Morgens auf dem Meer

von Ibrahim Maahil Mohamed

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Gemanafushi ist eine Insel im Süden der Malediven, im Huvadhu-Atoll. Der Lebensunterhalt der Menschen hier hängt fast vollständig vom Fischfang ab. In jeder Familie gibt es einen Fischer, einen wie den 32-jährigen Ahmed Shafiu.

Shafiu wollte nie Fischer werden. Er studierte Pädagogik und leitete an der Schule seiner Heimatinsel den Fachbereich Wirtschaft. Doch nach dem Vergütungssystem im öffentlichen Dienst verdiente er nur rund 12.000 Rufiyaa monatlich (etwa 700 Euro). Nicht gerade viel für einen Masterabschluss. Shafius jüngerer Bruder Saajín kam irgendwann zu ihm und lud ihn ein, mit ihm F­ischen zu gehen. Mit dem Fischen, erzählte der Bruder, verdiene er im Monat rund 25.000 bis 30.000 Rufiyaa (1.455 bis 1.750 Euro).

Shafiu hielt dagegen: Zum Fischen müsse man mehrere Tage lang auf das Meer hinaus und Heim und Familie verlassen. Doch je länger er darüber nachdachte, umso mehr war er entschlossen, selbst auch einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Im März 2018 kündigte er seine Stelle an der Schule.

Fisch gilt als die Lebensader der Malediven. Seit der Besiedlung des Archipels vor mehr als 2.000 Jahren gehen die Malediver fischen und haben verschiedene Formen der Haltbarmachung von Fisch entwickelt (Sonnentrocknung, Salzen). Bis heute ist Fisch das wichtigste Exportgut der Malediven. Doch seit der Tourismus boomt und auch Bürojobs in Großhandel, Handel, Buchhaltung, Marketing, Werbung und Health Care ihren Platz auf den Malediven haben, gilt die Fischereiwirtschaft als »unappetitlich«. Fischer werden als ungebildete Menschen angesehen, die schmutzige Arbeit verrichten. Noch heute drohen manche Lehrer ihren schlechten Schülern, dass sie als Fischer enden würden, wenn sie ihre Leistungen nicht verbesserten.

»Auch wir haben das von unseren Lehrern zu hören bekommen«, erzählt Shafiu. »Ich finde, das zeigt die sehr schlechte Einstellung gegenüber der Fischerei auf den Malediven. Die Menschen denken, dass wir Drecksarbeit verrichten. Mein kleiner Bruder erzählte uns, dass ihn ein Mädchen verließ, nachdem sie herausfand, dass er Fischer war. Seitdem hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der Welt zu beweisen, dass das Fischen kein mieser Beruf ist und die Fischer Respekt verdienen.«

Sein Bruder Saajín sei »einer der besten Fischer der Gegend«, sagt Shafiu. Der 21-Jährige ist in der lokalen Social-Media-Szene als »Zuvaan Masveriya« (»Junger Fischer«) bekannt und verbreitet seine Angelabenteuer über Twitter. Seit 2015 benutzen Shafiu und seine Geschwister Facebook- und Twitteraccounts unter dem Namen »Gemanafushi Masverin« (»Gemanafushis Fischer«), um das Bewusstsein für die Fischerei und nachhaltige Angelmethoden zu fördern. Mittlerweile hat diese Bewegung sich zu einer Organisation entwickelt, die »Dhivehi Masverin« heißt und seit 2018 mit Shafiu als Präsident die Fischerei der ganzen Inseln vertritt.

Die Verwendung von Netzen oder Schleppnetzen ist illegal. Das macht die Fischerei der Malediven einzigartig. Auf den Inseln wird nachhaltig – ohne Beifang – gefischt, wobei sowohl Schnüre an Ruten als auch Leinen mit bloßen Händen eingesetzt werden. Laut der International Pole and Line Foundation erzielten die Malediven mit über 76.000 Tonnen Fisch pro Jahr zwischen 2011 und 2016 die höchsten Fangerträge nachhaltig gefangenen Fischs im Indischen Ozean.

Hussain Zareer von der Insel Fehendoo auf dem Maalhosmadulu-Atoll wartet am Hafen im nordwestlichen Bazarbezirk der Hauptstadt Malé auf mich. Der 51-jährige Fischer im Ruhestand zog 2015 mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in die Stadt und beendete damit seine Karriere auf See. Heute nimmt mich Zareer an Bord einer Dhoni mit, eines traditionellen Boots, das einem alten Freund gehört.

Das Boot läuft Malé an, um Kalhubilamas (Echten Bonito) an die Händler auf dem Fischmarkt der Stadt zu verkaufen. Kalhubilama ist der am häufigsten auf den Malediven gefangene Fisch, gefolgt vom Reendhoo Uraha Kanneli (Gelbflossenthunfisch). Beide Arten werden auf sehr unterschiedliche Weise gefangen.

Zareer stellt mich seinem Freund vor, dem Besitzer der Dhoni, der schnell einwilligt, mich an diesem sonnigen Tag mit hinaus auf See zu nehmen. »Auf dieser Dhoni fängt man zuerst Rehi (Silbersprotten) als Köder. Manchmal werden auch Miyaren (Sardellen) verwendet«, sagt Zareer und zeigt mir das Fach auf dem Deck, in dem die Lebendköder aufbewahrt werden. Die Köderfische für die Kanneli, die man fangen möchte, sind größer, Fische wie Mushimas (Großaugen-Heringsmakrelen), Rihmas (Runde Scats) und Rondu (Drückerfische). An Bord können die Köderfische länger als eine Woche am Leben bleiben.

Die Fischer verrichten den Köderfang in den frühen Morgenstunden. Sie strahlen mit Quecksilberlampen ins Meer, um die Tiere anzulocken. Früher wurden Netze ins Meer geworfen, aber heute sind unter den Fischern drei erfahrene Taucher, die genau wissen, wie es anders geht: Mit Wurfnetzen und teilweise mit den bloßen Händen fangen sie die Köderfische direkt im Wasser.

Die Dhoni macht sich auf den Weg, und nach ein paar Stunden Fahrt über das Meer findet die Besatzung einen Schwarm Kalhubilamas. Die Männer schnappen sich ihre Dhoshi (Rute und Leine) und eilen aufs Deck. Der Enkeyolhu, dessen Aufgabe es ist, Köder ins Meer zu werfen, beginnt mit seiner Arbeit und plötzlich regnet es Kalhubilamas auf das Deck. Die Männer fangen einen nach dem anderen, unermüdlich, bis innerhalb kürzester Zeit fast der ganze Schwarm an Bord ist.

»Sehen Sie das?« Zareer sieht mich ehrfürchtig an. »Nur wer gut drauf ist, kann so arbeiten. Nachhaltige Fischerei ist eine Kunst. Dafür ist unser Land berühmt. Was wir hier auf ehrenhafte Weise fangen, landet im Westen in den Supermarktregalen.«

Auf der Insel Gemanafushi erklärt mir Shafiu an einem anderen Tag, wie man Gelbflossenthunfisch fängt. »Die meisten Fischer fangen entweder den einen oder den anderen Fisch. Kanneli wird mit der Leynu (Handleine) gefangen. Das ist eine vergleichsweise anstrengende Arbeit. Die Kanneli schwimmen mit den Koamas (Delfinen) herum. Die Fischer nähern sich also Schwärmen von Delfinen und lassen Handleinen mit Köderfischen und künstlichen Ködern daran ins Wasser. Die Kanneli werden von den Ködern abgelenkt und so werden sie gefangen«, sagt Shafiu.

In früheren Zeiten war das Fischen eine mühselige Angelegenheit. Vor der Motorisierung hatten die Dhonis Segel. Die Fischer machten sich morgens um sechs Uhr auf den Weg und fingen sechs Stunden lang Köder. Sie erreichten den Fischsammler, eine schwimmende Holzkonstruktion im Wasser, deren Schatten Fische anzieht, um vier Uhr nachmittags. Schutz vor Regen oder Sonne gab es an Bord nicht.

Die Schiffe konnten nur zwanzig Liter Wasser für die Männer an Bord mitnehmen. Das reichte nicht aus, um sich nach dem Fang zu säubern. Morgens um zwei Uhr kehrten sie schließlich wieder auf die Insel zurück. Es war ein anstrengendes Leben, von dem Shafiu mir erzählt: »Als Junge habe ich die Alten manchmal auf ihren Angeltouren begleitet. Das war eine Strafe, weil es so hart war. Wenn es regnete, waren wir zum Scheitern verurteilt. Ich erinnere mich noch, wie ich versuchte, mich unter einer Plane zu verstecken.«

Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Die Boote sind heute motorisiert und ihre Ausrüstung hat sich durch Technik erheblich verbessert. »Der Keyolhu (Kapitän) spürt den Schwarm mit dem Radar auf und lenkt das Schiff in seine Richtung, selbst wenn wir schlafen. An Bord schlafen wir in klimatisierten Räumen. Jeder Mann hat sein eigenes Bett. Wie zu Hause gibt es Esszimmer, Wohnzimmer und Gemeinschaftsräume. Essen ist immer verfügbar und wir machen zu jeder Tageszeit das, was wir wollen«, fährt er fort. »Nur beim Fischen oder beim Beladen der Waage mit Fischen werden wir schmutzig. Natürlich waschen wir uns danach. Wir pflegen uns und benutzen Düfte wie jeder andere an Land auch. Diese angenehme Arbeit machen wir jede Woche. Was soll schon problematisch daran sein, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen?«

Wie lange auf den Malediven noch so reichlich Thunfisch gefangen wird, weiß niemand. Doch das liegt weniger an dem Plastikmüll, der auch auf den Malediven inzwischen zum Problem geworden ist: In Fischen, die an den Riffen gefangen wurden, fand man Reste von Plastiktüten. In Thunfischen jedoch noch nicht. Diese leben nicht in der Nähe der Riffe, wie mir Shafiu erklärt, sondern sind sich schnelle, frei schwimmende Fische. Allerdings kommt es durch die globale Erwärmung auf den Riffen zur Korallenbleiche. Und die Riffe seien die Zonen, erklärt Shafiu, wo die Köderfische leben. Wenn die Korallen sterben, werden auch weniger Köderfische gefangen und somit weniger Thunfische.       

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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