegung des Konflikts in der Ostukraine und den Minsker Vereinbarungen. Angela Merkels zentrale Rolle und ihre Ruhe und Ausdauer haben mich dort sehr beeindruckt. Heute versuche ich, meine Erfahrungen über die Dynamik in Konflikten zu Papier zu bringen. In den zwanzig Jahren Konflikterfahrung habe ich viel gelernt. Zentral für mich in allen Verhandlungen war auch immer, eine respektvolle Sprache einzufordern. Immerhin hatte ich es meist mit Leuten zu tun, denen man das Gewissen in Erinnerung rufen konnte, etwa durch einen Gedanken an ihre Familie. Das Schlimmste sind abgebrühte Zyniker, die nichts mehr haben, was ihnen etwas wert ist.

Protokolliert von Friedericke Biron



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