Koch, Putzkraft oder Gotteskrieger

von Francesca Borri

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Das Land, das mich am meisten über die Dschihadisten lehrte, waren die Malediven. Ja, genau. Die Malediven. Dieses nicht arabische Land, das für seine Strände und Luxusresorts berühmt ist, aber gleichzeitig pro Kopf die höchste Anzahl ausländischer Kämpfer nach Syrien entsendet. Wenn man in Paris oder Brüssel mit Muslimen über den sogenannten Islamischen Staat spricht, dann haben alle diesen beschämten Gesichtsausdruck, als wollten sie sich entschuldigen. Sie sagen: »Das sind keine wahren Muslime.« Auf den Malediven sagen Viele dagegen: »Das sind Helden.«

Mit nur gut 400.000 Einwohnern und jährlich drei Milliarden US-Dollar Einnahmen aus dem Tourismus gleicht der kleine Inselstaat beinahe der reichen Schweiz. Doch eine Handvoll gut vernetzter Geschäftsmänner kontrolliert beinahe alles. Für viele andere gibt es nur ein Leben in Armut. Heroinsucht und Gewalttaten sind nicht selten in den Straßen von Malé. Die Malediven bieten beste Voraussetzungen, um Dschihadisten hervorzubringen. Alles auf einem Fleck, Armut und fehlende Zukunftsaussichten inklusive der Religion. Saudi-Arabien finanziert viele Schulen – und importiert dabei die radikale Auslegung des Korans gleich mit.

Es ist hart, über Dschihadisten zu schreiben. Vor allem, weil die meisten der eigenen Vorannahmen nicht bestätigt werden. Das Ganze geschieht vor dem Hintergrund einer anderen Kultur, anderer Werte. Auch wenn Dschihadisten viele verschiedene Motivationen haben mögen, so teilen sie doch alle eine Idee: Gerechtigkeit durch Religion. Als ich im Jahr 2015 auf den Malediven ankam, um dort für mein Buch zu recherchieren, waren gerade die letzten Tage von Aleppo angebrochen. Zahlreiche Malediver, mit denen ich sprach, wollten dorthin. Nach Syrien, das mit seinen 500.000 Toten für viele Muslime zum Symbol einer Welt geworden war, in der muslimische Leben nichts zählten.

Der Erste, mit dem ich auf den Malediven sprach, war Ali, zwanzig Jahre alt und Student. Sein Vater hatte ihm einen Flug in die Türkei als Zwischenstopp auf dem Weg nach Syrien bezahlt. Nur der Islam mache einen frei, so sagte er, »weil man sich Gott unterwirft und den eigenen Werten und nicht etwa Assad«. Für Ali bedeutete der Islam, »auf dem richtigen Pfad zu bleiben, auch wenn um dich herum die Welt in Stücke geht. Und dass die Menschen im Zentrum der Gesellschaft stehen. Nicht irgendein Gangster, der gerade an der Macht ist.« Gleich nach dem Propheten war Malcolm X sein Vorbild.

Auch den Bruder von Ailam, einer 25-jährigen Anwältin aus Malé, zog es nach Syrien. »Die Dschihadisten sind ganz normale Jungs. Sie sind wie wir«, erklärte sie mir. Bevor er in den Kampf zog, hatte ihr Bruder in einem der zahlreichen Urlaubsresorts gearbeitet. Aber wenn man Malediver ist, bekommt man dort höchstens einen Job als Koch, als Portier oder Putzkraft und steht dabei auch noch in Konkurrenz zu den Einwanderern aus Bangladesch, die illegal beschäftigt und ausgebeutet werden. Für einen Job mit direktem Kontakt zu den ausländischen Touristen bevorzugen die Hoteliers westliche Expats. Ailams Bruder ging auch deshalb fort, weil er auf den Malediven keine Perspektive sah und weil alle seine Freunde weggegangen waren. Ailam war die Einzige aus ihrer Familie, die noch mit ihm sprach, jedes Mal in Sorge, dass er sie davon überzeugen könne, auch fortzugehen. »Wenn man sich eine bessere Welt wünscht, muss man auch ein besserer Mensch werden und mit sich selbst anfangen«, sagte sie. »Aber stattdessen sitzen wir hier und tun so, als ob in Syrien nichts passiert.« Das Gleiche erzählte mir auch ein anderer maledivische Dschihadist, mit dem ich per Skype sprach. Er befand sich bereits in Aleppo. »Ich bin genau aus diesem Grund hier: um den Krieg zu beenden«, sagte er. »Taten sind wichtiger als Worte.«

Das Problem ist, dass wir Kriegsberichterstatter normalerweise nur mit den Dschihadisten an der Front sprechen. Mit jungen, unerfahrenen Kämpfern, von denen wir aber die großen Erklärungen erwarten. Das ist so ähnlich, als würde man einen einfachen Soldaten der US-Marines fragen, wie die US-amerikanische Strategie für den Nahen Osten aussieht. Natürlich geht das nicht auf. Wenn man aber mit Dschihadisten verschiedenen Alters spricht, die unterschiedliche Rollen innehaben, dann verändert sich das eigene Bild zwangsläufig. 

So ging es mir, als ich während meiner Recherchen an einer Art Geschäftsmeeting von vier Dschihadisten aus verschiedenen Ländern teilnahm, die sich als Logistik­spezialisten vorstellten. Offenbar nutzten sie die Malediven als neutralen Treffpunkt und zur Geldwäsche – was auch die Al Jazeera-Dokumentation »Stealing Paradise« nahelegt. »Als wir das Kalifat gründeten und die Grenze zwischen Syrien und Irak niederrissen, habt ihr euch beeilt, uns zu bombardieren. Aber warum? Wie habt ihr denn Europa erschaffen? Wenn eine Grenze zwischen einem Polen und einem Portugiesen für euch keinen Sinn macht, warum sollte eine Grenze zwischen einem Syrer und einem Iraki dann für uns Sinn machen, wo die beiden doch die gleiche Sprache sprechen?«, fragte mich Abu Yasser. Er stammte aus einer irakischen Beduinenfamilie. »Wenn du unsere Leute danach fragst, woher sie stammen, dann sagen sie: Von meinem Vater und dem Vater meines Vaters. Sie sagen nicht: aus dem Irak«, erklärte er. »Denn wenn du an einen Staat denkst, dann fallen dir Krankenhäuser ein oder Autobahnen. Oder Renten. Du denkst an etwas, das dich absichert. Für mich allerdings ist ein Staat etwas, vor dem ich mich in Schutz nehmen muss.«

Kareem wiederum, der aus Ägypten stammt, ging in seiner Kritik an uns westlichen Journalisten sogar noch weiter: »Ihr versucht uns aufzubürden, was ihr selbst kritisiert: den Nationalstaat und die Demokratie. Ihr behauptet immer, die wahre Macht gehe von den Banken und den multinationalen Konzernen aus. Ihr sagt, dass Regierungen keine Bedeutung mehr hätten. Warum sollten wir ein System wollen, von dem ihr selbst sagt, es funktioniere nicht? Warum wollt ihr nicht akzeptieren, dass wir nach einem besseren System suchen?« Dieses bessere System war für Kareem ganz selbstverständlich die Scharia. »Am Ende wollen wir doch alle das Gleiche: Wir wollen wieder selbst über unsere Leben bestimmen«, fügte er hinzu.

Doch meine Recherchen auf den Malediven verliefen nicht immer so friedlich und erkenntnisreich. Und zwar weniger, weil auch die Malediven ihre Kopfabschneider haben; vielmehr geht die Gefahr dort eher von denen aus, die die Realität des radikalen Islamismus vertuschen wollen. Die nicht wollen, dass alles, was sich hinter der schönen Fassade aus Meer und Strand und Palmen verbirgt, sichtbar wird: die Gewalt, die Armut und Ungleichheit. Darum geht von denjenigen, die die Wirtschaft dominieren, oft die größte Gefahr aus. Am 23. April 2015 wurde Yameen Rasheed, einer der bekanntesten Blogger der Malediven, erstochen. Er war 29 Jahre alt. Rasheed hatte nicht nur mir viel bei meinen Recherchen geholfen, sondern auch Al Jazeera bei einer Dokumentation über Korruption unterstützt. Alle anderen, die uns damals geholfen haben, leben heute im Ausland.

Auch der junge Student Ali mit den dschihadistischen Träumen hat den Inselstaat inzwischen verlassen. Allerdings ist er doch nicht gen Syrien gereist. Er promoviert heute in Europa. Am Ende zählt vermutlich doch vor allem das Weggehen. So hat es mir auch der maledivische Menschenrechtsaktivist Ahmed Nazeer bestätigt: »Wenn du es dir leisten kannst, dann gehst du für ein Studium nach Übersee. Wenn nicht, dann fährst du nach Syrien. Denn alles ist besser als das Leben hier.«

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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