Die Kunst des Auslassens

von Rosa Gosch

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Wann fühlt man sich als Teil der Geschichte, fragt Loel Zwecker in der Einleitung zu seinem neuen Buch „Was bisher geschah. Eine kleine Weltgeschichte“. Eine Antwort liefert er gleich mit: Es kommt darauf an. Es kommt auf das Alter, die Lebensumstände, die Persönlichkeit des Befragten an. Kurzum, Geschichtsverständnis ist subjektiv und Geschichtsschreibung ist es auch. So gibt Zwecker frei heraus zu, dass seine Weltgeschichte keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Wer mehrere Tausend Jahre globale Vergangenheit, von den frühen Hochkulturen des Nahen Ostens bis zur aktuellen Finanzkrise, auf knapp 400 Seiten erzählen möchte, muss denn auch eines sehr gut beherrschen: die Kunst des Auslassens. Loel Zwecker tut dies und nach der Lektüre seines Buches weiß man zweifellos sehr viel mehr über vergangene Menschen und Welten. Nur näher und vertrauter fühlt man sich ihnen leider kaum – nicht zuletzt weil der Zauber, den Geschichte und Geschichtsschreibung ausüben können, in der Kürze ein wenig verloren geht.

Zwecker lässt den Leser vorab kurz in zweieinhalb Millionen Jahre Vorgeschichte hineinschnuppern, bevor er sich im ersten Kapitel den frühen Schriftkulturen in Ägypten, Mesopotamien und Paläs-tina widmet. In diesem und den folgenden vierzehn Kapiteln tippt Zwecker die meisten Epochen der Menschheitsgeschichte mehr oder minder kräftig an und umreißt dabei insbesondere die philosophischen, religiösen und künstlerischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit. Er führt den Leser ins alte Griechenland und nach Rom, zeigt Asien, Europa und Australien zwischen Antike und Mittelalter, bevor er sich nach einem Streifzug durch die frühe Neuzeit dem 16. bis 19. Jahrhundert widmet. Weitere knapp 100 Seiten bleiben für das 20. Jahrhundert und eine Abrechnung mit der „totalen Ökonomisierung“ der Gegenwart.

Promoviert in Kunst und Politik, zeigt sich der 1968 geborene Autor, der sein letztes Buch, „Picassos Purpur-Periode“, über das politische Engagement des Künstlers geschrieben hat, in seinem neuen Werk im Hinblick auf Anspruch und Stil eher als Feuilletonist denn als Wissenschaftler. Hier gibt es keine Fußnoten, hier lautet der Titel zum Kapitel über das europäische Mittelalter „Heiliger Slapstick“, und hier zwinkert der Autor dem Leser immer gern zu, wenn er beispielsweise über den mittelalterlichen Ablasshandel „garantiert unbefangener Kleriker“ referiert. Zwecker erzählt – anders als in Geschichtsbüchern üblich – im Präsens und zeichnet ganz im Geist der Zeit Bergleute und Schmiede der Vorgeschichte als „frühe Start-up-Unternehmen”, den Nil als „information highway” der alten Ägypter und das Wirken der calvinistischen Lehre im 16. Jahrhundert als Aufbau einer „inneren Controlling-Abteilung” im einzelnen Gläubigen. Diese Sprache ist – gerade für ein Geschichtsbuch – originell, ruft aber auch das Gefühl der Anbiederung des Autors an die Jetztzeit hervor und macht so Geschichte nur bedingt lebendig.

Immer wieder versucht Zwecker den Bogen über die Jahrhunderte hinweg zu spannen und die verbindenden Elemente der fernen Epochen aufzuzeigen. Er verweist auf Parallelen über Länder- und Zeitgrenzen hinaus, beispielsweise zwischen der Geburt des Buddhismus und der durch Martin Luther ausgelösten religiösen Neubesinnung der Reformation, oder er verfolgt einzelne Motive durch den Zeitenwandel hindurch. So erkennt man in Graffiti an New Yorker U-Bahn-Zügen der 1960er-Jahre das alttestamentarische Menetekel-Graffito aus dem Buch Daniel wieder.

Die chronologisch geordneten Kapitel werden oft mit Aktualitätsbezug eingeleitet. Manche Vergleiche wie der zwischen der heutigen Supermacht USA und dem antiken Römischen Reich überraschen dabei kaum. Anders verhält es sich oft, wenn der europäische Kulturkreis verlassen wird. So erfährt man beispielsweise, dass China und Indien bereits Erfahrungen als aufstrebende Konkurrenten einer Supermacht, wie sie sie heute für die USA darstellen, haben, denn bereits im 3. Jahrhundert vor Christus konnten chinesische und indische Großreiche dem Römischen Imperium das Wasser reichen.

Zweckers Weltgeschichte ist trotz Konzentration auf Kernthemen und -epochen reich an Informationen. Das Buch reiht sich allerdings eher in die Reihe populärer Übersichtsfibeln nach dem Motto „Alles, was man wissen muss“ ein, als dass es die Nachfolge von Ernst Gombrichs „Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser“, die seit dem ersten Erscheinen 1935 auch heute noch überzeugt, antreten könnte. Dazu stößt Zwecker dem Leser zu selten bisher verschlossene Tore in die Vergangenheit auf und vermag die Faszination nicht zu vermitteln, die von der Beschäftigung mit Geschichte ausgehen kann. Ein einfallsreiches Buch, dem durch die Kunst des Auslassens manchmal auch die Leidenschaft abhandenkommt.

Was bisher geschah. Eine kleine Weltgeschichte. Von Loel Zwecker. Pantheon, München, 2010.



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