„Kein Unterschied zwischen ›er‹ und ›sie‹“

Interview mit Amalia Gnanadesikan

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Frau Gnanadesikan, die Geografie der Malediven ist sehr speziell, Menschen leben über ein großes Gebiet im Indischen Ozean auf Hunderten Inseln verteilt. Wirkt sich das auf die Sprache aus?

Ich glaube, es gibt einen Einfluss der Geografie. Beispielsweise bezeichnet das Wort »rah« sowohl »Insel« als auch »Dorf« oder einfach nur »Land«. Weil normalerweise nicht mehr als ein Dorf auf einer Insel ist, gibt es eine fast exakte Überlappung von trockenem Land und Land, auf dem ein Dorf stehen könnte. So würde man sagen, dass man auf der Insel ist, auf der man lebt, und damit meinen, dass man in dem Dorf ist, in dem man lebt. Das Wort für »Hauptstadt« ist »Insel der Herrschenden oder der Anführer«.

Gibt es weitere Besonderheiten des Dhivehi?

Für Jemanden, der eine europäische Sprache spricht, gibt es einen besonders komplizierten Aspekt: Wenn man über den Standort einer Person spricht, also darüber wo sie gerade ist, kann man nicht einfach sagen: »Sie ist dort.« Sondern man muss sagen, dass sie dort steht, sitzt oder liegt. Dasselbe gilt für Dinge, entsprechend ihrer Form. Ein Baum würde im Dhivehi immer stehen. Das lässt sich von seiner Form ableiten, aber was ist, wenn man über eine Idee spricht, welche Form hat diese? Doch hierfür gibt es Konventionen, weswegen man sagen würde, dass Ideen »liegen«. Man muss also über die Form nachdenken und darüber wo sich die Person befindet, und manchmal muss man es einfach wissen, wenn man darüber sprechen will. Dhivehi ist zudem eine sehr geschlechterneutrale Sprache. Eine Menge Wörter unterscheiden nicht zwischen männlichen und weiblichen Formen. Es gibt etwa keinen Unterschied zwischen »er« und »sie«.

Dhivehi hat ein eigenes Alphabet. Wie ist es aufgebaut?

Thaana hat 24 Hauptbuchstaben, welche die Konsonanten bilden, und elf kleinere Zeichen für die Vokale. Die neun ersten Buchstaben und die ersten Konsonanten des ­Dhi­vehi-Alphabets wurden von den Ziffern von eins bis neun aus der östlich-arabischen Schrift abgeleitet. Dass Buchstaben von Zahlen abstammen, ist einzigartig in der Welt. Die folgenden neun Buchstaben wurde wahrscheinlich von den einheimischen Ziffern abgeleitet, die in einer älteren Schrift verwendet wurden. Der Rest des Alphabets wurde einfach konstruiert, indem einer der ersten 18 Buchstaben verändert wurde. Die Malediven hatten seit jeher eine hohe Alphabetisierungsrate, da das Alphabet sehr effektiv ist und die Menschen es leicht erlernen können.

Was ist so leicht an dem Alphabet?

Die Schrift entspricht dem Klang der Sprache. Schaut man die Schrift an, kann man Vokale und Konsonanten bereits aufgrund ihrer unterschiedlichen Formen leicht unterscheiden. Die Vokale sind kleine Markierungen, die über und manchmal auch unter die Konsonanten geschrieben werden. Eine Textzeile in Dhivehi hat drei Ebenen. Die mittlere Ebene besteht aus aneinandergereihten Buchstaben, den Konsonanten. In der oberen Ebene stehen sehr viele Vokale und in der unteren Ebene auch einige.

Wie wurde das Alphabet entwickelt?

Es wurde ungefähr im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert entwickelt. Die Malediver waren ein paar Jahrzehnte zuvor zum Islam konvertiert. Bis dahin hatten sie eine Schrift verwendet, die verwandt mit den Schriftsystemen in Indien und Sri Lanka war, die von links nach rechts verlaufen. Wie aber will man etwas im eigenen Text auf Arabisch zitieren, insbesondere aus dem Koran, der ja nicht übersetzt werden darf, wenn die arabische Schrift von recht nach links läuft? Man weiß nicht, wie viel Platz man im Text freilassen muss, wenn man etwas im arabischen Original zitieren möchte. Also entwickelten die Malediver eine Schrift, die von rechts nach links verläuft. So kann man leicht von der arabischen Schrift ins Dhivehi-Alphabet wechseln.

Das Interview führte Timo Berger
Aus dem Englischen von Vanessa Götz



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