Lieben in Angst

von Ahmed Ali

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Schäfchenwolken jagen über den blauen Himmel, während eine lebhafte Westwindbrise durch die leeren Straßen von Malé weht. Die Feiertage rund um das muslimische Opferfest stehen vor der Tür. Viele haben die Hauptstadt schon verlassen und befinden sich auf dem Weg zu ihrer Verwandtschaft auf kleineren Inseln. Andere, die es sich leisten können, nutzen die freien Tage gar für eine Reise in ein benachbartes Land.

In unserem Stammcafé trinkt Hussain seinen Kaffee schwarz und raucht eine Zigarette. Seine Augen, die normalerweise vor Lebensfreude blitzen, sind heute ausdruckslos und offenbaren keinerlei Emotion. Ich kenne die Anzeichen: So ist mein Freund Hussain nur, wenn er zutiefst unglücklich ist. Wir trinken Kaffee und ich höre ihm zu, auch wenn er zunächst nichts Konkretes preisgeben will. Ich weiß, dass er mir irgendwann erzählen wird, was ihn belastet. Denn Hussain hat kein einfaches Leben.

Vor sieben Jahren verliebte er sich in einen Mann. Ich freute mich mit ihm, doch gleichzeitig breitete sich auch sofort ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend aus, umso mehr, als er mir verriet, dass das Subjekt seiner Zuneigung, Ali, verheiratet sei. Um meine zwiespältigen Gefühle zu verstehen, muss ich wohl etwas genauer erklären, was es auf den Malediven bedeutet, ein schwuler Mann zu sein.
Die drakonische Gesetzgebung unseres Landes basiert nach wie vor auf der Scharia und geht mit Homosexuellen sehr harsch um. Wird homosexuelles Verhalten von Männern entdeckt, dann kann die Strafe je nach Härte des Vorwurfs von hundert öffentlichen Peitschenhieben bis zu langjährigen Haftstrafen reichen. Und selbst nach einer Auspeitschung ist das vorherige Leben des Betroffenen vorbei. Er wird sozial geächtet, mit Spott und Hohn überhäuft und es wird ihm nahezu unmöglich gemacht, eine neue Arbeit zu finden. Erstaunlicherweise ist die homosexuelle Liebe unter Frauen nicht kriminalisiert. Allerdings wird lesbische Liebe von vielen auch nicht als „echte“ Liebe oder „echte“ Sexualität verstanden. Frauen müssen darum keine drastischen Strafen befürchten, aber auch sie sind der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn ihre Beziehung öffentlich werden sollte.

Viele schwule Männer führen ein Doppelleben, sind verheiratet und haben Kinder

Ich glaube, ein großer Teil der maledivischen Männer und Jugendlichen hat mindestens einmal im Leben homosexuelle Erfahrungen gemacht. Aber niemand gibt es öffentlich zu. Die berühmte Ausnahme ist der Fall des Bloggers Rasheed, der sich offen für die Rechte von Homosexuellen aussprach und dafür büßen musste: Er wurde mit Steinen beworfen und vor seinem eigenen Haus mit einem Messer angegriffen, später verließ er das Land. Heute lebt er zurückgezogen.

Was im Alltag aber viel schlimmere Folgen hat als die gesetzliche Diskriminierung, ist das gesellschaftliche Tabu von Homosexualität unter Männern. Darum führen viele schwule Männer ein Doppelleben. Sie sind verheiratet, haben Kinder und führen nach außen hin ein ganz „normales“ Leben. Die gesellschaftliche Norm der Ehe, der Druck der Familie, ist für viele einfach zu mächtig, um sich dagegen zu sträuben. Das Ausleben ihres wahren Begehrens und Liebens findet anderswo statt. So auch bei Ali, Hussains großer Liebe.

Obwohl es auf den Malediven sehr verbreitet ist, dass verheiratete Männer nebenbei mit anderen Männern eine Affäre anfangen, hatte ich meinen Freund doch davor gewarnt. Es bedeutet zwangsläufig, emotional abhängig zu werden: immer der Geliebte zu sein, die zweite Wahl, quasi im Stand-by-Modus zu leben und sich nur im Verborgenen ausleben zu können. Aber in der Liebe, so sagte Hussain mir, gibt es keine Logik oder Vernunft.

Doch ich greife vor. Zunächst sah Hussain seine Lage nur durch die rosarote Brille. Vor ein paar Wochen kam er begeistert in meine Wohnung gestürmt. „Ali hat mich über die Feiertage zu einer romantischen Urlaubsreise nach Sri Lanka eingeladen!“, platzte es aus ihm heraus. „Und was ist mit Alis Frau?“, fragte ich beunruhigt. „Das ist gar kein Problem, sie fährt auf die Heimatinsel ihrer Eltern im Ari-Atoll“, antwortete er, und keiner meiner Einwände konnte das strahlende Lächeln auf seinem Gesicht trüben.

Jetzt sitzt Hussain wie versteinert neben mir und schaut so verzweifelt, dass ich es nicht mehr ertragen kann und nachfrage. Mit stockender Stimme erzählt er, dass Alis Frau spontan ihre Meinung geändert habe und nun mit nach Sri Lanka komme. Offenbar war sie misstrauisch geworden und wollte wissen, was es mit dieser extrem engen Freundschaft ihres Mannes mit Hussain auf sich hatte. Ihre unschuldig geäußerte Bitte, auf die Reise mitzukommen, machte Ali nervös. Kurzfristig sagte er Hussain für die Reise ab, um ja kein Risiko einzugehen, als schwul geoutet zu werden. Ein Streit am Telefon endete schließlich damit, dass die beiden Liebenden eine Pause ihrer Affäre einlegten. Darum also sitzt Hussain nun vor mir, als sei die Welt untergegangen.

Es gibt nichts, was ich darauf erwidern kann, keine tröstenden Worte. Denn ganz gleich, was ich sage, bleibt doch die einfache Tatsache bestehen, dass homosexuelle Liebe auf den Malediven früher oder später immer eine schmerzhafte Angelegenheit ist.

Die Chancen, auf unseren Inseln eine glückliche, monogame homosexuelle Partnerschaft zu finden, stehen mehr als schlecht – zumindest, wenn man Malediver ist. Für die Touristen auf den Resortinseln gelten diese Gesetze und die gesellschaftliche Ächtung nicht, ja, es gibt sogar Resorts, die im Internet als „Traumlocation für schwule Hochzeiten“ beworben werden. Schwule Malediver können, wenn sie es sich denn leisten können, auf einer Resortinsel eine kleine Auszeit von der ständigen Verheimlichung ihres wahren Wesens genießen. Aber im alltäglichen Leben, in den Straßen von Malé oder Addu City, könnten zwei Männer niemals Händchen halten.

Erst kürzlich musste ein Schönheitssalon in Malé nach massiven Protesten schließen. Sein Vergehen: In einer Werbeanzeige war neben fröhlichen, schönen Menschen auch die Regenbogenflagge zu sehen gewesen. Schlagzeilen machte auch der Fall eines Maledivers, der im August 2019 seinen Partner in Berlin heiratete. Sein Hochzeitsfoto auf Facebook löste einen gewaltigen Shitstorm in den sozialen Medien aus und schaffte es sogar ins maledivische Fernsehen. Dort wurde berichtet, dies sei der erste Fall, bei dem ein maledivischer Staatsbürger einen Mann geheiratet habe. Ein Abgeordneter des maledivischen Parlaments schrieb auf Twitter: „Ich werde alle betreffenden Behörden informieren, um ihm die Staatsbürgerschaft zu entziehen.“ Diese Reaktionen zeigen, dass die Situation auf den Malediven keineswegs leichter wird für all diejenigen, die das gleiche Geschlecht lieben. Im Gegenteil, der soziale Druck von religiösen orthodoxen Gruppen wird eher stärker, und an der Gesetzgebung wagt niemand zu rütteln.

Für die Touristen auf den Resortinseln gelten die Gesetze und die gesellschaftliche Ächtung nicht

Einige von uns beschließen darum, den inneren Teil von uns selbst zu unterdrücken, der sich nach Romantik und Liebe sehnt. Andere lassen sich auf hastige, körperliche Begegnungen in anonymen Gästehäusern ein, vermittelt durch Apps wie Grindr oder Planet Romeo. Das ist riskant, denn es besteht immer die Gefahr, angeschwärzt zu werden oder in eine spontane Polizeikontrolle zu geraten. Wieder andere sterben tausend seelische Tode, weil sie nicht in der Lage sind, ein erfülltes Leben zu führen, da ihr Liebster bereits verheiratet ist. Und viele verlegen sich darauf zu hoffen, dass eines Tages ein schöner Ritter auf einem weißen Pferd ihres Weges geritten kommt, um sie vor diesem Leben in Angst zu erretten. Denn es ist diese konstante Angst, verfolgt und entdeckt und öffentlich entblößt zu werden, die unseren Alltag beherrscht.

Man sagt, dass die Malediven ein Paradies auf Erden seien. Das mag ja stimmen. Ich bin mir sicher, dass es für die Millionen von Touristen, die sich auf unseren exquisiten Koralleninseln sonnen, zutrifft. Doch für uns, die wir hier leben und unser wahres Selbst verbergen müssen, sieht die Realität ganz anders aus.

aus dem Englischen von Gundula Haage

 



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